Auf welchem Sitzmöbel sich Emmanuel Macron niederlässt, verrät eine Menge über den französischen Präsidenten. Vergangene Woche zum Beispiel nahm er auf einem durchsichtigen Plastikstuhl Platz, in einer Dorfschule in der Normandie, die Bilder wurden im französischen Fernsehen übertragen. "Gut so", sagt der Pariser Ökonom Jean Pisani-Ferry. "Man hat Macron schon auf viele Königsstühle gesetzt, aber der Plastikstuhl passt besser zu ihm."

Soll heißen: Ihr täuscht euch in Macron! Er ist nicht der neue Monarch alter französischer Tradition, der moderne Napoleon. Er ist anders: ein Macher, ein Effizienzfanatiker, ein Aktionist der Digitalisierung. Ein Politiker, der wie ein Unternehmer denkt und sich vorgenommen hat, gegen die Zuckerbergs dieser Welt die Oberhand zu behalten. Er will das ganze Land rationaler und damit konkurrenzfähiger machen. Dafür braucht es Mobilität und Lernbereitschaft. Er selbst, der Präsident auf dem Plastikstuhl, verkörpert genau das.

So sieht auch der an seine Universität zurückgekehrte Wirtschaftsprofessor Pisani-Ferry seinen heutigen Präsidenten. Pisani-Ferry war der wichtigste Vordenker Macrons. Er schrieb zu Beginn des vorigen Jahres das Wirtschaftsprogramm für den damaligen Präsidentschaftskandidaten, das der als Amtsinhaber bis heute fast schon abgearbeitet hat. Ein knappes Jahr hat der 40-Jährige dafür nur gebraucht. Inzwischen gibt es ein neues Arbeitsrecht mit weniger Kündigungsschutz, sehr viel geringere Kapital- und Vermögensteuern, ein deutlich niedrigeres staatliches Haushaltsdefizit und eine umfassende Bildungsreform. Als "außergewöhnlich" bezeichnet Pisani-Ferry das, kein Vorgänger habe sich so konsequent an sein Programm gehalten.

In dieser Woche jährt sich Macrons Sieg im ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen, der ihm zum Durchbruch verhalf und wenig später in den Élysée-Palast beförderte. Doch Pisani-Ferry erkennt den Mann nicht wieder. "Als ich das Programm schrieb, fragte und diskutierte Emmanuel viel", erzählt er, "doch seit er regiert, hat er sich in eine Kriegsmaschine verwandelt. Für ihn zählen nur noch Taten."

Zur Maschinerie zählt auch der neue Regierungsapparat Macrons. Er arbeitet anders als alle vorherigen Regierungen der Fünften Republik. "Mit einer nie da gewesenen Konzentration der Entscheidungsmacht hat der Staatschef ein Pilotsystem der Exekutive geschaffen, wie es der Struktur eines Großkonzerns entspricht", schreibt das Pariser Wirtschaftsmagazin Challenges. Die Journalisten des Magazins haben etliche Entscheidungen des Präsidenten bis ins Detail nachvollzogen. Wie er noch um zwei Uhr nachts eine Stellungnahme zum zukünftigen Anteil der Atomenergie am französischen Energiemix schreibt. Wie er sich in die Entscheidung um die für das Jahr 2022 geplante Schließung eines kleinen Provinzgefängnisses mit 80 Angestellten einmischt. Nichts entgeht ihm. "Indem er sich um alles kümmert, fordert er jeden Minister, jede Abteilung eines Ministeriums heraus, wie ein neuer Chef, der sein ganzes Unternehmen unter Strom setzen will", heißt es in Challenges.

"Seit er regiert, hat sich Macron in eine Kriegsmaschine verwandelt"

Neu ist zum Beispiel, dass kein Mitarbeiter wirklich politisches Eigengewicht besitzt, nicht einmal der Premierminister. Bis zum vergangenen Herbst kannten laut einer repräsentativen Umfrage 38 Prozent der Franzosen nicht den Namen ihres Regierungschefs. Er heißt Édouard Philippe, aber man muss ihn nicht kennen. Anstatt ein persönliches politisches Profil bringen Macrons Ressortchefs professionelle Erfahrung mit, so wie Arbeitsministerin Muriel Penicaud, die vorher Personalchefin beim französischen Weltkonzern Danone war. "Sektoren-Verantwortliche" nennt Pisani-Ferry die Mitglieder des Macron-Kabinetts etwas abfällig. Er selbst wurde einst als Ministerkandidat gehandelt, erfüllte aber nicht die wichtigste Anforderung: absolute Loyalität gegenüber dem Chef. Kabinettsfehden wie mit einem Minister Seehofer in Berlin sind deshalb in Paris heute unvorstellbar.

Es soll dennoch nicht kritiklos zugehen. Macron hat den wöchentlich tagenden Ministerrat, der den Berliner Kabinettssitzungen entspricht, zur streng abgeschirmten, aber intern offenen Diskussionsrunde auf Entscheider-Ebene umgestaltet. "Der Ministerrat soll nicht mehr Vorlagen der einzelnen Ministerien absegnen, sondern ein echtes Steuerungs- und Entscheidungsgremium sein", sagt der Generalsekretär des Élysée-Palasts, Alexis Kohler. Früher haben die Minister während der Treffen oft von den Spickzetteln ihrer Beamten abgelesen – das ist unter Macron verboten.