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Auf dem Platz vor der mittelalterlichen Zitadelle von Aleppo rennen an diesem Apriltag Kinder um die Wette. Es riecht nach Apfeltee, an Ständen verkaufen sie Zuckerwatte am Stiel, der Muezzin ruft heiser zum Mittagsgebet. Man könnte glauben, es herrsche so etwas wie Normalität.

Fast.

Folgt man dem staubigen Schotterweg, der vom Platz in die engen Gassen der Altstadt führt, ist das Gefühl von Leichtigkeit verflogen. Die Häuser stehen hier dicht an dicht, doch von vielen ist nicht mehr übrig geblieben als eine Fassade, eine halbe Treppe, lose Dachziegel. Unter den Schutthaufen liegen noch Leichen verborgen, es wird Jahre dauern, sie alle zu bergen.

Quer über den Platz, zwischen der Zitadelle und der Altstadt, verlief jahrelang die Front. Den Westen der Stadt, einschließlich der Zitadelle, hielten die Truppen des Regimes. Den Osten mitsamt der Altstadt kontrollierten Rebellen. Bis 2016, kurz vor Weihnachten, die Truppen des Regimes die Rebellen in Aleppo besiegten. Heute hat das Regime wieder in der ganzen Stadt das Sagen.

Drei Frauen, Schwestern, schlendern an der Zitadelle vorüber. Die älteste von ihnen, eine Lehrerin um die 30, erzählt. Ihr Haus liege nicht weit von hier, nahe der Front, die keine mehr ist. Während der Kämpfe mussten sie nach Anbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben, nachts flogen Raketen in ihr Viertel. Nun könnten sie wieder rausgehen, sagt die Frau und versucht ein Lächeln. Dann wird ihr Blick starr. Sie denke oft an das Aleppo ihrer Jugend zurück. Den Duft von Kardamom, der durch die engen Gassen des Basars zog. Die Händler, die lautstark um Kundschaft warben. Das Gemurmel, das durch die Mauern der Hamams drang. Nichts sei davon mehr übrig, sagt sie leise. Man habe ihre Stadt, ihre Geschichte zerstört. Wer genau? Sie zögert. Alle, sagt sie dann.

Nirgendwo haben die Rebellen und das Regime so hart gekämpft wie in Aleppo. Seit das Regime hier siegte, ist es im ganzen Land auf dem Vormarsch, erobern Assads Truppen ein Rebellengebiet nach dem anderen. Bis Assad wieder ganz Syrien kontrolliert, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Hier, wo er die Macht schon zurückhat, zeigt er das auch. In Aleppo prangen Plakate des Präsidenten an der Zitadelle, an Ministerien, Schulen, Geschäften. Entlang der großen Straßen wurden Masten mit der syrischen Flagge errichtet. Militärpolizisten patrouillieren. Niemand soll vergessen, wer jetzt wieder das Sagen hat.

Aleppo steht auch dafür, wie es in Syrien weitergehen könnte. Wie geht das Regime dort vor, wo es gesiegt hat? Wie soll es aussehen, das neue Syrien des alten und neuen Diktators Assad?

Assad scheint sich seines Sieges sicher genug, um wieder ausländische Journalisten ins Land zu lassen. Wer in diesen Tagen nach Syrien reist, bekommt jenen Ausschnitt zu sehen, den er gern zeigen möchte: die Gebiete unter seiner Kontrolle, großflächig zerstört, aber ruhig, mit Menschen, die es nicht wagen würden, ihn zu kritisieren. Eine Aufpasserin des Regimes begleitet alle Interviews. Viele Interviewte möchten darum ihren Namen nicht nennen, auch halten sie sich mit Kritik am Apparat zurück. Die Gespräche bleiben zwangsläufig distanziert.

Dass das Regime so eine Reise wieder zulässt, hat auch mit Geld zu tun: Assad braucht eine positive Berichterstattung. Er möchte sein Land, für dessen Zerstörung er größtenteils selbst verantwortlich ist, wiederaufbauen. Und dafür benötigt er ausländische Geldgeber. Ende April findet in Brüssel eine erste Geberkonferenz statt. Wenn die Politiker dort zusammenkommen, sollen sie Bilder im Kopf haben, die suggerieren, dass dieser Präsident vielleicht keine Freiheit verspricht, aber Stabilität.

Von Berlin geht es mit dem Flugzeug nach Beirut und dann mit dem Auto nach Damaskus. Um weiter nach Aleppo zu kommen, muss man wegen der anhaltenden Kämpfe einen Umweg nehmen. An den Straßen liegen verwaiste Restaurants und Tankstellen mit Einschusslöchern. Vor jeder Ortseinfahrt und -ausfahrt sind Checkpoints aufgebaut, gelangweilt wirkende Soldaten wollen den Passierschein sehen.

Am Wegesrand warten Soldaten auf den Transport nach Hause oder zum nächsten Einsatz. Mit einem von ihnen, einem jungen Mann, der übers Wochenende zu seiner Familie möchte, ergibt sich ein kurzes Gespräch. Vor sieben Jahren, zu Kriegsbeginn, ist er in den Armeedienst getreten. Er und seine Kameraden seien froh, sagt er, der Krieg sei ja fast vorbei. Er erzählt von den Russen, die seine Einheit kontrollierten, 30 Männer, die für die Syrer die Strategien für die Angriffe auf die letzten Rebellenenklaven vorbereiteten. Nachdem der Kampf um Ghuta bei Damaskus entschieden sei, solle Daraa im Süden von den Terroristen gesäubert werden, sagt er. Die Provinz Idlib im Norden werde der Endkampf. Würde er jemanden aus den Oppositionsgebieten persönlich in die Hände kriegen, sagt der Soldat noch, er würde ihn sofort umbringen.

Als 2011 junge Menschen in ganz Syrien auf den Straßen friedlich für Freiheit und gegen die Diktatur protestierten, ging es auch um einen Generationswechsel. "Unsere Eltern hatten sich daran gewöhnt zu gehorchen, aber wir Jungen fühlten uns eingesperrt", sagte eine junge Architektin aus Aleppo vor dieser Reise am Telefon. Sie hat die Revolution erlebt, blieb dann bis Dezember 2016 im Rebellengebiet Ostaleppo, floh dann in die Türkei, wo sie heute lebt. "Wer in diesem System überleben wollte, musste mit dem Regime kooperieren oder schweigen."

Oppositionelle wie sie, die ins Ausland geflohen seien, könnten nicht zurückkehren, solange das gleiche Regime an der Macht bleibe. Sie stünden auf Listen der Sicherheitsbehörden. So berichtet es die Architektin, und so bestätigen es Experten. Mit der Rückkehr riskieren sie Haft, Erpressung, Folter. "Einige Vertriebene wurden bei ihrer Rückkehr nach Ostaleppo so sehr von regimetreuen Milizen bedroht, dass sie erneut fliehen mussten", sagt Valerie Szybala, die das Projekt Siege Watch leitet, eine Forschungsgruppe zu den belagerten Gebieten in Syrien. Das Regime setze gezielt darauf, dass viele Vertriebene nicht mehr zurückkönnten. Wer jetzt in Syrien investiere, müsse wissen, dass er damit die Regierung von Assad unterstütze und damit die "systematische Zwangsvertreibung".