Das Gespenstertheater

Chris Dercons erster Auftritt als Berliner Theatermacher war vielleicht auch sein bester. Er fand vor drei Jahren, am 24. April 2015, im Roten Rathaus statt. Dercons Rolle war die des Beraters – des Mannes, der aus der großen Welt dorthin gekommen ist, wo man unbedingt groß werden will. Neben Dercon saß mit aufeinandergepressten Lippen der Regierende Bürgermeister der Stadt, Michael Müller. Müller hatte Dercon nach Berlin "geholt" und stellte ihn nun der Presse vor. Zuerst tat der Regierende etwas, was Berliner gern tun: Er lobte seine Stadt, indem er zitierte, was andere über sie sagen ("Leuchtturm!", "mutig!"). Dann wagte er einen Vorstoß: "Wir wollen doch nicht irgendwie dabei sein. Von Berlin, von der europäischen Metropole müssen Impulse ausgehen!"

Und während Müller in der folgenden Stunde verbissen um die Weltgeltung seiner Stadt bemüht zu sein schien, strahlte Dercon Offenheit und Zuversicht aus. Er lobte jene, die ihn mit Häme, Zorn oder Herablassung (oder mit allem zusammen) empfangen hatten. Er, der Museumsmann aus London, sagte, er sei hier in Berlin am richtigen Ort.

Vermutlich war es da schon zu spät. Die Ära Dercon war vorbei, bevor sie begonnen hatte. Dercon war sicher für vieles der richtige Mann. Aber an diesem Ort war er falsch. Am vergangenen Freitag wurde das auch offiziell verkündet. Klaus Lederer, der Kultursenator Berlins, entließ Dercon, der erst seit sieben Monaten im Amt war. Man gehe im Einvernehmen auseinander. Andere behaupten, Lederer habe Dercon entlassen.

Um es klar zu sagen: Der Belgier hatte von der Berliner Politik einen Auftrag bekommen, der nicht zu erfüllen war. Zwei theaterferne Männer, der Regierende Bürgermeister Müller und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner, verliehen einem dritten Theaterfremden ein hohes Theateramt. Es galt die Formel: Minus mal minus mal minus gibt hoffentlich plus. Dercon sollte die Volksbühne als Marke erhalten und sie zugleich attraktiv aushöhlen. Die Volksbühne sollte nicht mehr für die künstlerische Substanz stehen, die in ihr reifte, sondern für irgendwas mit Zukunft. Was das genau war, schien nicht so wichtig, Hauptsache, es strahlte überallhin und befand sich in der Mitte möglichst vieler künstlerischer "Achsen".

Eigentlich schwebte ihm, so sagte Dercon mal, "das Globe Theatre des 21. Jahrhunderts" vor. Allerdings war die Volksbühne da schon das berühmteste Theater Deutschlands, und wenn die Politiker auch nicht gewillt waren, dessen gegen alle Verkäuflichkeit gesträubte Ästhetik zu erhalten, so lag ihnen doch daran, sein Image verkaufsfördernd zu nutzen: das der Widerständigkeit und Anarchie. Diese Strategie hat Dercons Vorgänger Frank Castorf, der gern Intendant geblieben wäre, grimmig unterlaufen, indem er sein Markenzeichen, das vor der Volksbühne aufgepflanzte Räuberrad, abbauen ließ – was ungefähr so war, als würde man einer Mercedes-Limousine den Stern von der Kühlerhaube oder der ZEIT den Schlüssel aus dem Titel montieren.

Liebenswürdigkeit – eine unheimliche Charakterdisposition?

Wer es als Bühnenmann in Berlin weit bringen wollte, musste sich im Theatersystem hocharbeiten und sich zugleich als ein Mann des Widerstandes exponieren. In gewisser Weise war der ideale Berliner Intendant immer auch der oberste Darsteller seines Hauses: der sehnig-wuchtige Thomas Ostermeier, der grollende Claus Peymann, der aus den Hecken heraus feuernde Partisan Castorf. Alles Leute, die sich das Aufenthaltsrecht in ihren Festungen wacker erkämpft hatten. Dercon hingegen ist liebenswürdig, und das ist eine für den schnell beleidigten Berliner unheimliche Charakterdisposition: So einen hatten sie hier noch nicht. Dercon verkörperte einen Mentalitätswechsel, der in der Politik schon vollzogen war, im Theater, welches lange Herrschaftszeiten ermöglicht, aber später wirkte. Sein Programm war, Konflikte nicht mehr persönlich zu nehmen, sondern als kollektives Projekt zu bearbeiten; nicht mehr Kämpfer für eine Sache zu sein, sondern Moderator und Schlichter; nicht mehr den Bruch als Moment der Wahrheit zu erkennen, sondern den Durchbruch zur, ganz wichtiges Dercon-Wort, Kollaboration. Es schien zu Beginn für einen Moment so, als würde dieser demonstrativ nicht nachtragende Mann mit seinem eisernen Netzwerkercharme sogar Berlin kleinkriegen.

