Es ist die Methode des Boulevards, in der die Nibelungenfestspiele ihr Heil suchen. Ein Held aus Film und Fernsehen, umschwärmt von Satellitenspielern, deren Dienerschaft den Helden noch heller strahlen lässt: Seit der Gründung vor 16 Jahren setzt das pfälzische Festival vor der imposanten Kulisse des Wormser Kaiserdoms auf große Namen. In der männlichen Linie folgten auf Mario Adorf unter anderem Joachim Król und Uwe Ochsenknecht, in der weiblichen auf Maria Schrader beispielsweise Sonja Kirchberger und Meret Becker. In diesem Sommer wird es der aus Hollywood zurückgekehrte Jürgen Prochnow sein, der am Ort der Nibelungensage von der Leinwand auf die Bühne steigt. Mit gegerbter Stimme und zerfurchtem Gesicht könnte der Mann aus Wolfgang Petersens Boot eine Idealbesetzung sein: In Siegfrieds Erben spielt er, mittlerweile 77, den Hunnenkönig Etzel.

Siegfrieds Erben stammt von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Das Autorenteam knüpft in seiner Auftragsarbeit dort an, wo der Mythos endet: Nach dem Gemetzel auf seiner Burg macht sich der Hunnenkönig nach Worms auf, um sein nach dem Ableben aller Konkurrenten rechtmäßiges Erbe einzufordern, den Schatz der Nibelungen. Dass er bei dieser Militäraktion nicht zimperlich vorgehen wird, liegt bei Zaimoglu und Senkel auf der Hand, das Duo bearbeitet seine Stoffe erfahrungsgemäß mit der gleichen Heftigkeit wie Etzel die Burgunder. Und genau das hat sich als Besonderheit der Festspiele erwiesen: Auf dem Boulevard schlauer Vermarktungstechniken schleicht sich das radikale Autorentheater in die Provinz, im Huckepack das avancierte Regietheater. Zu Zaimoglu und Senkel gesellt sich als Regisseur von Siegfrieds Erben der in den Schauspielhäusern von Düsseldorf und Frankfurt arbeitende Roger Vontobel.

An Ambitionen mangelt es in Worms nicht. Und seit der Fernsehproduzent Nico Hofmann, Chef der Ufa, vor drei Jahren die Intendanz übernommen hat, gedeihen sie in der Kaiserstadt prächtiger denn je. "Die Festspiele", sagt sein künstlerischer Leiter Thomas Laue, "sind keine historisierende Veranstaltung, sondern ein Ort, an dem auf der Basis eines Ur-Mythos von der Gegenwart erzählt wird." Diese aktualisierte Erzählung der Nibelungen lieferte zuletzt Albert Ostermaier mit einer eigens für die Festspiele verfassten Trilogie. Auch wenn die Umsetzung als Spektakel unter freiem Himmel nicht immer überzeugte, nährte das Projekt doch die Hoffnung, zu den großen Sommerfestivals aufschließen zu können. Mittlerweile schielt man in Worms tatsächlich nach Salzburg. Immerhin ist man mit den Kunstwagnissen des neuen Intendanten dem ehrgeizigen Ziel etwas näher gekommen als mit dem Prominentenzirkus des alten, der auch ein Mann des Fernsehens war: Dieter Wedel, der die Festspiele 2002 neu begründet hat.

Es scheint, als spiegle Wedels Wirken in Worms die ganze Ambivalenz des in Ungnade gefallenen Regisseurs wider. Als Intendant gelang es ihm, die von den Nazis vereinnahmten Festspiele, die für eine "Weltfeier der Völker germanischen Bluts" herhalten sollten, zu entseuchen – mit einem Programm, das den Splatterstoff der Nibelungen ironisch brach, apokalyptisch zuspitzte und schließlich mit einem Gegenstück kommentierte, Jud Süß von Joshua Sobol. Ohne Wedels Hartnäckigkeit hätte Worms heute wohl keine Festspiele mehr. Und doch fielen dem unbedingten Durchsetzungswillen des Alphatiers auch in der Pfalz Menschen zum Opfer – von Anfang an.

In Wedels erster Saison, als man Moritz Rinkes Nibelungen-Bearbeitung gab, spielte Judith Rosmair die Brünhild, Mario Adorf den Hagen. Rosmair hat sich danach vom Festival verabschiedet und kehrte erst unter Nico Hofmann zurück. Und Adorf, einer der Urheber der Festivalidee, sah man nach seiner Auftaktrolle – wenn überhaupt – nur noch als Gast auf dem roten Teppich: Er fühlte sich von Wedel aus dem Führungskreis der Festspiele "rausgeboxt und rausgeekelt". Die Essenz des Nibelungen-Stoffs (Hass, Rache und Niedertracht) hatte offensichtlich auf den Regie-Intendanten übergegriffen. Hinter den Kulissen etablierte er sich als Alleinherrscher in allen Fragen der Bühnenkunst und der Festivalkonzeption.

Nico Hofmann ist ein Mann von anderem Schlag. Als Teamworker duldet er auch andere Götter neben sich. Nach Zaimoglu/Senkel lässt er im nächsten Jahr Thomas Melle, im übernächsten Ferdinand Schmalz an die deutscheste aller Sagen ran. Und Worms spielt weiter fleißig Metropole.

"Siegfrieds Erben" wird vor der Nordseite des Kaiserdoms aufgeführt; www.nibelungenfestspiele.de, 20. Juli bis 5. August