DIE ZEIT: Herr Zuckowski, Sie haben über 20 Millionen CDs verkauft, Generationen sind mit Ihren Liedern aufgewachsen, mit Wie schön, dass du geboren bist! oder In der Weihnachtsbäckerei. Nun fürchten Sie, einige Ihrer Lieder könnten in Kitas und Schulen bald nicht mehr gesungen werden. Warum?

Rolf Zuckowski: An Schulen verändert sich die Sprache gerade stark: Man spricht vielerorts nur noch gegendert, sagt "Schülerinnen und Schüler", "Lehrerinnen und Lehrer". Man kann Kindern nur noch schwer erklären, warum Liedersprache anders klingt. In meinem Geburtstagslied heißt es: "Alle deine Freunde freuen sich mit dir." In den Schulen könnte man bald fragen: "Freunde? Sind da die Mädchen nicht drin?"

ZEIT: Hat sich denn jemand aus den Schulen bei Ihnen beschwert?

Zuckowski: Nein, aber die Veränderung der Sprache wird an vielen Stellen sichtbar: Zu meinem Liederzyklus Die Vogelhochzeit sind gerade Unterrichtsmaterialien für die Schule erschienen. Da stehen immer wieder Sätze drin wie: "Die Lehrkraft versammelt die Schülerinnen und Schüler vor der Tafel." Der Herausgeber sagte mir: So muss man heute für Schulen schreiben. Ich bin jetzt siebzig Jahre alt und sorge mich um die Zukunft meiner Lieder: Was passiert mit ihnen, wenn ich nicht mehr bin? Werden sie klingen wie aus einer vergangenen Zeit?

ZEIT: Müssen Sie Ihre Texte umschreiben?

Zuckowski: Das geht nicht: Reimen Sie mal auf "Freundinnen und Freunde"! In Unsere Schule hat keine Segel heißt es: "Schüler, Lehrer, Elternrat, heute gibt es kein Diktat." Wollen Sie singen "Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und der Elternrat"? Diese Verdopplung ist musisch nicht umsetzbar. Ich kann meine Lieder nicht ändern in die Sprache, die man in der Schulszene nun benutzt. Ein Lied wie Unsere Schule hat keine Segel würde ich heute wohl nicht mehr schreiben: Ich würde eine Art Maulkorb spüren!

ZEIT: Machen Sie sich damit die Klage von Rechtspopulisten zu eigen, dass "Genderwahn" Sprechverbote schaffe?

Zuckowski: Ich halte nichts vom Schlagwort "Genderwahn". Es möge mir auch keiner unterstellen, ich würde zu alten Zeiten zurückwollen und die Gleichberechtigung infrage stellen. Wohlüberlegtes Gendern ist klug und richtig. Aber wenn man das übertreibt, wird es lästig. Dann verschreckt man Leute, die eigentlich für Gleichstellung sind. Eine Sprache, die die einfache Bevölkerung nicht spricht, eine Sprache, die nicht musisch ist – die wird sich nicht durchsetzen. Ich habe letztens zu Freunden gesagt: Wenn ich zu diesem Thema etwas Sprachfrieden schaffen kann, bin ich glücklich. Ich frage mich, wie Kinderlieder alle einbinden können und trotzdem ins Ohr gehen. Das ist schwierig, denn es gibt so viele Wörter, die keine weibliche Form haben: der Teenager, der Profi ...

ZEIT: ... oder der "Knilch" aus Ihrer Weihnachtsbäckerei: "Zwischen Mehl und Milch / Macht so mancher Knilch / Eine riesengroße Kleckerei." So ein rein männliches Wort steckt doch auch Jungs in eine Schublade!

Zuckowski: Wenn man "Knilch" googelt, findet man die Bedeutung "lustiger Kerl", manchmal auch so was wie "nah am Gauner". Da wollte ich nicht das Klischee verbreiten, nur Jungs würden Schweinereien anstellen. Da war ich einfach ein Opfer meines eigenen Reims.

ZEIT: Was hielten Sie davon, wenn Sie in neuen Liedern abwechselnd von "Schülerinnen" und dann wieder nur von "Schülern" singen?

Zuckowski: Das geht nicht: Ich halte Inkonsequenz nicht aus. Wenn eine Radiomoderatorin "Anlegerinnen und Anleger" sagt, aber ihre Kollegin einen Satz später nur "Anleger" – dann möchte ich mich mit einer Glocke danebensetzen und jedes Mal klingeln. Doch wenn man konsequent ist, wird es kompliziert. Deswegen denke ich: Man kann ja einmal sagen, Frauen sind inbegriffen. An vielen Stellen ist das Gendern ja unnötig. Bei "die Wähler" zum Beispiel gibt es doch keinen Zweifel, dass es um Frauen und Männer geht.