Der neue kalte Krieg zwischen den USA und Russland droht zu einer heißen Konfrontation hochzukochen, und ausgerechnet nun explodiert im Westen postsowjetische Mode. Im Gleichschritt mit eher geistigen Trends der Kunstwelt wie der in einer Vielzahl von Coffee-Table-Books ausgewalzten Faszination für sozialistischen Brutalismus oder dem neuen Interesse an sowjetischer Kybernetik in Filmen etwa von Adam Curtis entdeckt die Modewelt den runtergerockten Street-Style des ehemaligen Ostblocks.

Weiß-blau-rot prangen nun, antizyklisch zur Weltlage, russische Flaggen auf den mageren Brustkörben bleicher Hipsterjungs. Von weißen Socken, die im jungen Frühlingslicht sprießen, winken kyrillische Buchstaben unter Adidas-Jogginghosen hervor. Ein ganzer Look wird gerade in die In-Viertel westlicher Großstädte importiert: der Look der Gopniki. Dieser russische Slangausdruck bedeutet wörtlich ungefähr Straßenräuber oder Rabauke, ist jedoch dem englischen Chavs ähnlich: eine Ästhetik der Unterschicht, der Skinheads in massenproduzierten Sportklamotten, schlecht sitzenden Oversize-Pullis mit gigantischen Logos. Am besten schlecht gefälscht, als wäre es ein Fake vom Polenmarkt – damit inszenieren sich Hipster in Blogs und auf Instagram bevorzugt in der Russenhocke, einer Pose von größter Wichtigkeit: das Hinterteil hauchdünn über dem Boden, die Beine angewinkelt und die Arme leger auf den Knien. Es ist die Ästhetik des bei Frank Castorf so beliebten Skandalautors DJ Stalingrad, der die wilden Neunziger in Russland beschreibt, als wären sie A Clockwork Orange.

Der Designer Gosha Rubchinskij kramte zuletzt die olympischen Uniformen der Moskauer Wettkämpfe 1984 als Re-Edition aus dem Mülleimer der Geschichte. Er kollaboriert dafür fleißig mit allen großen Sportswear-Marken. Meist besteht sein hoch bezahlter Gestaltungseingriff darin, seinen Namen in kyrillischen Buchstaben unter das Logo von Fila oder Reebok zu pappen. Adidas ehrte er mit Mehraufwand: Der Name der Marke selbst prangt nun russisch auf den limitierten Jacken und Jogginghosen. Um sich das anzusehen, mussten die Buyer und Influencer für eine Modenschau nach Kaliningrad (Ex-Königsberg) einfliegen.

Neben Rubchinskij bilden die russische Stylistin Lotta Volkova und der georgische Designer Demna Gvasalia die Speerspitze des neuen Ost-Chics. Als Chefdesigner von Balenciaga machte Gvasalia die angestaubte Marke wieder so erfolgreich, dass auch ein Rapper wie der Berliner UFO361 sein Begehren, sich die überdimensionierten Turnschuhe des Labels leisten zu können, in knackige Zeilen presst: "Gib mir, gib mir – Balenciaga!" Denn ohne Oligarchenpapa gibt dir keiner Balenciaga. Oder Vetements.

Das In-Label der Stunde, das vor einiger Zeit bereits postgelbe T-Shirts mit dem DHL-Logo für unschlagbare 250 Euro verkaufte, beschränkt seine Stückzahl so stark, dass es für eine seiner künstlich verknappten Jeans 1.300 Euro verlangen kann. Das entspricht inflationsbereinigt ungefähr den 50 Eiern und drei westlichen Punkplatten, die man in den sowjetischen Achtzigern aufbieten musste, wollte man sich eine echte Levi’s auf dem Schwarzmarkt besorgen. Weiße Socken gibt es bei Vetements dafür bereits ab 80 Euro. Gvasalia gestand in Interviews, er selbst würde nie so viel für ein Kleidungsstück bezahlen. Vielleicht ist also auch dieser Trend bloß eine Verwirrtaktik russischer Trolle.