Die Filme der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay verwenden Bilder und Erinnerungen, wie unser Bewusstsein es tut: Auf fließende Weise verknüpfen sie Gegenwärtiges mit Vergangenem, Präsentes mit Verdrängtem – und entwickeln daraus eine eigentümliche Poesie.

Plötzlich in die Wahrnehmung gerückte Details, ungewöhnlich angeschnittene Einstellungen und wie Gedankenblitze wirkenden Einschübe ergeben bei Ramsay so etwas wie eine visuelle Signatur. Diese Stilmittel (sie sind tatsächlich immer Teil der Erzählung) flankieren Geschichten, die sich in einen Satz fassen lassen: Ein zwölfjähriger Junge der Glasgower Arbeiterschicht überwindet die Schuldgefühle angesichts des Todes eines Spielkameraden (Ratcatcher, 1999). Oder: Eine Frau rekapituliert das Aufwachsen ihres Sohnes, der zum Amokläufer wurde (We Need to Talk About Kevin, mit Tilda Swinton). Oder auch: Ein Auftragskiller befreit eine Halbwüchsige aus den Händen eines Prostitutionsrings und kommt so in Kontakt mit seiner eigenen Vergangenheit.

Den Killer Joe in Ramsays neuem Film A Beautiful Day spielt Joaquin Phoenix. Der Film beginnt mit einer Szene in einem Hotelzimmer. Die Kamera zeigt Gegenstände des Menschen, den Joe dort offenbar gerade umgebracht hat: Eine Halskette mit dem Schriftzug Sandy. Ein Portemonnaie. Das Foto eines Mädchens mit asiatischen Gesichtszügen – Joe wird es im Mülleimer verbrennen. Und dann Nahaufnahmen der Narben des Auftragsmörders. Erst nach und nach werden die fragmentierten Einstellungen des bulligen Körpers zu einer Person.

Wie ein Soldat mit Kapuzenjacke bewegt sich Joe durch die Nebenstraßen eines New York, das wie das Terrain eines Nahkampfeinsatzes wirkt. Mit Vorliebe betritt Joe Gebäude durch Notausgänge und Lieferanteneingänge, Türen werden eher aufgetreten als geöffnet. Der Mann befindet sich im permanenten Krieg, auch mit sich selbst.

Eine Art Freundschaft verbindet den Killer mit seinem älteren Auftraggeber, in dessen Büro er sich auf das Sofa lümmelt. Wenn Joe dabei bunte Bonbons aus einer Schüssel fischt und zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt, ahnt man, wozu diese breitfingrigen Hände in der Lage sind.

Nach vollbrachten Aufträgen kehrt Joe in das Haus am Stadtrand zurück, in dem er mit seiner alten Mutter lebt. Es ist eine innige Mutter-Sohn-Beziehung. Abends schaut die Mutter im Fernsehen Hitchcocks Psycho. Man spürt die neurotische Lähmung im Zentrum der Lebensgemeinschaft.

Rückblenden, die wie Flashs zwischen die Bilder schießen, erzählen von der traumatischen Vergangenheit des Killers: einem Kriegseinsatz und einem gewalttätigen Vater. Der Hammer, mit dem die Gewalt in seiner Kindheit ausgeübt wurde, ist heute Joes bevorzugte Waffe. Unfassbar, wie bedrohlich ein Besuch im Baumarkt auf der Leinwand sein kann.

Als Lynne Ramsays Film im vergangenen Jahr auf dem Festival von Cannes Premiere hatte (Phoenix gewann den Preis des besten Darstellers), wurde er mit Martin Scorseses Taxi Driver verglichen. So wie Travis Bickle ist auch Joe ein "schwarzer Engel". So wie der Taxifahrer rettet auch er ein Mädchen vor dem Abgrund. Aber anders als Scorseses Rächer interessiert sich Joe nicht für New York. Auch käme er nie auf die Idee, aggressive Monologe vor dem Spiegel zu halten. Er hat schlichtweg kein Verhältnis zu der Stadt oder zu sich selbst. Der Originaltitel von Ramsays Film sagt es ja auch: You Were Never Really Here – "du warst niemals wirklich da".

Bilder aus früheren Lynne-Ramsay-Filmen schieben sich ins Gedächtnis. Auch sie erzählen von Schuld und der Einsamkeit, die daraus hervorgeht: Die Aufnahmen des ertrinkenden Jungen in Ratcatcher gehen über in die Aufnahmen einer Wasserbestattung in A Beautiful Day.

Oder eine Szene mit Tilda Swinton, der Mutter des Amokläufers in We Need to Talk About Kevin: Eine Großaufnahme zeigt ihre Hände, die hektisch Farbe wegputzen – oder ein schlechtes Gewissen. Die Farbe stammt von den Plastikbeuteln, die die Eltern der Opfer gegen ihr Haus geworfen haben. Auch in Lynne Ramsays neuem Film bleiben vor allem Joes Hände in Erinnerung. Wenn er zärtlich über die Stirn der Mutter streicht. Wenn er sich Eispackungen auf die frischen Prellungen legt. Diese Hände verstauen Softdrinks und Schokoriegel im Auto, bevor Joe das Mädchen aus dem Bordell der Pädophilen holt. Es sind dieselben Hände, die den Hammer umklammern.

Lynne Ramsay zeigt nicht die Gewalt, sondern die Folgen: Leichen, Blutlachen, gekrümmte Körper am Boden. Dass Joe mit einem mechanischen Werkzeug schwer bewaffnete Gegner tötet, hat auch etwas Morbid-Komisches.

Immer häufiger, immer brutaler zucken die Erinnerungsbilder in Joes Gegenwart hinein. Auf berührende Weise spielt Joaquin Phoenix diesen Killer, dessen Selbstverpanzerung sich langsam löst.

Noch ein Ramsay-Bild: eine Politikervilla in Neuengland, mit gepflegtem Park. Doch am linken Bildrand sieht man schon den Mann mit dem Hammer über die Wiese wackeln. Joes Weg durch das Haus führt vorbei an Holztäfelungen, Kopien alter Meister, protzigen Möbeln. Aus der Einrichtung spricht die luxuriöse Vulgarität der Macht. Dazwischen wirkt der von Schuld und Gewalt verfolgte Hammerkiller – auch dies ein Effekt von Ramsays manchmal bitterböser Poesie – plötzlich sehr lebendig.