Jedoch, genau drei Jahre später ist Dercon wieder weg. Er hat die Stadt nur von außen und von unten erlebt. Er ist nie angekommen.

Es war um ihn von Beginn an ein Kulturkampf entbrannt, wie Berlin noch keinen erlebt hatte. Claus Peymann, damals Chef des Berliner Ensembles, sagte im Interview mit der ZEIT (Nr. 15/15), Dercons Berufung sei Ausdruck größter kulturpolitischer Ahnungslosigkeit. Verfeindete Theaterfürsten fanden sich geeint in der Ablehnung des Neuankömmlings und warnten davor, "handstreichartig in den Hinterzimmern der Politik" die Volksbühne "als Ensemble-, Literatur- und Repertoiretheater abzuwickeln". Dercon kam, und es gelang ihm nichts. Den Volksbühnen-Protagonisten René Pollesch wollte er zu einer Art Schauspielchef machen – und holte sich eine Abfuhr. Den Hangar 5 des Flughafens Tempelhof wollte er als Spielstätte etablieren – doch die Miete dafür war nie Teil des Haushaltsplanes, das Projekt war nicht weitergedacht worden, und das Wahrzeichen der neuen Bühne, ein riesiges rollbares Amphitheater des Architekten Francis Kéré, gewann keine Kontur; so entstand lediglich ein sündteures Fragment, die Ruine einer guten Absicht.

Eher ein Museum

Der Blick in Dercons Spielplan war ein Blick ins Nebelhafte: viele Begleitveranstaltungen für Hauptsachen, die nicht stattfanden, Durchsicht aufs leere Regal. Das Haus schien eher wie ein Museum, nicht als eine Spielstätte organisiert zu werden. Man las den Volksbühnen-Kalender und dachte sich: Aha, die stimmen sich schon samstags auf den Montag ein – montags sind Museen ja geschlossen.

Was versprochen worden war, wurde ins Unbestimmte verschoben. Die Organisatoren, mit einem üppigen Vorbereitungsetat ausgestattet, waren auf die Zukunft nicht vorbereitet, von der nächsten Saison ganz zu schweigen. Die Volksbühne befand sich in der Dercon-Zeit immer im Zustand der Abwicklung. Viel zu teuer wurde produziert, zu selten wurde das Teure gespielt, zu wenige Zuschauer wollten das selten Gespielte sehen. Im Etat wurde mit Sponsorengeldern und Gastspieleinnahmen kalkuliert, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Offenbar fehlte dieser Intendanz der ästhetische, planerische und finanzielle Sachverstand – und eine Kontrollinstanz.

Das größte Problem war aber: Man hatte kein Interesse am Aufbau eines Ensembles. Schon Dercons "Entdecker", der Musikmanager Tim Renner, hatte keinen Begriff von der Bedeutung eines "stehenden" Ensembles. Und Dercon hatte ihn offenbar auch nicht. Vielleicht wollten es die Verantwortlichen ja genau so. In einer vom Projektwahn betörten Stadt wie Berlin klingt der Begriff Ensemble womöglich wie etwas Traniges, das obendrein Versorgungsansprüche stellt. Aber das ist eine unsinnige Verkürzung: Es handelt sich beim festen Ensemble um ein großartig-größenwahnsinniges Langzeitexperiment; um den Aufbau eines Kollektivs, das von Möglichkeiten lebt, von Menschenmöglichkeiten. Und um die nicht weniger relevante Entwicklung eines Publikums, das dieses Ensemble von Möglichkeitsmenschen dabei begleitet, wie es sich verwandelt – wie es in Verwandlungen lebt. Auf Ensembles beruht der Reichtum des deutschen Theaters. Wer dessen Geschichte missachtet, verspielt diesen Reichtum. Und wer ein Ensembletheater leitet, der muss wissen, welche Verantwortung er hat; er sollte seinen Leuten Rollen, Sicherheit und den Umgang mit qualifizierten Regisseuren garantieren, sonst hat er seinen Beruf nicht begriffen.

Teurer Gastspielbetrieb dominiert

Das Ensemble der Volksbühne – es existiert nicht. Von vier Schauspielern ist die Rede. Ansonsten dominierte teurer Gastspielbetrieb. Die angestellten Techniker waren frustriert, sie hatten kaum zu tun. Das Theater implodierte. Der ehemalige Volksbühnenschauspieler Milan Peschel sagte dem Tagesspiegel, aus dem Haus ströme "Leichengeruch".

Andererseits: Die Feindseligkeit, die man Dercon entgegenbrachte, war auch toxisch. Die Art und Weise, mit der einige Protagonisten der alten Volksbühne gegen den neuen Mann agierten, bis hin zu Castorfs Herrschaftstick, Dercons Leuten den Zugang zum Haus zu erschweren, muss man kleingeistig nennen. Dass irgendwelche Darmgestörten, wie nach Dienstplan und mit preußischer Pünktlichkeit, ihre Fäkalien vor Dercons Büro deponierten, war widerlich.

Derweil hatten sich hinter den Kulissen die Kräfte verschoben. Klaus Wowereit, der Tim Renner in die Senatsverwaltung geholt hatte, zog sich aus der Politik zurück; Renner, der Dercon geholt hatte, war bald auch weg; er gehört der SPD an, und nach der jüngsten Wahl fiel das Kulturressort an die Linke. An seine Stelle trat Klaus Lederer, der ein Gegner Dercons ist und das vor Amtsantritt auch laut sagte. Und Michael Müller, der Regierende, hielt sich raus; er hatte Dercon zwar engagiert, ließ ihn dann aber allein. Ein hoher Beamter der Kulturverwaltung sagte uns: "Müller hat wegen Dercon keine schlaflosen Nächte gehabt. Wir hier im Haus schon."

Offenbar hatte ein gewisser Gleichmut den obersten Kulturgestalter ergriffen. Müller, so versichert der betreffende hohe Beamte, habe schon am Rand der Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD und der Linken zu Lederer gesagt: "Ich weiß, du schmeißt den doch sowieso raus." Mit dem habe Müller den Mann aus London, Dercon, gemeint.

Ein Druckabfall, der verheerend war

Und doch: Wäre Dercon in der Lage gewesen, mit ästhetischen Mitteln Contra zu geben, hätte er versucht, ein Ensemble aufzubauen, dann wäre die Stimmung möglicherweise gekippt – in seine Richtung. Denn der Zorn der Dercon-Gegner ging vielen in der Stadt allmählich auf die Nerven, er setzte sich wie Schmutz in den Poren ab.

Die Atmosphäre an Dercons Eröffnungsabend war nicht feindselig, sondern erwartungsfroh, Häme lag nicht in der Luft: Endlich wurde hier wieder Theater gespielt. Aber dann ereignete sich ein Druckabfall, der verheerend war. Die Vorstellung war gebaut wie eine Prunkvernissage ohne Mitte und ohne Gespür für den Theateraugenblick. Dercon ging in der Menge herum und schien den Temperaturabsturz gar nicht zu merken.

Wie kam es nun zum Ende? Klaus Lederer verhielt sich, nachdem er sich im Amt eingerichtet hatte, loyal zu Dercon, er misstraute zwar dessen Fähigkeiten, aber er schützte ihn. Als zu Beginn der Spielzeit die Volksbühne von Dercon-Gegnern besetzt wurde, organisierte er die Räumung. Erst wenn sich die "Einnahmen-Ausgaben-Situation" verschärfe, so sagte er uns im Herbst, werde er den Intendanten zur Rede stellen. Das ist jetzt offenbar geschehen.

Wer wird künftig das Haus leiten?

Der aus Stuttgart kommende Verwaltungsdirektor Klaus Dörr wird das Haus ab sofort kommissarisch leiten. Der finanzielle Spielraum der Volksbühne, so sagte er der Süddeutschen Zeitung, sei "extrem begrenzt". Es sei nicht nachhaltig und zu teuer produziert worden, die bisherige Intendanz habe keine Strategie gegen das Scheitern gehabt.

Wer wird künftig das Haus leiten? Unter den Namen, die genannt werden, sind: René Pollesch (frei), Kay Voges (Dortmund), Sebastian Hartmann (frei), Armin Petras (noch in Stuttgart), Barbara Mundel (Dramaturgin der Ruhrtriennale), Matthias Lilienthal (noch Intendant der Münchner Kammerspiele), Ersan Mondtag (der sich selbst ins Gespräch bringt). Ach, und Frank Castorf (freier Regisseur).

Vermutlich wird es aber eine lange Übergangszeit geben. Die Volksbühne ist, wie man so sagt, bis in die Grundfesten erschüttert. Wer weiß, vielleicht ist das eine Chance. Ansonsten geht alles seinen gewohnten Gang. Castorf inszeniert überall in Europa. Michael Müller verantwortet weiter die große Berliner Politik. Und Dercon? Er hat am 27. April im Londoner Goethe-Institut einen Auftritt. Das Symposion, zu dem er eingeladen ist, braucht seine Expertise. Es befasst sich mit der "Systemischen Krise im Europäischen Theater".

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