Vielleicht ist Störtebeker zu groß. Einer, der in den Weiterdichtungen wuchs vom Freibeuter, der sich den Meistbietenden andient, zu einem Che Guevara der See. Ein Leben, an dem nichts verbrieft ist bis auf den Tod. Ein deutscher Fiebertraum, ein Hamburger Maskottchen.

Der Hamburger mag seine Maskottchen: Helmut Schmidt, Uns Uwe, Wasserträger Hummel und auch der Störtebeker, Klaus. Der schon zum Bier geworden ist und zu Fernseh-Mehrteilern. Ob man ihm eine Straße widmen soll, wird noch diskutiert. Jetzt erst mal ein Stück im St. Pauli Theater, auf die Bühne gebracht von Peter Jordan, stadtbekannt seit seinen Jahren im Thalia-Ensemble und als Tatort-Ermittler der Prä-Schweiger-Ära.

Man stelle sich vor, wie Störtebeker im Schauspielhaus pervers-radikal in die Gegenwart verpflanzt worden wäre, beispielsweise als Hedgefondsmanager, der in seinem Glasturm die Weltfinanzmärkte besegelt und geklaute Rendite auf die Straße kippt. Auf St. Pauli wird mit dem sagenhaften Stoff konventionell umgegangen. Nicht mal der Plüschpapagei auf der Schulter fehlt. Bei Sturm hallen die Mikrofone. Windmaschinen verausgaben sich.

Jordan verpasst dem Seeräuber einen Comedyhumor, dem die schnelle Pointe gut genug ist. Außerdem gibt es ein paar inbrünstige Mitstampflieder. Bisweilen wird versucht, das Genre, also die Piraten-Operette, zu persiflieren, mit Anspielungen auf überteure Elbphilharmonien oder wenn eine Hafenfigur sagt: "Ich flicke viele Netze. Das wird eine Netzflickserie."

Und was macht der Kapitän in all dem? Frank Richartz siedelt seinen Störtebeker optisch unheilvoll zwischen Jon Bon Jovi und Goldie Hawn an, charakterlich allerdings überraschend eindeutig als tumben Womanizer, der Kalenderweisheiten raunt.

Dieser Mann ist kein Vorkämpfer, kein Überzeuger, weder lustig noch clever, selbst der Säbel gehorcht ihm kaum. Eigentlich bleibt völlig unklar, wieso man diesem Gecken auch nur eine Seemeile folgen sollte.

Richartz hat Glück, dass seine Crew zum Meutern zu feige ist. Und Glück auch, dass sich seine politischen Feinde an Land verfeinden. All die Hanseaten, Dänen, Schweden, Pommern und Friesen intrigieren eifrig, damit der Freibeuter zweieinhalb Stunden einem Horizont entgegenblinzeln kann, der seinen eigenen übersteigt.

Befremdend ist auch: Dieser Störtebeker hat nichts gemein mit der Figur, die auf den Plakaten zu sehen ist, mit denen in Hamburg das Stück beworben wurde. Auf den Postern ist Richartz brünett statt blond und viel breiter. Dieser Störtebeker sieht sich selbst nicht ähnlich.

Vielleicht ist das die Moral: dass man Legenden nicht trauen darf. Dass nicht stimmt, was nicht stimmen kann. Darauf ein Störtebeker. Prost. Das Bier schmeckt ja wirklich sehr gut.

Weitere Termine: 17.–22. April, 24.–29. April, 1.–5. Mai, jeweils 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr