"Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang", schrieb der Philosoph Ernst Bloch, und wie aufrecht die Armenier gehen, zeigte sich in den vergangenen Tagen, als Zigtausende in diesem Land mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern ihren Machthaber aus dem Amt drängten. Junge Leute, gut gebildet, forderten friedlich und erfolgreich, dass der 63-jährige Sersch Sargsjan abtritt. Der war zwei Amtszeiten lang Präsident gewesen, hatte dann dank einer Verfassungsänderung die Macht des Präsidenten geschwächt, die des Premiers gestärkt und versprochen, die Finger davon zu lassen – um das Amt dann doch zu übernehmen.

Ein bewährtes Spiel: In Russland führten es Wladimir Putin und Dmitri Medwedew auf. Als Putin 2012, nach vier Jahren als Premier, wieder als Präsident antrat, gab es in Moskau massenhaft Proteste, die man erst aussaß und dann niederschlug. Als der Machthaber in Armenien aber mit dem gleichen verfassungsrechtlichen Schachzug seine Macht sichern wollte, scheiterte er – vermutlich auch deshalb, weil sich Sargsjan der Loyalität der Armee nicht gewiss sein konnte. Was in Armenien passierte, war keine Revolution, eher ein revolutionär angehauchtes Signal. Und ebenso eine Absage an die scheinbare Stabilität, die Despoten oder solche, die es werden wollen, im Gegenzug für korrupte Machenschaften gern versprechen.

Nun mag Armenien vor dem Umsturz zwar keine lupenreine Demokratie gewesen sein, eine Diktatur aber war es auch nicht. Und nicht nur diesen Kategorien entzieht sich das Land: Es ist umgeben von schwierigen Nachbarn, weshalb es versucht, zu denjenigen, die keine Feinde sind, möglichst gute Beziehungen zu pflegen, allen voran zur Schutzmacht Russland. Es trägt schwer an der Vergangenheit mit einem von den Osmanen begangenen Genozid und an der kriegerischen Gegenwart, da es mit Aserbaidschan um die Region Nagorny-Karabach kämpft. Es ist klein und arm – hat aber eine mächtige und reiche Diaspora, von Cher über Charles Aznavour bis Kim Kardashian. Wer durch die Straßen von Jerewan spaziert, wird wenig Kriegsheldenverehrung finden, dafür aber Plätze, die nach Dichtern, Regisseuren und Künstlern benannt sind. Man ist stolz auf das kulturelle Erbe. Aber Armenien hat auch mit den typischen Problemen eines postsowjetischen Landes zu kämpfen: Oligarchen, Seilschaften und Korruption.

Das Bemerkenswerte an Revolutionen sind die Erwartungen, die sie hervorrufen. Kaum hatten die Demonstranten in Jerewan den Rücktritt des Premiers erzwungen, schlug ihnen von vielen Seiten Misstrauen entgegen: An dem Vasallen-Verhältnis zu Russland werde sich nichts ändern, geopolitisch bleibe alles, wie es ist, mit der korrupten Elite würden die Demonstranten nicht aufräumen. Und überhaupt werde es so laufen, wie es immer läuft. Auf die Euphorie folgt der Kater, alles bleibt beim Alten.

Das mag alles sein. Was in Jerewan passiert ist, ist keine Wiederholung des ukrainischen Maidans, auch wird die Geschichte südkaukasischer Autokratien nicht neu geschrieben. Oder wie Thomas de Waal, Experte für den Südkaukasus, anmerkte: "Manchmal sind Proteste in Armenien einfach Proteste in Armenien." Und nicht einmal die sind so richtig neu, in Armenien wird oft demonstriert. Aber zum ersten Mal gelang es, friedlich einen Rücktritt zu erzwingen.

Über Revolutionen hatte Ernst Bloch auch zu sagen: "Und selbst wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft", und das gilt noch mehr für revolutionär angehauchte Signale. Der neue Premier in Armenien, der das Amt übernommen hat, ist ein früherer Gazprom-Manager. Ob nun Neuwahlen folgen, ob eine Opposition erstarkt, ob Sargsjan seine Worte "Ich habe mich geirrt" wirklich ernst meint, das bleibt abzuwarten. Dass aber ein Machthaber den Massen nachgibt, dass verhaftete Oppositionsführer wieder freikommen, dass kein Blut geflossen ist, weil Menschen im aufrechten Gang durch die Straßen schritten – das ist nicht wenig in einer Region, in der Demonstrationen allzu häufig mit Schlagstöcken, Haftstrafen oder gar Toten enden.