DIE ZEIT: Herr Kuczynski, was hat Sie an Karl Marx schon immer gestört?

Thomas Kuczynski: Der Mann war ein Genie, und wie jedes Genie hatte er nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen. Mich interessieren die Letzteren nicht, aber natürlich kann man darüber reden, so wie über die Infantilität von Mozarts Briefen oder Einsteins Weibergeschichten oder Goethes Kriecherei bei Hofe. Ich glaube, bestimmte Schwächen sind sogar Grundvoraussetzungen für bestimmte Stärken.

ZEIT: Welche denn beispielsweise?

Kuczynski: Wer in der Lage ist, tief nachzudenken, der kann nicht schnell schreiben. Und wer ein Thema tief durchdringt, dem fehlt häufig die Breite. Engels war als Denker viel breiter als Marx und schrieb viel einfacher. Die Rezeption verlief ähnlich wie bei Goethe und Schiller: Goethe ist berühmt, aber Schiller wird gelesen. Marx ist berühmt, aber Engels wird gelesen.

ZEIT: Und was wäre nun Ihr Kritikpunkt?

Kuczynski: Das Programm, das er sich vorgenommen hatte, war nicht zu erfüllen. Er hat weit mehr geschafft als andere, die sich gleich weniger vorgenommen hatten.

ZEIT: Ihr Thema ist Das Kapital, Sie haben über 20 Jahre an einer lesefreundlichen Ausgabe von Band 1 gearbeitet, aber erst nach dem Mauerfall. Wieso?

Kuczynski: Meine intensive Beschäftigung mit Marx begann tatsächlich erst in den neunziger Jahren. Vorher hatte ich ihn natürlich gelesen – nicht nur weil er in der DDR zum Kanon gehörte, sondern weil kein Wirtschaftshistoriker ohne ihn auskommt. Die Idee, eine Neuedition des Kapitals aus allen bisherigen Editionen zu machen, entstand schon 1930/31 am Marx-Engels-Institut in Moskau. Ich habe sie aufgegriffen.

ZEIT: Ausgerechnet als der Staatssozialismus zusammengebrochen war?

Kuczynski: Mein alter Freund Karl Mickel, der Dichter, hat es auf den Punkt gebracht. Als ich ihm 1995 ein Exemplar meines Editionsberichts zum Kommunistischen Manifest schenkte, meinte er, das sei wohl meine Balancierstange gewesen, um über die Zeiten zu kommen.

ZEIT: Jetzt gibt es ein Marx-Revival. Was ist an ihm plötzlich so interessant?

Kuczynski: Ich denke, im Herbst 2018, spätestens im Frühjahr 2019 ist der Hype vorbei.

ZEIT: Marx hat heute keine neue Brisanz?

Kuczynski: Doch. In meinen Augen schon.

ZEIT: Wenn Sie heute eine Vorlesung halten müssten an der London School of Economics, welches Marxsche Thema würden Sie wählen?

Kuczynski: Ich könnte über die Frage referieren, wie aus Marxscher Sicht die Naturzerstörung durch die Wirtschaft zu bewerten ist. Die Natur spielt bei Marx scheinbar keine große Rolle, aber es ist aufschlussreich, was er in seiner unvollendeten Kritik der politischen Ökonomie zur Ökologie sagt. Ich würde erklären, dass die Natur als solche keinen Wert im Marxschen Sinne hat, denn es ist keine Sekunde Arbeit darin vergegenständlicht. Doch was passiert, wenn die Natur vernutzt wird und reproduziert werden muss, also wenn die Regenwälder abgeholzt werden? Wenn man den Wald aufforsten will, muss man eine Menge Arbeit investieren, die einen ökonomischen Wert hervorbringt. Das steht so nicht bei Marx, aber man soll ihn lesen mit einem Kopf, der in der Gegenwart steckt. Goethe hat gesagt, die Weltgeschichte muss alle 50 Jahre neu geschrieben werden. Ich sage, Marx muss alle 50 Jahre neu gelesen werden. Gegen den Strich.

ZEIT: Gibt es keine bleibend große Leistung, die man benennen kann?

Kuczynski: Sein Werk in ein paar Sätzen zusammenzufassen, fällt mir außerordentlich schwer. Da geht es nicht nur um Ökonomie, sondern um eine ganze Geschichtsauffassung. Marx war Wissenschaftler, aber auch Revolutionär. Was von ihm bleibt, ist die faszinierende Verbindung von Wissenschaft und Politik.