Als wäre es eine Frage, von der das Wohl und Wehe der Donaumonarchie abhing, stritten die Beamten in Wien und Budapest leidenschaftlich: Wie sollte der 18 Meter hohe Flaggenmast gestrichen sein, der vor jedem der fast 500 k. u. k. Konsulate zum Himmel ragte? In Schwarz-Gelb, den Farben der Habsburger-Dynastie, oder in den Landesfarben der beiden Reichsteile? Schließlich einigte man sich 1872 auf einen Kompromiss: auf Farbe wurde verzichtet, es blieb bei der natürlichen Holztönung.

Österreichische Diplomatiegeschichte ist eine reiche Fundgrube für skurrile Anekdoten, haarsträubende Absonderlichkeiten, aber auch fatale Fehlleistungen. Niemand war besser dazu geeignet, diese historischen Trouvaillen in den Dokumentengebirgen, die Generationen von Emissären hinterlassen haben, aufzuspüren als der vor zwei Jahren überraschend verstorbene Diplomat Rudolf Agstner. Von seinem letzten Auslandsposten Addis Abeba zurückgekehrt, war er im Außenministerium in Ungnade gefallen und in eine Bürokammer der Kulturabteilung abgeschoben worden. Fortan verbrachte er seine Zeit damit, das diplomatische Labyrinth in insgesamt 54 Veröffentlichungen bis in den letzten Winkel zu erkunden – mit oft grimmiger Freude angesichts der spätbarocken Unterwürfigkeit seines Berufsstandes und der offenkundigen Unbedarftheit seiner Behörde.

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Sein nun posthum aus dem Nachlass veröffentlichtes Handbuch des k. (u.) k. Konsulardienstes ist sein Opus magnum, in das der Stammgast des Staatsarchivs Jahrzehnte der Recherche investiert hat. Es spannt einen weiten Bogen von der Regierungszeit Maria Theresias bis zum Untergang der Monarchie und listet penibel fast alle Konsuln an den 725 Standorten in aller Welt auf, an denen die Habsburger im Lauf der Jahrhunderte ihre Flagge zeigten. Das ist natürlich ein ungemein sperriger Lesestoff, der seine Geschichte nicht so ohne Weiteres preisgibt. Die Lektüre gleicht einer Trüffelsuche, doch zur Belohnung winkt so mancher Gaulschreck im kakanischen Diplomatennetz.

Rudolf Agstner: Handbuch des k. (u.) k. Konsulardienstes. New Academic Press, Wien 2018; 512 S., 34,– €