Der Brexit hat die britischen Universitäten erschüttert. Nun suchen sie nach Strategien für die Zukunft.

Der Lack ist ab. Unter der abgeplatzten Farbe ist die rohe Wand zu sehen, vertrocknete Klebefilmstreifen künden von Plakaten, die hier mal hingen. Irgendwann einmal muss diese türkisgrüne Wand geleuchtet haben. Irgendwann einmal wird wohl auch der Seminarraum, der von diesem Flur abgeht, einen sauberen Teppich auf dem Boden, eine funktionstüchtige Jalousie am Fenster gehabt haben. Zu Zeiten wahrscheinlich, als die weiße Plastikuhr, die auf 15.05 Uhr stehen geblieben ist, noch richtig tickte. Die Zeit aber ist aus den Fugen, hier an der Universität Warwick, eigentlich in ganz Großbritannien.

Denn das Land muss die Europäische Union verlassen und mit ihm seine Universitäten. Die aber wollen das nicht, ganz und gar nicht. Keine gesellschaftliche Gruppe hat so homogen gegen den Brexit votiert wie die jungen Studierenden, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Nirgendwo war der Schock über das Referendumsergebnis so groß wie an den Hochschulen des Landes, deren Selbstverständnis in all jenem wurzelt, was der Brexit bekämpfen will: Globalisierung, Multikulturalismus, Weltoffenheit – und nicht zuletzt die Deutungshoheit der Wissenschaft.

Der Satz des ehemaligen Bildungsministers Michael Gove – "Die Bevölkerung hat genug von Experten!" – wurde zum Fanal des EU-Austritts, der in den Bibliotheken und Hörsälen des Landes bis heute donnernd nachhallt. Vor allem in Oxford und Cambridge, diesen Ausnahmeuniversitäten, die – vor 800 Jahren gegründet – wie vielleicht keine anderen akademischen Institutionen auf der ganzen Welt die Autorität des Expertentums, die Rationalität, die Kraft des wissenschaftlich fundierten Arguments verkörpern. Diese Autorität ist durch populistische Bewegungen auch in anderen Ländern unter Druck geraten, und sie wird inzwischen in den Universitäten selbst problematisiert. Zweifel nagen an den College-Mauern. Sie verwickeln die Wissenschaftler in diesen Tagen, ein Jahr bevor die Insel sich endgültig abschottet, in eine zehrende Selbstbefragung: Haben wir einen Anteil am Brexit? Besiegelt er das Ende einer glanzvollen Wissenschaftsnation? Und wäre das nicht immerhin der Beweis, dass wir zu Recht vor dem Brexit gewarnt haben?

Es ist Frühling, Prüfungszeit an der Universität Warwick. Lilafarbene Krokusse und gelbe Narzissen stoßen durch die Grasdecke des Campus. In den Cafés halten Studierende ihre Augenringe in die Sonne. Warwick gehört zu den besten staatlichen Universitäten des Landes. Eine Uni, die äußerlich handfest anmutet. 1965 gegründet, seitdem stetig wachsend, fliehen die Institutsgebäude architektonisch in alle Himmels- und Stilrichtungen. London liegt nur knapp zwei Stunden südlich, viele pendeln aus der umliegenden Gegend, ihre Autos bevölkern auf dem Campus wuchtige Parkhäuser aus Waschbeton.

Doch der Abgrund, an dem die britische Wissenschaft derzeit steht, ist immer nur einen Gesprächsfetzen entfernt. "Ich weiß nicht, ob mein Forschungsprojekt in den nächsten Jahren finanziell gesichert ist", sagt der britische Doktorand. "Ich weiß nicht, ob meine Arbeitserlaubnis verlängert wird", sagt die portugiesische Reinigungskraft im Hörsaalgebäude. "Ich weiß nicht, ob ich in diesem Land bald eine Fremde sein werde", sagt die deutsche Dozentin, die seit 18 Jahren in England lebt.

Die Verunsicherung ist in diesen Tagen fundamental. Zwar laufen die gemeinschaftlichen Forschungs- und Austauschprogramme vorerst bis 2020 weiter, doch gemessen an den langfristigen Planungszyklen der Hochschulen, bringt das kaum Erleichterung. Ob sie ein Erasmus-Semester einplanen können, fragen sich Studierende. Ob sie sich sicherheitshalber wegbewerben sollten, überlegen Postdocs. Ob ihre Projektgruppe fortbestehen wird, kalkulieren Professoren.

London scheint diese Sorgen bislang kaum ernst genommen zu haben. Im März gingen Wissenschaftler und Studierende an fast allen britischen Hochschulen auf die Straße, um zu zeigen, wie sehr sie sich von der Bildungspolitik allein gelassen fühlen. Anlass für den Protest war das Vorhaben der Regierung, die Pensionsfonds der Hochschuldozenten am Finanzmarkt anzulegen, also mit den bereits versprochenen Renten zu spekulieren. Als sei die Brexit-Wette nicht genug.

Auch Christoph Mick, 57, kann den Brexit einfach nicht abschütteln. Eigentlich hat er gerade ein Freisemester und kann sich zu Hause in sein Forschungsgebiet eingraben, das Gedenken an die Gefallenen im Europa der Zwischenkriegszeit. Und eigentlich bleibt er seinem Büro derzeit auch deswegen fern, weil er ebenjenen Streik unterstützt. Ein Mittagessen im Campus-Restaurant sei aber okay, findet der Osteuropahistoriker. Und irgendwie hänge ja auch alles miteinander zusammen: die Freiheit der Forschung, das EU-Referendum, der Protest gegen die Regierung. Mick, ist ein kleiner, freundlicher Mann mit weicher Physiognomie und weichem Gemüt. Grauer Kurzhaarschnitt, graues Hemd, Anorak. Der Deutsche hat eine typisch europäische Migrationsbiografie: Promotion und Habilitation in Deutschland, dann der Ruf nach Warwick. Seine Frau ist Schweizerin, der 14-jährige Sohn Engländer, seit 13 Jahren leben sie jetzt hier.

"Mein Gefühl war immer: Als Europäer habe ich das Recht, hier zu leben. Seit dem Brexit hat sich das gewandelt. Jetzt fühlt es sich an, als sei ich nur noch geduldet", sagt er. Eine kleine Verschiebung in der Selbstwahrnehmung, die viele ausländische Wissenschaftler in Großbritannien wie ein bedrohliches tektonisches Rumpeln empfinden. 135.000 Studierende, 50.000 Forscherinnen und Forscher kommen aus EU-Ländern. Sie alle verbürgen den Ruf Großbritanniens, eine weltweit führende Wissenschaftsnation zu sein. Die Internationalität ist das größte Kapital britischer Universitäten, denn sie ermöglicht globale Wettbewerbsfähigkeit. Aber sie ist auch so etwas wie der Herzschlag einer Zunft, die wie ein Nomadenvolk durch die Welt zieht, von einem Forschungsprojekt, einer Universität, einem Land zum nächsten. Die Erkenntnisfindung zählt, nicht der Pass. Der Brexit schiebt dem einen Riegel vor. Psychologisch, vielleicht bald auch buchstäblich an den Grenzkontrollen der Flughäfen.