Der Blick in Dercons Spielplan war ein Blick ins Nebelhafte: viele Begleitveranstaltungen für Hauptsachen, die nicht stattfanden, Durchsicht aufs leere Regal. Das Haus schien eher wie ein Museum, nicht als eine Spielstätte organisiert zu werden. Man las den Volksbühnen-Kalender und dachte sich: Aha, die stimmen sich schon samstags auf den Montag ein – montags sind Museen ja geschlossen.

Was versprochen worden war, wurde ins Unbestimmte verschoben. Die Organisatoren, mit einem üppigen Vorbereitungsetat ausgestattet, waren auf die Zukunft nicht vorbereitet, von der nächsten Saison ganz zu schweigen. Die Volksbühne befand sich in der Dercon-Zeit immer im Zustand der Abwicklung. Viel zu teuer wurde produziert, zu selten wurde das Teure gespielt, zu wenige Zuschauer wollten das selten Gespielte sehen. Im Etat wurde mit Sponsorengeldern und Gastspieleinnahmen kalkuliert, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Offenbar fehlte dieser Intendanz der ästhetische, planerische und finanzielle Sachverstand – und eine Kontrollinstanz.

Das größte Problem war aber: Man hatte kein Interesse am Aufbau eines Ensembles. Schon Dercons "Entdecker", der Musikmanager Tim Renner, hatte keinen Begriff von der Bedeutung eines "stehenden" Ensembles. Und Dercon hatte ihn offenbar auch nicht. Vielleicht wollten es die Verantwortlichen ja genau so. In einer vom Projektwahn betörten Stadt wie Berlin klingt der Begriff Ensemble womöglich wie etwas Traniges, das obendrein Versorgungsansprüche stellt. Aber das ist eine unsinnige Verkürzung: Es handelt sich beim festen Ensemble um ein großartig-größenwahnsinniges Langzeitexperiment; um den Aufbau eines Kollektivs, das von Möglichkeiten lebt, von Menschenmöglichkeiten. Und um die nicht weniger relevante Entwicklung eines Publikums, das dieses Ensemble von Möglichkeitsmenschen dabei begleitet, wie es sich verwandelt – wie es in Verwandlungen lebt. Auf Ensembles beruht der Reichtum des deutschen Theaters. Wer dessen Geschichte missachtet, verspielt diesen Reichtum. Und wer ein Ensembletheater leitet, der muss wissen, welche Verantwortung er hat; er sollte seinen Leuten Rollen, Sicherheit und den Umgang mit qualifizierten Regisseuren garantieren, sonst hat er seinen Beruf nicht begriffen.

Teurer Gastspielbetrieb dominiert

Das Ensemble der Volksbühne – es existiert nicht. Von vier Schauspielern ist die Rede. Ansonsten dominierte teurer Gastspielbetrieb. Die angestellten Techniker waren frustriert, sie hatten kaum zu tun. Das Theater implodierte. Der ehemalige Volksbühnenschauspieler Milan Peschel sagte dem Tagesspiegel, aus dem Haus ströme "Leichengeruch".

Andererseits: Die Feindseligkeit, die man Dercon entgegenbrachte, war auch toxisch. Die Art und Weise, mit der einige Protagonisten der alten Volksbühne gegen den neuen Mann agierten, bis hin zu Castorfs Herrschaftstick, Dercons Leuten den Zugang zum Haus zu erschweren, muss man kleingeistig nennen. Dass irgendwelche Darmgestörten, wie nach Dienstplan und mit preußischer Pünktlichkeit, ihre Fäkalien vor Dercons Büro deponierten, war widerlich.

Derweil hatten sich hinter den Kulissen die Kräfte verschoben. Klaus Wowereit, der Tim Renner in die Senatsverwaltung geholt hatte, zog sich aus der Politik zurück; Renner, der Dercon geholt hatte, war bald auch weg; er gehört der SPD an, und nach der jüngsten Wahl fiel das Kulturressort an die Linke. An seine Stelle trat Klaus Lederer, der ein Gegner Dercons ist und das vor Amtsantritt auch laut sagte. Und Michael Müller, der Regierende, hielt sich raus; er hatte Dercon zwar engagiert, ließ ihn dann aber allein. Ein hoher Beamter der Kulturverwaltung sagte uns: "Müller hat wegen Dercon keine schlaflosen Nächte gehabt. Wir hier im Haus schon."

Offenbar hatte ein gewisser Gleichmut den obersten Kulturgestalter ergriffen. Müller, so versichert der betreffende hohe Beamte, habe schon am Rand der Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD und der Linken zu Lederer gesagt: "Ich weiß, du schmeißt den doch sowieso raus." Mit dem habe Müller den Mann aus London, Dercon, gemeint.