Die Empörung über den Echo reißt nicht ab. Am vorigen Donnerstag verlieh die deutsche Musikindustrie in Berlin ihre jährlichen Preise: Dort wurden die Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album "JBG3" geehrt, obwohl sich darauf extrem sexistische und auch antisemitische Textzeilen finden ("Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen"). Der Zentralrat der Juden hat die Entscheidung scharf kritisiert, ebenso wie Außenminister Heiko Maas. Mehrere Preisträger haben ihren Echo zurückgegeben, unter anderem Marius Müller-Westernhagen. Ist die Aufregung berechtigt? Das fragten wir Sven Regener, der gerade mit seiner Band Element of Crime ein neues Album aufnimmt.

DIE ZEIT: Herr Regener, Sie waren vergangene Woche bei der Echo-Verleihung, aber haben die Veranstaltung früher verlassen. Warum?

Sven Regener: Die Angelegenheit mit Kollegah und Farid Bang hat den Echo komplett ruiniert: Ein Preis, den man für solche Musik mit solchen Texten vergibt, ist als Preis nichts mehr wert. Da kann man über Regularien reden und über Verkaufszahlen und was weiß ich, aber eins muss doch klar sein: dass man so einen Preis nicht an Leute vergibt, die frauenfeindliche, schwulenfeindliche, antisemitische Sachen rappen. Da muss man von vornherein sagen: Sorry, so was nominieren wir nicht. Und das hat im Übrigen auch nichts mit Kunstfreiheit zu tun, denn es verlangt ja damit noch keiner, dass diese Musik verboten wird. Aber man muss sie ja nicht auch noch belohnen.

ZEIT: Kannten Sie die Platten von Kollegah?

Regener: Na, so flüchtig, ich bin in diesen Hip-Hop-Sachen ja nicht wirklich unterwegs. Aber dass das Gangsta-Rap-Genre übelst frauenfeindlich und schwulenfeindlich ist, das wusste man immer.

ZEIT: Obwohl Sie das wussten, sind Sie trotzdem zur Preisverleihung gegangen. Hofften Sie, dass an dem Abend noch irgendetwas klargestellt wird?

Regener: Ich bin da hingegangen, weil meine Plattenfirma mich eingeladen hat, das sind nette Leute, und das war eine sehr freundliche Geste. Und ich hatte nicht gewusst, dass die beiden auch noch auftreten, das fand ich dann zu deprimierend, da wollte ich dann nicht mehr dabei sein. Ansonsten habe ich mir vielleicht auch Illusionen gemacht von wegen Klarstellung. Aber was soll man denn in so einem Rahmen klarstellen? Das ist eine Preisverleihung, das ist kein guter Ort für eine Debatte, und ich finde es ganz falsch, dass man jetzt im Nachhinein die Musiker in Geiselhaft nimmt, die an dem Abend aufgetreten sind, nach dem Motto: Dazu hättet ihr euch jetzt aber mal verhalten müssen. Ich finde es gut, dass Campino sich dazu geäußert hat, er hat ja auch alles Nötige dazu gesagt, aber der hätte sicher lieber auch was anderes gemacht an dem Abend. Letztendlich hat er für fast alle gesprochen, und man ist ihm zu Recht dankbar dafür.

ZEIT: Campinos Rede hatte am nächsten Tag 60.000 Klicks auf YouTube, der Auftritt von Kollegah und Farid Bang über eine Million. Was die mediale Aufmerksamkeit angeht, sind sie die Sieger. Wie kann man solche Leute kritisieren, ohne dass sie Profit daraus schlagen?

Regener: Da kann man nichts tun. Man muss das einfach aushalten, wie es mit so vielen anderen Sachen im Leben ist, die einem nicht gefallen. Das ist wie mit der Sächsischen Schweiz, wo 35 Prozent der Leute rechtsextrem wählen. Deswegen kann man die Sächsische Schweiz auch nicht abschaffen. Man kann auch nicht verhindern, dass die eigenen Kinder Kollegah und Farid Bang hören. Man kann nur versuchen, sie so zu erziehen, dass sie nicht so draufkommen wie die. Wie Crosby, Stills, Nash and Young eben singen: "Teach your children well"! Worüber man aber mal reden könnte: Wer profitiert eigentlich von dieser Musik? Zum Beispiel die Bertelsmann Music Group, die im Dezember, als das Album veröffentlicht wurde, eine stolze Pressemitteilung herausgab: Mit Kollegah und Farid Bang sind wir jetzt die Nummer eins in Deutschland.

