Die Tilos sind eine ziemlich gottlose Familie. In einem entlegenen Dorf in den Alpen hat sich der Clan zu einem apokalyptischen Kaffeekränzchen versammelt. Großvater Ulpian seift sich gern das Gesicht mit Rasierschaum ein, den er dann von jungen Mädchen ablecken lässt. Großmutter Heloise dirigiert stumm ein Gesellschaftsspiel, bei dem 17.000 Karten zum Einsatz kommen. Die beiden Enkel Gregor und Schoscho gehen Nacht für Nacht auf die Pirsch und wollen "etwas Großes" schießen. Florian, der dritte Nachfahre und ein rotlockiger Feuerkopf, hat ein größeres Abenteuer im Sinn. Als selbst ernannter Voodoozauberer möchte er einem Elefanten zur Geburt verhelfen.

Danach gelüstet es den verstorbenen Urgroßvater, der irgendwie wie der Unheilige Geist über der ganzen Szenerie dräut. Bei dem Simsalabim explodiert plötzlich die Natur: Riesenschnecken, gewaltige Palmen und meterlange Feuersalamander verwandeln das Alpenpanorama in einen schwülen, tropischen Märchenwald. "Afrika ist da!", ruft Zauberlehrling Florian. Freilich, so wie es sich gehört, wird er die Geister, die er rief, nicht mehr los.

Diese ziemlich abenteuerliche Mischung hatte sich der verstorbene Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer vor über fünf Jahrzehnten für sein Drama Der Rüssel ausgedacht. Das bis vor Kurzem verschollene Stück erlebt nun am 20. April am Wiener Akademietheater seine Uraufführung. Der älplerische Mitsommernachtstraum kreuzt ungeniert Bauernposse mit absurdem Theater und wirkt, als habe jemand ein Delirium tremens in einen Theatertext übersetzen wollen. Geschrieben wurde er 1962, also fünf Jahre bevor dem steirischen Bühnenberserker mit seiner Gammler-Parabel Magic Afternoon der große Durchbruch gelang. Dann verschwand das Drama und tauchte erst 2015 als Zufallsfund wieder auf. Bei Archivarbeiten im Stadtmuseum der steirischen Gemeinde Leibnitz wurde das Manuskript im Nachlass des Komponisten Franz Koringer entdeckt. Dieser Verfasser steirischer Volkslieder hatte wiederum den Text, das ist literaturgeschichtlich mittlerweile hinreichend erforscht, von dem Dichter Alois Hergouth erhalten, einem Mitbegründer der Literatenvereinigung Forum Stadtpark, in der auch Bauer zugange war. Der Migrationsgeschichte des Rüssels dürfte somit eine gewisse Gleichgültigkeit des Autors zugrunde liegen, der dem Werk offenbar keine allzu große Bedeutung zumaß und es ohne Umschweife aus der Hand gab, noch ehe es publiziert worden war.

Mit der ehrenvollen Aufgabe, ein unbekanntes, frühes Stück des einstigen Theaterstars der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde Christian Stückl betraut. Der Regisseur ist ein geradezu archetypischer bayerischer Kraftmensch, den der Probenstress leicht derangiert hat. "Ich habe mir ziemlich schwergetan mit dem Drama. Man hat den Eindruck, dass da nie ein Lektor drübergegangen ist. Wir haben das Stück wie Bildhauer erst aus dem Wortsteinbruch herausmeißeln müssen: wegstreichen, kürzen, straffen." Schließlich sei eine Form gefunden worden, mit der man habe arbeiten können, sagt Stückl. Der in Österreich vor allem als langjähriger Regisseur des Jedermann bei den Salzburger Festspielen bekannte Theatermacher ist auch Spielleiter der Passionsspiele von Oberammergau. Vielleicht ist er deshalb prädestiniert, ein Stück auf die Bühne zu bringen, das auf dem schmalen Grat zwischen derbem Volkstheater und postdadaistischem Sprachwitz wandelt. Man habe, meint Stückl, die frühen Arbeiten von Wolfgang Bauer, die schwer spielbaren Mikrodramen, immer und vollkommen zu Recht in den Kontext des absurden Theaters gestellt. Doch der Rüssel , das erste abendfüllende Werk des Bühnenautors, sei eine völlig andere Angelegenheit: "Mich hat das an meine Kindheit in Oberammergau erinnert. Da sind die Bauern auch stundenlang im Wirtshaus gesessen und haben die Zeit mit Kartenspielen totgeschlagen – so wie in Wolfgang Bauers Stück." Er sehe darin weniger den avantgardistischen Impuls, sondern viel eher den unmittelbaren Anschluss ans Volkstheater: "Der Seppl, die Gretel – das ganze Personal ist da. Wie bei Ludwig Ganghofer."

