Filmte er die Mondlandung? – Seite 1

Der Regisseur Stanley Kubrick (1928–1999) litt unter Flugangst, aber er hatte den Traum, das größte aller Flugabenteuer auf die Leinwand zu bringen. Das gelang ihm auch. 2001 – Odyssee im Weltraum ist das unübertroffene Meisterwerk seines Genres (auch deshalb, weil es sich an Genregrenzen nicht hält). Vor 50 Jahren wurde 2001 uraufgeführt, weshalb das Frankfurter Filmmuseum dem Werk eine Sonderausstellung widmet. Und natürlich ist dieser Raum viel zu klein: Angemessen wäre ein Hangar.

Nehmen wir nur das Raumschiff Discovery, in dessen rotierendem Aufenthaltsraum die Astronauten Bowman und Poole ihren Flug ins All verbringen. In Wahrheit war dies ein 30 Tonnen schweres Riesenrad mit 12 Metern Durchmesser, ein Wunderwerk der filmischen Täuschung, worin der Eindruck herzustellen war, die Schauspieler gingen mühelos die kurvigen Wände hinauf. Der Miniatureisenbahn-Enthusiast, der in jedem Mann verborgen ist, würde diese Zentrifuge gern sehen, in voller rotierender Höhe, aber leider ist für die Kubrick-Ausstellung nur der niedere dritte Stock des Museums reserviert.

Die Schau über den größten menschlichen Raumgewinn (einmal quer durchs Universum) ist also eher kleinteilig geworden, etwas für Uhrmacher und Lupenblicker. Allerdings passt das auch gut zu Kubrick, der selbst in seinen größten Momenten von Detailwut nicht frei war: Die Welten, die er schuf, mussten bis zur letzten Ameise stimmen. Kubricks Liebe zum Präzisen, man könnte auch sagen: zum Kleingedruckten des Universums, offenbart sich noch in den sanitären Anlagen, die in 2001 zum Einsatz kommen. Die zero-gravity toilet (für schwerelosen Stuhlgang) ist mit einer derart exakten Gebrauchsanweisung versehen, dass man das Gerät im kosmischen Ernstfall einsetzen könnte.

2001 war eine Reise nach vorn – auch in die Zukunft unserer Produktwelt. 40 Firmen gingen mit Kubrick markenstrategische Partnerschaften ein. Ausgewählte Hersteller (von elektronischen Geräten, Uhren, Besteck, Kameras, Möbeln und so weiter) wurden eingeladen, Prototypen künftiger Produkte herzustellen, die Kubrick dann in 2001 zeigte. Was in Frankfurt zu sehen ist, wirkt wie geborgenes magisches Gut, vom Himmel und aus dem Film gefallene Reste einer Havarie: ein Raumanzug, Bowmans Helm, Modelle von Flugkörpern – und eine Skulptur des Sternenkinds, in das sich Astronaut Bowman am Ende verwandelt. Umfangen von einem Neonlichtreif, hängt das riesige Baby in einer Eihaut aus transparentem Kunststoff – und wartet auf den Anbruch der neuen Zeit.

Auch viel Kubrick-Korrespondenz wurde aufgetrieben. Zu sehen ist das Original des Briefes, mit dem der Regisseur Kontakt zu seinem Autor Arthur C. Clarke herstellte (31. März 1964). Dann folgen Ausschnitte aus der Raumfahrer-Erzählung, die sie gemeinsam geschrieben hatten: "Er war nie dem Tod nahe gekommen, was für einen Mann, der so viele Stunden im Weltraum verbracht hatte, äußerst unwahrscheinlich war (...). Manche Leute hatten Glück und andere nicht; die meisten waren irgendwo dazwischen." Das war doch noch recht geschwätzig. Im Verlauf der Zusammenarbeit wurde das Drehbuch karger; heute ist der Film berühmt für seine Schweigsamkeit – das lange Finale kommt ohne jedes Wort aus.

Ein entscheidendes Element von 2001 ist deshalb seine Musik. Eigentlich hatte der Musiker Alex North sie komponiert, aber Kubrick war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Norths Versuch ersetzte er durch den Auftakt von Richard Straussens sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra. In einer Gegenüberstellung der Eröffnungsszene von 2001, einmal mit der Musik von North, dann mit der von Strauss, zeigt die Ausstellung, welch kluge Entscheidung Kubrick getroffen hatte. North hatte eine hohl bombastische Tschinderassa-Ouvertüre geschrieben, die eine Verfolgungsjagd verhieß, die zufällig im All spielt – nicht aber das Raumabenteuer, das Kubrick tatsächlich gelang.

Unterschlagen wird in Frankfurt allerdings eine üble Episode, die Kubrick mit einem anderen Komponisten verband. Die wahre, Zeit und filmischen Raum transzendierende Musik von 2001 stammte ja aus der Feder von György Ligeti, es waren seine Kompositionen Atmosphères, Lux Aeterna (eingespielt von Stuttgarter Orchestern) und Requiem (vom Bayerischen Rundfunkorchester). Diese Stücke wurden in den Film implantiert, ohne dass man den Urheber auch nur gefragt hätte. Ligeti prozessierte gegen Kubrick und wurde von dessen Produzenten mit äußerster Arroganz behandelt – erst später fand man zu einem zivilisierten Umgang mit dem Komponisten.

Ligeti erfährt auch in Frankfurt nicht die Ehre, die ihm gebührt. Stattdessen gibt es in der Ausstellung Kurzporträts anderer maßgeblicher Kubrickianer. So war ein Deutscher wesentlich beteiligt an 2001. Es war der Illustrator Hans-Kurt "Harry" Lange (1930–2008) aus Eisenach, der eine Karriere als Raumschiffdesigner der Nasa gemacht hatte (unter anderem bei Wernher von Braun, dem deutschen Raketeningenieur, den einst Hitler persönlich zum Professor ernannt hatte und den die Amerikaner umstandslos entnazifizierten, indem sie sein Können für ihr eigenes Raumfahrtprogramm nutzten). Lange war, von Wernher von Braun ausgebildet, der ideale Produktionsdesigner für Kubrick.

Kubrick reiste mit dem Schiff zur Uraufführung

Wichtig auch die Arbeit von Dan Richter, einem Pantomimelehrer, der als Chefchoreograf für die Affenszenen am Beginn des Films engagiert worden war. Aus Tänzern, Jockeys und Pantomimen stellte Richter eine kleine "Horde" von Schauspielern zusammen, die nun unsere äffischen Vorfahren darzustellen hatten. Sie nahmen Unterricht im Londoner Zoo, wo sie die Bewegungen der Menschenaffen studierten.

Richter selbst spielte die wichtige Rolle des Primaten Moonwatcher, der bei einem Kampf gegen einen gegnerischen Stamm den Krieg mit der Waffe erfindet – bis dahin prügelten sich unsere Vorfahren mit den haarigen Fäusten, Moonwatcher verwendet nun erstmals einen Tierknochen als Schlagwerkzeug, was ihm einen diabolischen Kraftvorsprung gibt. Den tödlichen Knochen schleudert Moonwatcher dann triumphierend in die Höhe, was Kubrick Gelegenheit zu jenem Millionen von Jahren überspringenden Schnitt gibt, der in die Filmgeschichte einging: Wir sehen den Knochen in die prähistorisch klare Luft wirbeln, und als er den höchsten Punkt seiner Flugbahn erreicht, verwandelt er sich – nun umgeben von kosmischer Nacht – in ein Raumschiff. Dan Richter, der Werfer des Knochens, hatte offenbar viel zu erzählen, im Jahr 2002 veröffentlichte er seine Erinnerungen: Moonwatcher’s Memoir.

Wie es sich für einen Flugphobiker gehört, reiste Kubrick 1968 mit dem Schiff zur Uraufführung von 2001. Die fand in Washington, D. C., statt (Kubrick, der Amerikaner war, lebte damals schon in England). Noch auf dem Atlantik, in einer eigens angemieteten Kabine, arbeitete er am Schnitt des Films. Er war ein Besessener, und man traute ihm nach 2001 alles zu. Man hielt für möglich, dass dieser Film nur das Tarnprodukt für einen viel größeren war: Verschwörungstheoretiker behaupteten, Kubrick habe die Mondlandung der Amerikaner im Studio gedreht, Apollo 11 habe die Erde nie verlassen. Der Beschuldigte nahm die Unterstellung als Auszeichnung. Sie steigerte noch seine Autorität – denn zugetraut hätte man’s ihm ja tatsächlich.

PS: Eine Zeitreise – aber in die Vergangenheit – erlebt der Berichterstatter angesichts einer Zeitungsseite, die in der Ausstellung aushängt. Es ist ein leicht vergilbtes Blatt der Frankfurter Rundschau mit Filmanzeigen aus dem Jahr 1968. Die Annonce für 2001 ist umgeben von Werbung für damals angesagte deutsche Filme namens Otto und die nackte Welle (starring Heidi Kabel, Henry Vahl und Heidi Mahler), Der Turm der verbotenen Liebe – "die lustvollen Liebesnächte einer Königin" mit Uschi Glas sowie Carrera – Das Geheimnis der blonden Katze, eine "bleigeladene Thriller-Komödie voll Knutschen, Killen, Küssen".

Vielleicht ist dies das wahre Raumzeitabenteuer, für das man Kubrick feiern sollte: Er warf uns aus der Primatenphase unseres Kinos unendlich weit und elegant empor. Auch wenn der Flug nur 143 Minuten dauerte: Man kam verändert zurück.