Wenn sie Glück haben, landen sie irgendwann in einer Schwindelambulanz – wie der in der Asklepios-Klinik St. Georg in Hamburg. Der Termin dort beginnt immer mit einem ausführlichen Gespräch. "Das Wichtigste bei der Diagnose des Schwindels ist eine vernünftige Anamnese", sagt mir Jens Meyer, Chefarzt der Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der AK St. Georg, als ich die Ambulanz besuche. Erst danach geht's in einen Parcours von Untersuchungen. Ein klassischer Hörtest gehört genauso dazu wie das Anblasen der Trommelfelle mit kalter und warmer Luft, um das Gleichgewichtsorgan zu prüfen. Ein Verfahren, das den Patienten, bei dessen Untersuchung ich zuschauen darf, aufstöhnen lässt – und das mich auf der Stelle erbrechen lassen würde. Schon beim Zuschauen wird mir übel. Zweck der Diagnostik, die hier in der Ambulanz betrieben wird und die bis zu zwei Stunden dauern kann, ist es, die Ursache des Schwindels zu finden, um ihn gezielt behandeln zu können.

Manchmal, vor allem wenn die Patienten allein am gutartigen Lagerungsschwindel leiden, geht das ganz einfach. Dann hilft ein Lagerungsmanöver, bei dem der Patient bestimmte Bewegungen mit dem Kopf machen muss, am besten unter Anleitung des Arztes und am besten mehrfach. Viele dieser Patienten sind danach beschwerdefrei. Bei anderen Formen können ein spezielles Gleichgewichtstraining oder auch Medikamente den Schwindel bessern oder gar beseitigen.

Bei vielen Patienten aber reicht das nicht, sie spüren die Folgen jahrelangen Schwindels nicht nur körperlich: "Schwindel belastet die Patienten sehr, er hat deswegen eine psychologische Komponente", sagt Meyer. Und die muss genauso mitbehandelt werden wie ein weiteres häufiges Problem: Die Patienten sind oft immobil, weil sie sich unsicher fühlen und aus Angst nicht mehr so häufig unterwegs sind. Ein Ziel der Therapie ist es also, sie wieder am Leben teilnehmen zu lassen, ihnen die Angst vor dem Schwindel zu nehmen, etwa durch spezielle Übungen, die einerseits das Gleichgewichtsorgan trainieren, die ihnen aber auch wieder ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geben.

Chronischer Schwindel ist nicht nur ein Symptom, das die eine Ursache hat. So etwas bedarf unterschiedlicher Experten. An Zentren wie dem in Hamburg arbeiten deswegen Therapeuten verschiedenster Fachrichtungen zusammen, HNO-Ärzte, Neurologen, Orthopäden und auch Physiotherapeuten und Psychologen – um Menschen zu helfen, denen man bislang nicht helfen konnte.

Ich dachte bis jetzt, ich hätte meinen Weg gefunden, mit dem Schwindel zu leben. Ich spiele einfach nicht mehr mit meinen Kindern am Strand irgendwelche Ballsportarten, bei denen ich den Kopf plötzlich nach oben und zur Seite bewegen muss. Will ich aus dem Bett aufstehen, arbeite ich mich ganz langsam nach oben und mache nur ja keine schnellen Bewegungen. Und wenn ich Fahrrad fahre, muss halt manchmal ein oberflächlicher Blick in die Kreuzung genügen – die anderen haben ja auch Bremsen. Das ist nicht toll, aber es ist okay. Oder besser: Es war okay. Bis ich die Schwindelambulanz besucht habe und gesehen habe, was alles gegen den Schwindel getan werden kann.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio