Der Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman erzählt eine hübsche Geschichte, die Georg Hafner und Esther Schapira in ihrem Buch Israel ist an allem schuld festgehalten haben. Regelmäßig fragt er Schulklassen, wie viele Juden wohl in der Stadt lebten. Millionen, meinten die Schüler. Wie das, wollte er wissen, wo Frankfurt doch nur 700.000 Einwohner zähle? Schließlich ließen sich die Kids auf 100.000 runterhandeln.

Wie kämen sie auf diese gewaltige Zahl? Da deutete ein Schüler durchs Fenster auf die aufragende Frankfurter Skyline – die Wolkenkratzer der Großbanken. Damit wollte er sagen: Wo so viele Banken stehen, muss es auch viele Juden geben. Die ultimative Pointe kam von den Lehrern. Die guckten den Rabbiner an, "als wollten sie sagen: Stimmt doch. Da ist doch was dran."

Die reale Zahl ist 7.000. Aber die Mär vom "Geldjuden" lebt fort. Dazu die Klassiker wie der Verrat Jesu durch den Kollektivjuden Judas oder die Idee von der Allmacht, die in der "Weltverschwörung" gipfelt. "Der Schoß ist fruchtbar noch", besagt ein berühmtes Brecht-Zitat von 1941. Wie fruchtbar ist er nach siebzig Jahren mustergültiger demokratischer Entwicklung in Deutschland unter dem Schwur "Nie wieder"?

Die Sozialforschung unterscheidet drei Typen der Judenfeindschaft: den historischen, den Sekundär- und den israelbezogenen Antisemitismus. Die gute Nachricht vorweg: Der klassische (rassisch-religiöse) Judenhass ist in Deutschland gut eingezäunt. Die systematisch erhobenen Daten belegen die Judenfeindschaft nicht, jedenfalls keine, die in Europa aus der Reihe fiele.

Der alte Antisemitismus: Wie misst man Judenhass? Natürlich fragt kein Interviewer geradeheraus: "Sind Sie Antisemit?" Seit den Studien zum autoritären Charakter (1950) von Theodor Adorno und Kollegen werden Vorurteile gemessen, ohne das Ziel der Fragen zu enthüllen. Sie kommen indirekt daher. Eine Standardfrage ist: "Möchten Sie X als Nachbarn?"

Einer breiten Untersuchung des American Jewish Committee nach der Jahrtausendwende zufolge wollten 17 Prozent nicht neben Juden wohnen. Doch dem großen Rest – 70 Prozent – war es egal. Diese Zahlen gewinnen an Gewicht erst im Vergleich mit anderen Gruppen. Araber lehnten schon mal vier von zehn ab. Schlimmer erging es Zigeunern, wie sie damals genannt wurden: Knapp sechs von zehn Deutschen wollten sie nicht in ihrer Nähe haben. Auf der Rassismus-Skala kamen die Hebräer also relativ gut weg – nachgerade als Ehren-Arier.

Eine andere Standardfrage, in der die "Weltverschwörung" mitschwingt, lautet: Haben die Juden zu viel Einfluss in Deutschland? Nur neun Prozent waren sich da ganz sicher, 18 teilweise. Der Rest sagte "nein" oder "weiß nicht". Solche Zahlen pflastern im Vergleich zum europäischen Ausland keinen deutschen Sonderweg.

Bei "zu viel Einfluss über die Wirtschaft" kamen die Juden nicht so gut weg; das glaubte jeder Dritte. Bloß erging es den Juden anderswo schlechter. In Frankreich und Italien glaubten 42 Prozent an die Übermacht der Juden, in Belgien 44, im fast "judenreinen" Spanien 63 Prozent. Dass die Juden ein eigensüchtiges Pack seien, bejahte ein Viertel der Deutschen. Damit lagen sie aber hinter Belgiern, Spaniern, Italienern und Österreichern, Deutschland entpuppte sich um die Jahrtausendwende als Teil der europäischen Familie – und dann nicht als Vorreiter der Judeophobie, sondern als Nachzügler.

Das Zahlenbild ist seitdem sogar lichter geworden. Eine neue Umfrage meldet einen "bedeutsamen Rückgang antisemitischer Einstellungen in Deutschland" – von 26 auf 17 Prozent. Andere Studien zeichnen ein noch rosigeres Bild: Antijüdische Attitüden seien in den einstelligen Bereich abgesunken. Im Jahrzehnt 2005 bis 2015 wurden in Frankreich und Großbritannien doppelt so viele antisemitische Gewaltvorfälle wie in Deutschland registriert, allerdings vor dem Millionenschub aus Nordafrika und Nahost. Bis 2015 lagen die Deutschen auf der Antisemitismus-Skala im Mittelbereich. Sie werden weit übertroffen von den Griechen, wo sieben von zehn Bürgern antijüdische Überzeugungen bekunden. In Osteuropa ist der Pegel doppelt so hoch wie in Deutschland.