In Deutschland wird seit ein paar Jahren sehr viel über Taktik gesprochen. Es werden Systemdiskussionen geführt, Debatten über taktische Maßnahmen "gegen den Ball", und daran beteiligen sich viele Fußballfans. Trainer wie Schalkes Domenico Tedesco sind in dieser Hinsicht echte Tüftler, andere sind eher schlechtere Nachahmer. Aber Taktik sollte nur Mittel zum Zweck sein – und nicht der Zweck allein.

Es geht auch um die individuellen Qualitäten, darum, diese zu fördern und zu verbessern. Das ist leider etwas in den Hintergrund geraten.

Wahrscheinlich ist es Pep Guardiolas Verdienst, dass sich die Menschen in Deutschland mehr für taktische Fragen interessieren. Sein Fußball, den er bei Bayern München spielen ließ, war aufregend und interessant. Seine Maßnahmen, während des Spiels zwischen Systemen zu wechseln, waren für viele neu. Meistens ging es ihm um das Angriffsspiel.

Inzwischen konzentriert sich eine Vielzahl der Trainer in der Bundesliga auf das Erobern des Balles. Sie beschäftigen sich mit Mitteln für Situationen, in denen der Gegner den Ball hat. Das Ergebnis ist jetzt, zum Ende dieser Saison, ziemlich ernüchternd. Mit Ausnahme von Bayern München sind die deutschen Teams im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig, das haben die Auftritte in der Champions League und in der Europa League gezeigt. Und zweitens gibt es in der Bundesliga zu viele Spiele, die uns Zuschauer langweilen.

Nehmen wir das Beispiel RB Leipzig. Ralf Rangnicks Fußballidee prägt den Klub. Der Ansatz ist destruktiv, weil er sich fast ausschließlich auf die Balleroberung konzentriert. Immerhin ist dieser Plan über viele Jahre genau durchdacht. Die Leipziger haben dieses Umschaltspiel perfektioniert, stoßen aber im Spitzenfußball an ihre Grenzen, weil sie keinen Plan B haben. Die Gegner finden zunehmend Mittel, sich den Störmanövern zu entziehen.

Mannschaften von Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann haben dagegen auch offensive Ideen. Sie wissen nicht nur, was nach einem Ballverlust des Gegners zu tun ist. Sondern auch, wie sie möglichst lange im Ballbesitz bleiben und dann zum Torabschluss kommen. Auch Bayer Leverkusen schafft es, immer wieder offensiv zu überzeugen.

Den Unterschied machen meistens Einzelleistungen überragender Spieler. Sie besser zu machen kostet Zeit. Die wenigsten Trainer nehmen sie sich, weil sie unter enormem Erfolgsdruck stehen. Das ist heute selbst im Nachwuchsbereich zu beobachten. Die Angst vor einer Entlassung ist zu groß. Borussia Dortmund zum Beispiel hätte die Spieler für offensiven Fußball. Sie haben diese Qualitäten unter Thomas Tuchel und teilweise auch schon unter Jürgen Klopp gezeigt. Aber man hat sie ihrer Stärken beraubt. Sie bekommen wohl nicht mehr die nötigen Informationen, die klaren Ansagen.

Die besten Mannschaften sind geprägt von herausragenden Einzelspielern. Real Madrid und Bayern München haben eine solche Ansammlung von Superstars, die alle in der Lage sind, Situationen richtig einzuschätzen. Die taktische Grundordnung ist ein Hilfsmittel, aber nicht mehr. Weil die Spieler dieser Mannschaften technisch bestens ausgebildet sind und das Gespür für Raum und Zeit haben, stehen sie wieder einmal im Halbfinale der Champions League.