Aarau, Gleis 12, in aller Herrgottsfrühe. Ich steige in die Wynen- und Suhrentalbahn (WSB) und fahre meiner Heimat entgegen, dem Wynental, meiner Vergangenheit. Gränichen Oberdorf, Unterkulm Nord, Leimbach: 17-mal hält die WSB bis Reinach, wo ich aufgewachsen bin. 17 Stationen Zeit, um nachzudenken.

Kindheit, Schulzeit, blaue Flecken. Später progressive Jugendkultur, in der Jungschi, der freikirchlichen Jugendarbeit. Irgendwann mit "Nazis raus!"-Aufnähern auf der Jacke rumgelaufen.

Mein Tal war einmal ein linkes Tal. Eine Gewerkschaftshochburg. Wer turnte, turnte beim Satus, dem Schweizerischen Arbeiterturn- und Sportverband. Wer sang, tat dies im Arbeitersängerbund. Die Motorenfans planten im Arbeiter-Touring-Bund ihre Töff-Ausfahrten. Und wer unzufrieden war, ging auf die Straße. Heute scheint es unvorstellbar, dass im Jahr 1937 hier im Aargauer Hinterland über 3.000 Tabakarbeiter demonstrierten. Die vielen Hundert Arbeiter der Burger-Zigarrenfabrik und der Vogt Drahtwerke waren so gut organisiert, dass die Gewerkschaften in Reinach ein Volkshaus bauten.

Ich blieb im Tal, bis zur Matur. Und ich engagierte mich. Wollte mithelfen, dass jene Tradition, die Solidarität und Toleranz hochhält, wieder mit Leben gefüllt wird. Ich kämpfte für Jugendtreffs und Proberäume, trat der SP bei.

Dann begann ich zu studieren, zog weg und kappte meine Verbindungen. Ein Talflüchtiger, einer von vielen.

Nun will ich drei Leute besuchen, die geblieben sind. Sie müssen wissen, so hoffe ich zumindest, wie es kam, dass das Oberwynental, dieser 18.000-Einwohner-Agglo-Wurm, der südlich von Aarau zwischen sanft abfallenden Mittellandhügeln Richtung Zentralschweiz kriecht, heute im besten Fall für seine vielen Freikirchen steht. Im schlechtesten Fall für üble Neonazi-Geschichten. Sicher aber für seine vielen leer stehenden Wohnungen.

In der Chrischona-Jungschar gab es damals auch Platz für kleine Punks wie mich

Wir gingen ins selbe Schulhaus in Reinach; Karin Bertschi erinnert sich sogar noch an mich. Ich habe ihren Aufstieg in den Medien verfolgt. Erst auf den Politikseiten, als sie, die SVP-Politikerin, für Aufsehen sorgte, weil sie sich dafür einsetzte, dass Asylsuchende eine Arbeitserlaubnis erhalten sollen. Dann las ich von ihr immer häufiger auch in den Klatschspalten, als sie, die Schöne aus dem Wynental, wie man sie nannte, der TV-Reality-Show Bachelorette einen Korb gegeben hatte.

Eine grasgrüne Industriehalle neben grasgrünen Matten: das Recycling-Paradies von Karin Bertschi. Es ist gerade mal acht Uhr, als ich eintreffe. Bertschi sind Leute, die lange schlafen, suspekt. Genauso wie Leute, die nicht gerne arbeiten. Im Bürocontainer treffe ich erst auf ihre Angestellten, bevor sie strahlend aus der Nebentür tritt. Bertschi freut sich, fast ein wenig übertrieben. Sie möge kontroverse Gespräche, sagt sie. Dafür sei ich nicht gekommen, antworte ich, sondern um von ihr zu erfahren, wie es um die Region stehe, was hier passiert sei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten.

Sobald ich mit Kaffee versorgt bin, setzen wir uns in ihr Büro. Karin Bertschi, 27, führt das Unternehmen ihres Vaters gemeinsam mit ihren Geschwistern, und das, seit sie 19 ist und ihre Ausbildung als Kauffrau abgeschlossen hat. Zwischenzeitlich fehlte die Geschäftsführerin, als sie bis und mit Unteroffiziersschule Armeedienst leistete. Eigentlich wäre sie gerne Pilotin geworden, scheiterte aber in der Ausbildung.

An sechs Tagen die Woche bringen die Leute aus Reinach, Menziken und Leimbach ihr Altglas ins Recyclingparadies, ihre leeren Metalldosen, aber auch ihr Sperrgut. "Es gibt Pensionierte, die jeden Tag zu uns in die Abgabestelle kommen, um jemanden zum Reden zu haben", sagt Bertschi, als sie mir das Firmengelände zeigt. Der Greifarm eines Krans packt Metall, dreht und kippt das Material in einen Container.

Auch sie wüsste nicht, wo sie hingehen würde, wenn sie im Dorf jemanden treffen wollte. Auch in ihrem Dorf, in Leimbach, gibt es keine Bäckerei, kein Café, keine Metzgerei. So ist ihre Recyclingstation am Ortsrand von Reinach für manche zum Dorfplatz geworden.

Einer ihrer 15 Angestellten ist ein Flüchtling. "Ohne Gott hätte ich keine soziale Ader", sagte Bertschi neulich in der Sendung Reporter im Schweizer Fernsehen. Wie viele im Wynental ist Bertschi in einer Freikirche. "Schenke ihm keinen Fisch, lehre ihn fischen", das sei ihr Motto. Jeder habe eine Chance verdient, auch ein Asylbewerber, sagt Bertschi: "Er muss sie aber packen." Der Glaube sei es, der sie mit dazu bewogen habe, der SVP beizutreten, weil die Partei in der Abtreibungsfrage eine klare Linie vertrete. Bei den Großratswahlen wurde Bertschi auf Anhieb gewählt, mit dem besten Resultat.

Dass im Wynental eine junge Frau ihre Gemeinschaft bei den Freikirchen findet, das ist normal. Dass man hier mit Kirche Politik macht, ebenfalls. Die Neuapostolen, die Chrischona, und wie sie alle heißen, sind hier seit Generationen verwurzelt und haben in den letzten 20 Jahren einen Boom erlebt. Solange ich mich erinnern kann, gehörte mindestens einer der neun Großratssitze aus dem Bezirk den Freikirchen. Heute sind es drei: einer der EVP, einer der EDU, und auf dem dritten sitzt Karin Bertschi von der SVP.

Auch für mich war es damals ganz normal, in die Chrischona-Jungschar zu gehen. Da war was los, bei denen gab es den größten Jugendtreff, da gab es auch Platz für kleine Punks wie mich. In die Pfadi gingen die Rechten.