Es gibt diese Künstler, die scheinbar nie schlafen. Diese Leute, bei denen man sich die ganze Zeit fragt, wie sie das eigentlich machen und was das für ein Zeug ist, das sie sich in den Kaffee tun, denn woher kommen sonst diese Energie und diese Schöpfungskraft, die doch eigentlich kein normaler Mensch aufzubringen in der Lage ist.

Sarah Maria Sun ist eine so kraftstrotzende Musikerin, dass man am liebsten sagen würde: eine Besessene, aber sie mag das Hochtrabende nicht. In ihrem Kaffee bevorzugt sie Sojamilch. Und während das Getränk kalt wird, spricht die Sopranistin mit traumwandlerischer Eloquenz über ihre Kunst. Als eine der führenden Neue-Musik-Interpretinnen ist sie auf den internationalen Opern- und Konzertbühnen mittlerweile so präsent, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. In diesem Frühjahr sang sie in Zürich vor Scharen Neue-Musik-Fans die Uraufführung von Heinz Holligers neuer Oper Lunea – ein mondnachtblaues und zeitlupenlangsames Stück, "in dem Zeit- und Richtungsempfinden ausgehebelt werden", wie Sun sagt.

Die Oper erzählt weniger das Leben denn die Gedankenwelt des Dichters Nikolaus Lenau. Sie hat keine dramatische Handlung, sondern besteht aus 23 "Lebensblättern": Hinter einer langsam vorbeifahrenden schwarzen Wand formieren sich Darsteller und Requisiten jedes Mal neu zu familienfotohaft gestellten Bildern. Wie in einer gigantischen Camera obscura werden sie langzeitbelichtet. Wenn dann ab dem zwölften Bild die Wand aus der anderen Richtung durchs Blickfeld fährt und alles in verkehrter Reihenfolge geschieht, passiert das Gleiche auch musikalisch: Die Sänger singen den Text rückwärts, Rhythmen, Harmonien und Melodien erklingen in sich selbst gespiegelt. So spannt sich Holligers Musik über das Geschehen wie ein einziges langes Lied.

Ein Repertoire von über 800 Stücken

Sarah Maria Sun spielt die Doppelrolle der Marie/Karoline, eine eiserne Braut im stahlgrauen Kleid, die im Laufe des Abends zur Symbolfigur wird – zur Stellvertreterin aller vom Protagonisten sitzen gelassenen Geliebten. Die Sängerin gibt der Figur mit ihrer Mimik eine selten ernsthafte Komik und gestisch eine toughe tänzerische Eleganz, aber vor allem: ihren Glasharfen-Sopran und dessen schwindelerregende Wandelbarkeit. Der Gesangsexperte Holliger hat den Part speziell für Suns Stimme komponiert, für ihre virtuose Beweglichkeit, leichte Höhe und intonatorische Klarheit. "So was zu singen ist ein Traum", sagt die athletische Frau mit den pinselfeinen Gesichtszügen am Morgen nach der Premierenfeier. "Holliger kennt meine Stimme, meine agile, nervöse Seele."

Die 40-Jährige hat ihre blonden Haare zu einem Dutt zusammengerafft, die Nacht sei schlaflos gewesen, sagt sie, dennoch ist ihr Blick hellwach. Von der Decke des Züricher Frühstückslokals regnet elektronische Soundwolkenmusik auf Sofas mit Glitzerkissen, die Atmosphäre erinnert eher an Freitagabend als an Montagmorgen. Am Buffet gibt es Bohneneintopf, Seitan-Geschnetzeltes und Mousse au Chocolat aus Sojabohnen – als Veganerin hat Sun reiche Auswahl. Wir stoßen mit unseren Kaffeetassen an und schauen über die Dächer von Zürich. Vor ziemlich genau 22 Jahren betrat Sarah Maria Sun das erste Mal als freischaffende Sängerin die Bühne, nun bekommt ihre Karriere seit einigen Monaten einen Schub: Allein 2017 kamen sechs CDs heraus, von denen vier für Preise nominiert wurden, Sun gab über ein Dutzend internationale Uraufführungen und wurde vom Magazin Opernwelt als "Sängerin des Jahres" nominiert.

Der entscheidende Schritt in diese Richtung passierte vor zwei Jahren, als sie einer Freundin die Verantwortung für ihre Presse- und Social-Media-Arbeit übergab. "Es ist nicht so, dass ich dadurch mehr oder weniger arbeite", sagt Sun. "Aber die Leute wissen plötzlich, was ich tue. Das macht anscheinend den Unterschied." Dass keine Künstleragentur die ehrgeizige Musikerin vertreten wollte, zwang sie dazu, sich ihr Netzwerk selbst aufzubauen. Heute ist es "ziemlich potent", und auch ihre Agentin bekommt nur partiell Zugriff darauf. "Ich will unabhängig bleiben. Das war meine Bedingung."

Eigentlich beginnt die Geschichte dieser Karriere auf einem Bauernhof im Ruhrgebiet, mit der Intimität der klassischen Gitarre. Das Instrument lernt die Schulanfängerin effektiv und schnell, bald gewinnt sie die ersten Preise. Mit 17 Jahren spielt sie alles, was an Kernrepertoire existiert. "Ich war so ’n kleines Gitarrenwunderkind", sagt sie rückblickend. Als Neunjährige nahm sie Gesangsstunden hinzu, und auch in diesem Fach räumte Sun bei Wettbewerben ab. Später studiert sie Gitarre und danach an den Musikhochschulen Köln und Stuttgart Gesang.

Was sie technisch suchte, fand sie jedoch in der Hochschulausbildung nicht – erst ihre späteren privaten Coaches Darinka Segota und Tanja Ariane Baumgartner vermitteln ihr das Wissen und Können, von dem sie heute lebt. 2007 steigt die Absolventin bei den Neuen Vocalsolisten ein, einem siebenköpfigen Kammermusik-Ensemble für Neue Musik. Mit weltweit 70 Konzerten im Jahr, davon jeweils 30 Uraufführungen, war schon das ein Vollzeitjob – hinzu kamen aber noch die solistischen Auftritte.