Pendlerfahrten sind keine Pilgerreisen. Das ewige Hin und Her von der Wohnung zum Arbeitsplatz bietet für gewöhnlich keinen spirituellen Mehrwert. Für die innere Klausur, den Abstand von der Alltagswelt sorgt allenfalls der Kopfhörer, der Kaffeeduft aus der Thermoskanne könnte profaner nicht sein. Warum setzt sich Pfarrer Olaf Lindenberg dennoch in aller Herrgottsfrühe an mehreren Tagen im Monat in das letzte Abteil der Regionalbahn von Limburg nach Frankfurt, in Priesterhemd und Kollar, um den Zugreisenden ein seelsorgerisches Gespräch anzubieten? Kann er damit Smartphone, Buch und Morgenzeitung ausstechen?

Der Geistliche drängt sich niemandem auf. Er wartet, bis ihn jemand anspricht, signalisiert, ich bin bereit. Lindenberg will mit dieser Aktion den Menschen zeigen: Die Kirche ist nah am Alltag der Menschen dran und hat ein Ohr für die Anliegen der Pendler. Als er sich diese Aktion ausdachte, sagte er sich: "Wenn der Heilige Geist will, dass ich nichts anderes mache als einfach nur Zug zu fahren, dann ist das eben so." Was als Experiment mit dem Titel "Pendeln für die Fastenzeit" zunächst nur bis zum Beginn der Ostertage gedacht war, stieß auf so große Resonanz, dass Lindenberg diese Aktion bis zum Sommer weiterführen will.

Ein Vierteljahrhundert ist er nun schon Pfarrer, seit einem Jahr im pastoralen Raum Blasiusberg im Bistum Limburg. Er wirkt dort auch als Spiritual, Exerzitienbegleiter und Diözesanrichter, betreibt das Online-Portal www.andersbeten.blog. Auf seiner Homepage steht, in welchen Zügen man ihn finden kann. Meistens ist es der Zug um 6.55 Uhr von Limburg nach Frankfurt/Main, zurück geht es um 17.05 Uhr.

Lindenberg, Sohn eines Eisenbahners, weiß: Im Zug kann man seinen Gedanken nachhängen und innehalten. Seine Gelassenheit bewegt inzwischen sogar einige Pendler, einen früheren oder späteren Zug zur Arbeit zu nehmen, um den Geistlichen aufzusuchen. Auf Bahnschwellen spricht es sich leichter, wenn die Schwelle zur Kirchentür zu hoch geworden ist. "Es geht hier nur indirekt um Gott. Ich missioniere nicht", sagt der Geistliche, "ich höre zu." Im Zug erzählen die Menschen, was ihnen Schönes oder Schlimmes widerfahren ist, viele hören auch die geistlichen Impulse des Pfarrers auf seinem Podcast-Blog. Ein Gespräch anbahnen – selten war dieser Ausdruck passender.

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