In der ZEIT vom 5. April befasste sich der Historiker Lothar Machtan mit einem Schlüsselereignis der jüngeren deutschen Geschichte, der Ausrufung der Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann. Machtans Aufsatz lässt sich in zwei Thesen bündeln. Die erste besagt, dass die Fassungen der Rede, die Scheidemann 1928 in seinen Memoiren und in einer nachträglichen Tonaufzeichnung präsentierte, Neuschöpfungen des Autors sind. Der zweiten These zufolge ist die Behauptung, dass Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausgerufen hat, höchstwahrscheinlich eine politische Legende.

Die erste These ist richtig, aber nicht neu. Vielmehr ist das meiste von dem, was Machtan als Entdeckung offeriert, in der quellenkritischen Geschichtsschreibung seit Jahrzehnten unumstritten. Die zweite, sehr viel sensationeller wirkende These ist neu, aber falsch. Dass Scheidemann am 9. November 1918 vom Reichstagsgebäude aus die Republik ausgerufen hat, berichteten am Sonntag, dem 10. November, die liberale Vossische Zeitung und mehrere rechte Blätter, darunter die konservative Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung) und der Berliner Lokal-Anzeiger, die in wenigen Sätzen den Inhalt der Ansprache referierten. Einige sozialdemokratische Regionalblätter wie die Fränkische Tagespos t und die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung brachten am Montag, dem 11. November, die Rede sogar in voller Länge, allerdings in einer teilweise redaktionell geglätteten Form.

An der Ausrufung der Republik durch Scheidemann zu zweifeln, gibt es also keinen vernünftigen Grund. Machtan hätte, um zu diesem Befund zu gelangen, nicht einmal eigene Quellenstudien betreiben, sondern lediglich den in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder zitierten, 1968 in der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht veröffentlichten Aufsatz von Manfred Jessen-Klingenberg "Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918" lesen müssen. Der Autor untersucht dort ausführlich das Echo, das die Rede in der zeitgenössischen Presse hatte, sowie die unterschiedlichen Versionen des Redetextes, die zwischen 1919 und 1921 erschienen sind.

Bleibt die Frage nach der Authentizität der Fassung, die in dem auch von Machtan zitierten, von Ernst Drähn und Ernst Friedegg herausgegebenen, 1919 im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Revolutions-Almanach abgedruckt ist. Urheber dieser Fassung war der Mitherausgeber des Bandes und damalige Berliner Korrespondent des Wiener Neuen Journals Dr. Ernst Friedegg, der es, aus welchen Gründen auch immer, vorzog, in diesem Zusammenhang nicht namentlich in Erscheinung zu treten.

Machtan bezweifelt nicht die gut belegte Tatsache, dass Friedegg sich zum Zeitpunkt der Rede im Lesezimmer des Reichstags aufhielt, von dessen Balkon aus Scheidemann seine kurze Ansprache hielt. Die Behauptung des Korrespondenten, er habe auf Bitten anderer Anwesender eine stenografische Mitschrift der Stegreifrede des sozialdemokratischen Politikers angefertigt, hält er jedoch für unglaubwürdig und den Redetext mitsamt dem zweimaligen Ausruf "Es lebe die deutsche Republik!" für eine Fälschung. Zur Begründung dieses Vorwurfs führt er an, dass es in einem Bericht Friedeggs an seine Wiener Redaktion vom selben Tag nur heiße, Scheidemann habe vom Sturz der Monarchie gesprochen. Von einer Ausrufung der Republik sei dort nicht die Rede.

Für eine Beschuldigung wie die der bewussten Fälschung ist das eine erstaunlich schwache Begründung. Welchen Grund hätte der angesehene österreichische Journalist gehabt, seinen Lesern ein Lügengespinst aufzutischen? Der Revolutions-Almanach erschien 1919, in erheblichem zeitlichem Abstand zur Staatsumwälzung des Vorjahres. Aber bereits am 10. und 11. November 1918 hatten, wie eben dargelegt, Zeitungen unterschiedlichster Couleur von der Ausrufung der Republik durch Scheidemann berichtet und einige einen Redetext abgedruckt, der nur unwesentlich von dem des Almanachs abweicht. Machtans Unterstellung, Friedegg habe die Proklamation der Republik durch Scheidemann im Nachhinein erfunden, ist mithin abwegig.

Von dem Vorsatz geleitet, die Ausrufung der Republik durch Scheidemann als Legende erscheinen zu lassen, hat Machtan eine neue Legende in die Welt gesetzt. Er erhebt den Anspruch, quellenkritisch vorzugehen, wird diesem Maßstab aber in keiner Weise gerecht. Wer genau wissen will, was am frühen Nachmittag des 9. November 1918 im Lesezimmer des Reichstags und auf dessen Balkon geschah, tut gut daran, auf den fünfzig Jahre alten Aufsatz von Manfred Jessen-Klingenberg zurückzugreifen. Er ist bis heute nicht überholt.