"In meinen Augen ist das jetzt alles versaut"

ZEIT:Bertelsmann ist es erstaunlicherweise gelungen, sich in dieser Debatte wegzuducken.

Regener: Weil es natürlich viel einfacher und vielleicht auch lustiger ist, sich über den Echo zu mokieren und über die Künstler, die an dem Abend keine Stellung beziehen. Aber das ist ungerecht. Man schlägt lieber den Sack als den Esel. Wenn man irgendwo ansetzen muss, dann bei den Leuten im Hintergrund, die das verantworten und aus Profitinteresse pushen. Bei den Bertelsmann-Managern. Oder bei YouTube. Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen. Ohne YouTube hätte diese Art von sexistischer, homophober, antisemitischer Musik generell nicht die Reichweite, die sie heute hat.

ZEIT: In der Welt schrieb ein Kritiker nach der Verleihung, die Äußerungen von Kollegah und Farid Bang seien nicht so schlimm, weil es sich nur um Rollenspiele handele. Man müsse die Regeln des Genres, die Regeln des Battle-Rap kennen, wenn man über die beiden rede. Kennen Sie die Regeln des Battle-Rap?

Regener: Nein, aber die sind mir auch völlig egal. Dann hat diese Art Rap eben schon deshalb beim Echo nichts zu suchen, weil da alle anderen die Regeln auch nicht kennen. Wenn man nur für Leute spielen will, die die Battle-Rap-Regeln kennen, dann soll man das auf einer Battle-Rap-Party tun und nicht beim Echo. Oder andersherum gefragt: Warum wollten denn Kollegah und Farid Bang unbedingt da hin? Wenn die wirklich so hart drauf wären, hätten sie ja sagen können: Ach, die Typen beim Echo, die haben vom Battle-Rap keine Ahnung, was sollen wir denn auf dieser Veranstaltung? Stattdessen kommen sie und stellen sich selber noch als Opfer dar: Huch, was wollt ihr denn, wir sind ja gar keine Antisemiten. Was für ein Unsinn! Wem wollen die das denn erzählen? Wenn es um das Verständnis von Battle-Rap-Regeln gegangen wäre, dann hätten sie in ihrer Nische bleiben können. Aber nein, die beiden – und die Leute, die von ihnen profitieren – wollen mit dieser Musik in den Mainstream. Und wenn man den Echo-Leuten dabei etwas vorwerfen kann, dann, dass sie Leuten wie Kollegah und Farid Bang dabei helfen, in den Mainstream zu kommen.

ZEIT: Aber gehören die nicht längst zur Mehrheitskultur? Immerhin haben sie von ihrem Album schon vorher 200.000 Stück verkauft.

Regener: 0,25 Prozent aller Deutschen haben sich dieses Album gekauft. Das ist keine gesellschaftliche Mehrheit. Popmusik wird immer von Minderheiten gehört. "Mainstream" heißt, dass man eine Musik macht, die als normal und harmlos empfunden wird. Wenn Bertelsmann solche Musik verkauft und der Fernsehsender Vox sie ins Abendprogramm hievt, dann heißt das: Was in dieser Musik ausgesagt wird, das ist normal, das ist harmlos. Frauenhass und Antisemitismus: Das ist normal. Dass dieser Eindruck auf diese Weise durchgesetzt wird: Das ist das Problem.

ZEIT: Die Echo-Verantwortlichen haben angekündigt, ihre Regularien zu überarbeiten. Aber ist es überhaupt sinnvoll, den Echo weiter zu vergeben?

Regener: Das ist nicht meine Aufgabe, das zu bestimmen. Vielleicht gibt es gute Gründe, den Echo in irgendeiner Form weiterzuführen. Ich möchte da jedenfalls nicht mehr hin, in meinen Augen ist das jetzt alles versaut. Aber wenn man den Preis unbedingt weiter verleihen will, dann sollte man wenigstens diese eine Regel aufstellen: Wer zum Hass gegen Frauen, Schwule, Juden oder sonst eine Bevölkerungsgruppe aufruft, der hat da nichts verloren. Und dann ist es auch egal, wie viele Platten damit verkauft werden, ob der Bertelsmann-Konzern dahintersteht oder was weiß ich. Wer mit "Ich ficke deine Mutter" ankommt, der muss eben draußen bleiben. Das ist doch ganz einfach. Was ist daran so schwer?

Das Gespräch führte der Musikkritiker Jens Balzer, der Mitglied der Echo-Jury ist, aber nicht für Kollegah und Farid Bang stimmte.