Auch hier gibt es in Wahrheit nichts Neues unter der Sonne. Thomas Hobbes, ein Urvater des politischen Realismus, lehrt im Leviathan: "Einen Menschen mehr verletzt zu haben, als er wiedergutmachen könnte oder wollte, reizt den Übeltäter zum Hass gegen sein Opfer, denn er kann nur Rache oder Verzeihung erwarten, und beides ist ihm ein Gräuel." Denn wer vergibt, der hat die Macht.

Israelbezogener Antisemitismus: Diese Sorte der Schuldbewältigung nennen die Forscher "israelbezogenen Antisemitismus". Vier von zehn können es angesichts der "israelischen Politik gut verstehen, dass man etwas gegen die Juden hat" – notabene gegen die Juden, nicht die Israelis. Ebenso viele glauben, dass Israel einen "Vernichtungskrieg" gegen die Palästinenser führe – wie einst Nazideutschland gegen die Sowjets. Das Warschauer Ghetto wird mit Gaza gleichgesetzt, als hätte die SS weiland das Ghetto plattgemacht, weil von dort aus deutsche Städte mit Raketen beschossen wurden – so wie tatsächlich Hamas israelische Städte beschießt. Mehr als ein Viertel meint: Was Israel mit den Palästinensern macht, sei nichts anderes als das, was die Nazis den Juden angetan hatten. Also die "Endlösung Zwei", aber diesmal mit den Überlebenden als Tätern und den Palästinensern als Opfern.

Die anderen Opfer seien die Deutschen. Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU): "Wenn die deutsche Vergangenheit dazu benutzt wird, uns jede Kritik (an Israel) zu verbieten, dann wäre die deutsche Schuld mit (einem) Denkverbot verbunden." Eine übliche Floskel lautet: "Kritik an Israel ist doch kein Antisemitismus." Oder: "Wir lassen uns nicht das Maul verbieten." Dazu wieder Blüm: "Der Vorwurf des Antisemitismus wird auch als Knüppel benutzt", um Kritik an Israel zu verhindern. Hier wird ein Pappkamerad aufgestellt. Selbstverständlich ist Kritik nicht Judeophobie, ein Kritikverbot gibt es nicht. Im Gegenteil. Das Gros der deutschen Medien liefert seit Jahrzehnten "Israelkritik", die von belehrend bis feindselig reicht. Antisemitismus ist out, Israelkritik ist in.

Auf die emotionale Ladung kommt es an. Sätze wie "Israel nutzt unverhältnismäßige Gewalt" oder "Die Siedlungen gefährden den Friedensprozess" mögen richtig oder falsch sein; sie transportieren weder Israel- noch Judenfeindschaft. "Vernichtungskrieg" ist ein anderes Genre. Das Wort diffamiert und dämonisiert, um im nächsten Zug Selbstentlastung und moralische Überlegenheit zu plakatieren. Etwa so: Die Israelis machen genau das, was wir getan, aber aufrichtig bereut haben. Blüm fragte, ob ein Deutscher nach Auschwitz überhaupt so reden dürfe, und antwortete: "Gerade deshalb." Die Wiedergutgewordenen müssen den Wiederholungstätern Besserung abfordern. Sie bezeugen Läuterung in der Rolle des Therapeuten und sittlichen Wegweisers.

Der israelbezogene Antisemitismus ist nicht the real thing, die echte Münze. Er ist wie in der Finanzwelt ein "Derivat" der Vergangenheitsbewältigung, das als Rendite die Erlösung von der vererbten Schuld verheißt. Dennoch: Das Antisemitismus-Verbot haben sich die Deutschen – anders als Blüm und Grass wähnten – selber auferlegt. Es hält bis heute. Dass es auch moralische Selbsterhöhung gebiert, ist Teil des Geschäfts, muss es sein angesichts einer Bürde, die nunmehr in der dritten Generation scheuert. Warum eigentlich nach 70 Jahren liberaldemokratischer Tugend?

Gaza – Ghetto, Israelis – Nazis: Wie tief sitzt die Kopplung in der deutschen Seele? Die gute Nachricht: Eine knappe Hälfte der Befragten teilt diese Meinung "überhaupt nicht"; dazu kommt noch ein Viertel, das "eher nicht" an die Gleichsetzung Israelis – Nazis glaubt. Das hat eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgefunden.

Was ist dann mit jenem Syrer, der in Berlin einen Kippa-Träger mit seinem Gürtel verprügelt hat? Systematische Erhebungen wie seit Jahrzehnten unter "Bio-Deutschen" fehlen noch. Aber isolierte Daten lassen ahnen, dass geduldige Sozialisierungsarbeit ansteht. In Westeuropa (2013) glauben sechsmal mehr Muslime als Christen, man könne "Juden nicht trauen". Eine bayerische Studie (2017) berichtet, sieben von zehn Syrern und Irakern seien ganz oder teilweise davon überzeugt, dass die "Juden zu viel Einfluss in der Welt" hätten.

Die Ironie ist nicht zu toppen: Der klassische Antisemitismus wurde in Europa erfunden. Die Deutschen haben ihn bei sich ausgetrieben. Jetzt kommt er als Import zurück.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Autors "Der gute Deutsche", das im Frühherbst erscheint.