Schwieriger als die Liebe selbst ist ihre Definition. Birke Opitz-Kittel weiß das. Sie weiß, dass körperliche Nähe und Liebe verschiedene Dinge sind. Für sie definiert sich die Liebe nicht durch Küsse, Umarmungen, Berührungen, nicht durch Zärtlichkeiten oder Sätze wie: "Ich liebe dich." Wer braucht all diese Dinge? Sie nicht.

Birke Opitz-Kittel hat ihre eigene Definition der Liebe. Und sie hat sie im Kopf. Morgens, wenn sie aufsteht, in ihrer abgedunkelten Wohnung sitzt, wenn die Kinder nach und nach aufwachen. Sie hat sie im Kopf, wenn ihre Töchter sich ein Müsli machen, während sie selbst vor ihrer Tasse mit der Aufschrift "Lächle, du kannst sie nicht alle töten" sitzt. Wenn sie ihre Kinder dann wieder ins Zimmer schickt, damit sie dort allein frühstücken, weil Birke Opitz-Kittel Essensgeräusche hasst, das Klappern der Teller, das Kauen. Sie hat ihre Definition auch im Kopf, wenn sie auf ihre Kinder zugeht und sie in den Arm nimmt, obwohl sie Nähe nicht gut erträgt, obwohl sie denkt: Umarmungen sind überflüssig.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland autistisch sind. Häufig erkennen Ärzte die Symptome gar nicht. Der Bundesverband Autismus Deutschland schätzt, dass auf 1.000 Einwohner in etwa sechs oder sieben Menschen mit Autismus kommen. Sicher ist: Birke Opitz-Kittel, 43 Jahre alt, ist eine von ihnen, mit Asperger-Syndrom. Es fällt ihr schwer, ihre Gefühle zu zeigen. Ironie, Gestik und Mimik musste sie mühsam lesen lernen, von anderen Menschen hält sie sich lieber fern. Und ist doch fünffache Mutter, zweimal geschieden, die Kinder haben drei verschiedene Väter, ihre neueste Ehe hält seit 2004. Wie geht das?

Als sie noch jünger war, da fragte sie sich oft: Birke, warum magst du die Menschen nicht? Birke, warum gehörst du nicht dazu? Birke, warum kannst du das mit der Liebe nicht?

Die Diagnose Autismus kam erst Jahrzehnte später. All die Jahre lebte sie mit diesem komischen Gefühl, anders zu sein. Vielleicht muss ich mich nur genug anstrengen, sagte sie sich. Vielleicht muss ich einfach alles geben, dann wird alles gut. Sie verstand nicht, was mit ihr los war. Hilfe hatte sie keine.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Autismus als "tiefgreifende Entwicklungsstörung". Betroffene haben Probleme bei der sozialen Kommunikation. Es fällt ihnen schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen wahrzunehmen, sie zu deuten und angemessen zu reagieren.

Schon als Kind dachte Birke Opitz-Kittel über Gefühle nach, über menschliche Regungen, über Gesichter, Tränen, Lachen. Damals, wenn die anderen spielten und sie in der Ecke saß und zuschaute. In der Schule, wenn alle lachten und sie sich fragte, was der Witz bedeutete. Je mehr sie aber über all das nachdachte, darüber, warum sie immer abseitsstand, nicht dazugehörte, darüber, weshalb sie Gesprächen nicht folgen konnte, Ängste hatte, den anderen lieber fernblieb, desto mehr verzweifelte sie, wollte keinem zeigen, wie schlecht es ihr ging, und sprach tagelang mit niemandem. Bis sie sich als junge Erwachsene sagte: Birke, du musst raus ins Leben. Ausbildung, Beruf, Familie. Die Gesellschaft will es. So sind die Regeln. Sie begann eine Lehre zur Bürokauffrau.

Noch heute, wenn sie unter Menschen ist, wenn sie merkt, dass ihr alles zu viel wird, sagt sie zu sich selbst: Birke, du darfst jetzt nicht auffallen. Das Mantra ihres Lebens.

Also zwang sie sich in das normale Leben. Um Liebe ging es dabei nicht. Normalität, nichts anderes. Ob die Männer passten oder nicht, das stand nicht zur Debatte. Vielleicht verliefen die Ehen auch deswegen nicht gut. Und die Männer, sie hatten bei ihr leichtes Spiel. Ihre Unsicherheit machte sie beeinflussbar, lenkbar.

Sie heiratete und hielt eines Tages, sie war zwanzig, ihr erstes Kind auf dem Arm. Marc, ein Frühchen. Es fühlte sich in Ordnung an. Komisch. Aber in Ordnung. Dieses kleine Wesen, weinend und schreiend, ganz nah bei ihr. Sie hielt es aus. Obwohl sie Berührungen doch hasste. Einen Milcheinschuss hatte sie nie – ihre Kinder stillte sie nicht.