Immer wieder blitzen allerdings in der bizarren Fauna und in den ungewöhnlichen Wetterverhältnissen verblüffende Aktualitäten auf: "Man kann das Stück nur aus heutiger Perspektive deuten und inszenieren", sagt Christian Stückl, "und da spielen eben Klimakatastrophe und Flüchtlingskrise eine Rolle". Den titelgebenden Rüssel werde man in seiner Inszenierung zu sehen bekommen, verspricht der Regisseur vor der Premiere. Doch ansonsten wolle er "keinen Bühnenbildwahnsinn veranstalten, sondern den Wahnsinn der Menschen auf der Bühne sichtbar machen".

Eigentlich ist es eine kleine Sensation, dass das apokryphe Drama des jungen Wolfgang Bauer seine Premiere an einem der ersten Häuser am Platz erfährt. Denn der im Jahr 2005 verstorbene Schriftsteller ist in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit geglitten. Während vor allem die beiden Dramen Magic Afternoon oder Change mit ihrem Superrealismus wie unmittelbare Protokolle aus dem Milieu der drogenverseuchten Subkulturen der Sixties wirkten und sofort zu Hits wurden, waren spätere Arbeiten, etwa das Kriminalstück Magnetküsse, in dem Traum, Wahn und Fiktion durcheinandergewirbelt werden, philosophisch-experimentelle Versuchsanordnungen. Gewöhnt an die fetzigen Bühnendialoge, in denen der Sprachklamauk wie ein Spaghettiteller durch die Luft fliegt, überforderte die neue Schaffensphase die Theaterbesucher, und Bauers Spiel mit unterschiedlichen Zeit- und Realitätsebenen erreichte nur noch ein Nischenpublikum.

Eine bittere Erfahrung für den Dramatiker, der davor nichts hatte falsch machen können: Magic Wolfi, geboren 1941 in Graz, galt als die österreichische Theaterstimme der Hippie-Epoche und der Gegenkultur: Rock ’n’ Roll, die Beat Generation und rebellische US-Filme nach dem Easy Rider -Prinzip wirkten als Hintergrundstrahlung seiner dramatischen Lebensentwürfe. "In der linken Rocktasche Kierkegaard und in der rechten ein Mickymaus-Heft", beschrieb Bauer damals selbst seine ästhetische Haltung.

Die dialektgefärbte Szenesprache in seinen Erfolgsstücken wirkte so authentisch, dass manche Kritiker argwöhnten, er habe einfach eine ausgeflippte Party mit dem Tonband mitgeschnitten, dann die wirren Wortduelle transkribiert und zu einem Theatertext komprimiert. Das stimmte so natürlich nicht. Denn trotz seines Talentes, dem alternativen Volk aufs Maul zu schauen, war Bauer auch ein Wortkünstler, der sich, etwa in dem Lyrikband Das stille Schilf – ein schlechtes Meisterwerk, in raffinierte Sprachspiele verlieren konnte. Der Dramatiker beherrschte es auf unnachahmliche Weise, der Lustlosigkeit einer in der Provinz eingekerkerten Boheme eine Form zu geben und so gegen die Sinnproduktion des katholisch-konservativen Nachkriegsösterreichs aufzubegehren – was viele schöne und publizistisch gut verwertbare Skandale zur Folge hatte.

Wolfgang Bauer war allerdings auch ein früher Großmeister der Selbstinszenierung und der Imagebildung. Das gereichte ihm mit Fortdauer der Karriere nicht mehr zum Vorteil. Anfänglich waren die Exzesse des Theateranarchisten als Künstlerattitüde noch wohlwollend aufgenommen worden: Seine nächtelangen Trinkgelage und die sogenannten "Free Schach"-Rituale, bei denen es darum ging, die Mitspieler zu brüskieren.

Doch irgendwann begann das Image, die schriftstellerische Arbeit zu überlagern, und aus Magic Wolfi wurde eine Art Edel-Clochard, ein steirischer Charles Bukowski, wie er in manchen Medien genannt wurde. Die späte Entdeckung des Dramas Der Rüssel bietet jetzt die Möglichkeit, einen frischen, unverstellten Blick auf das umfangreiche Werk eines Theaterautors zu werfen, der fast vollständig von den Spielplänen verschwunden ist. "Wolfgang Bauer war ein Mensch voller Fantasie und poetischer Lebendigkeit", meint heute der Grazer Schriftsteller Alfred Kolleritsch, ein früher Freund und Förderer des Autors. "Aber vielleicht auch ein Clown, der in die harte Realität eingedrungen ist, um sie auseinanderzubrechen. Sein Drama Der Rüssel ist keine Literatur für den Lesesessel, sondern ein Stück, das unbedingt aufgeführt werden muss. Es gehört ins Theater.