In diesen Tagen, die das Land aufwühlen, gab es beileibe nicht nur den pöbelnden und mit seinem Gürtel schlagenden jungen Syrer, der es zu trauriger Bekanntheit gebracht hat. Er hatte in Berlin einen israelischen Staatsbürger attackiert, der eine Kippa trug. Es spielten sich auch andere furchterregende Szenen ab, die weniger zur Kenntnis genommen wurden und doch erschreckend nah sind.

Auf den aktuellen Hamburg-Seiten der ZEIT macht meine Kollegin Sarah Levy einen Vorfall öffentlich, dessen Zeugin sie war. In einer Kneipe auf St. Pauli, an deren Tür hebräische Schriftzeichen zu erkennen sind und in deren Gastraum eine israelische Fahne hängt, wütete ein junger Mann, halb auf Arabisch und halb auf Deutsch: "Ich ficke Israel wie eine Frau!" Die Wirtin, die eine Israel-Freundin, aber keine Jüdin ist, erklärte danach, dass sie Ausfälle dieser Art regelmäßig erlebe, die Stimmung werde feindseliger.

Auch symbolische Handlungen können das gesellschaftliche Klima beeinflussen

Nur wenige Wochen zuvor hatte eine Reporterin des ARD-Morgenmagazins Manfred Levy, den Vater der ZEIT- Journalistin, zu einer Berufsschule in Frankfurt begleitet, in der er – selbst Jude – im Auftrag des Jüdischen Museums Frankfurt mit Schülern in einem Workshop über Toleranz sprach. Danach traf die Moma-Reporterin den Pädagogen vor einer Gesamtschule, an der er einst unterrichtet hatte. Auf ihrem Tablet zeigte die Reporterin ein sieben Jahre altes Foto: Am Zaun des Gartens jener Schule prangten die Worte "Hr. Lewi du Jude" und ein Hakenkreuz. Die Reporterin wollte ihn gerade zu diesem ungeheuerlichen Vorfall von damals befragen, da fingen im Hintergrund einige junge Erwachsene mit Migrationshintergrund an, Manfred Levy zu beschimpfen, sodass es im Film zu hören ist: "Scheißjude!" Und als das Fernsehteam sich den Rufern näherte, wurde es tätlich angegriffen. Dieser brutale Antisemitismus ist in Deutschland Alltag geworden. Aber eine Gesellschaft, die das hinnähme, hätte sich aufgegeben.

Nur, was tun? Es ist eine Binse, dass der Antijudaismus 2.000 Jahre alt ist und kein Sofortprogramm der Welt ihn vermutlich jemals tilgen wird. Er verändert sich stetig, wie Josef Joffe in der ZEIT darstellt, und insbesondere Muslime nehmen dafür heute die israelische Siedlungspolitik zum Vorwand. Nach derselben Logik könnte man einen Libanesen in Neukölln traktieren, weil zum Beispiel in einem arabischen Staat wie dem Jemen oder Saudi-Arabien Ehebrecherinnen gesteinigt oder Regimegegner ausgepeitscht werden – was glücklicherweise niemand tut.

Wer Antisemitismus von Flüchtlingen oder anderen Menschen mit Migrationshintergrund herausstellt, berührt die wunden Punkte der Einwanderung nach Deutschland: Wie viel Integration verträgt das Land? Und nach welchen Spielregeln soll sie stattfinden? Die einen befürchten pauschale Verdammung und Ausgrenzung, die anderen sehen in jedem tobenden Asylbewerber den Beleg für einen virulenten Kulturkampf und für das Scheitern aller Integrationsbemühungen. Es helfen aber weder eifernde Rundumschläge noch die alles verstehende und letztlich alles verzeihende Haltung, dass jeder Migrant Opfer sei – wahlweise seiner kulturellen Prägung, einer eigenen Diskriminierungserfahrung oder mindestens der kapitalistischen Globalisierung. Es hilft weder wegzugucken noch zu relativieren. Es ändert sich aber sehr wohl etwas, wenn Politik, Polizei und Justiz bei Straftaten konsequent handeln und Schulleiter und Lehrer dazu ermuntert werden, durchzugreifen, wann immer Schüler Juden verunglimpfen – bis hin zum Schulverweis.

Denn es ist zu befürchten, dass die Begleiterscheinungen mangelnder Integration eher noch zunehmen. Und das in einem Land, das eine schwer zu begreifende Scheu hat, die Einhaltung von Normen und Prinzipien gegenüber jenen offensiv zu formulieren, die hier aufgenommen werden wollen, und besonders gegenüber jenen, die ein Gastrecht haben, aber sich an diese Regeln nicht halten wollen.

Was noch wirksamer wäre als die notwendigen Sanktionen: starke Zeichen gesellschaftlicher Ächtung. Es reicht nicht, wenn die Empörung aus den Institutionen und von den Eliten kommt. So ehrenvoll es ist, dass nun frühere Preisträger ihre Echos zurückgeben, von der ZEIT-Stiftung über Marius Müller-Westernhagen bis hin zu Daniel Barenboim: Das Schlimmste an der Auszeichnung für die Rapper Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang war, dass ihnen anscheinend nie jemand signalisiert hatte, dass eine Zeile wie "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen" eine Verhöhnung der Opfer darstellt, am allerwenigsten offenbar die an jenem Album beteiligte Plattenfirma Bertelsmann Music Group. Und dass Mainstream-Stars wie Helene Fischer oder Mark Forster sich am Abend der Verleihung auf der Echo-Bühne davon nicht abgesetzt haben. Dieser Job blieb an Campino hängen, dem Frontmann der Punkrockband Die Toten Hosen, der dafür Häme und Hass erntete, während die Videos der Rapper enthusiastisch geklickt wurden.

Auch das zeigt: Nur wenn aus dem Bekanntenkreis, von den Bezugspersonen an Schulen oder im Job und von der großen Mehrheit der Menschen im Land das Zeichen kommt, dass man so etwas nicht will, kann man Dummheit, Vorurteil und Aggression eindämmen – wenn man sie schon nicht besiegen kann. Das gilt übrigens genauso gegenüber jenen selbst ernannten Musterdeutschen, die dem grünen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir oder der früheren Integrationsbeauftragten Aydan Özoğuz (SPD) aufgrund ihrer türkischen Wurzeln das Recht absprechen, Deutsche zu sein, und sie am liebsten in die Türkei abschieben würden. Da spricht nicht Volkes Stimme, aber das Volk muss hin und wieder auch zeigen, wofür es wirklich einsteht. Die großen, spontanen Proteste gegen die fremdenfeindlichen Ausschreitungen und Anschläge Anfang der neunziger Jahre, die aus der Zivilgesellschaft kamen, die bewegende Solidarität der Franzosen nach dem tödlichen Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt beweisen: Auch symbolische Handlungen bergen die Kraft, das gesellschaftliche Klima zu beeinflussen. Das könnte die Aktion "Berlin trägt Kippa", die für diese Woche in Berlin ausgerufen worden ist, auch schaffen. Gerade nachdem der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, davor gewarnt hat, die Kippa im großstädtischen Alltag sichtbar zu tragen. Aber wirksamer wäre eine solche Initiative, wenn sie aus der Gesellschaft der nicht unmittelbar Betroffenen käme und nicht primär von einer jüdischen Gemeinde. Oder müssen erst Juden sterben, bevor sich die Mehrheitsgesellschaft verantwortlich fühlt?