Zunächst soll der Kläger reden. Oliver Nöll, Fraktionsvorsitzender der Linken in Berlin-Kreuzberg/Friedrichshain, beantragte den Parteiausschluss von Diether Dehm. Nöll hat die Nase voll von den verbalen Entgleisungen des Promi-Genossen. Das geht seit Jahren so, sagt Nöll. Immer dachte ich, na ja, ist halt Diether. Natürliche Eitelkeit, sehr explizite Sprache. Zieht sich Themen raus und dramatisiert sie, irgendwie überspannt, mehr auf Effekt als auf Inhalt bedacht. Aber jetzt reicht’s. Ich hab keine Lust mehr, parteischädigende Äußerungen zu rechtfertigen, für die ich mich fremdschäme.

Was war passiert? Dehm hatte auf einer Ostermarsch-Kundgebung gesprochen. Man kann die wilde Viertelstunde auf YouTube erleben: Die PKK müsse von der Terrorliste gestrichen, die Verbrecherorganisation Deutsche Bank verstaatlicht, dem Antisemitismus widerstanden werden. Freiheit für Carles Puigdemont! Schluss mit der Hetze gegen Russland! Mit Steuergeldern würden die Straßen zu den russischen Grenzen EU- und Nato-Panzer-fähig gemacht. Und Außenminister Heiko Maas sei ein gut gestylter Strichjunge der Nato. Klingt wie eine Apo-Tirade.

Nöll sagt: So hätte Dehm als Satiriker reden können, als Kunstmäzen, als Medienmanager. Aber nicht mit einem Bundestagsmandat der Linken. Da gelten Regeln des Respekts, da muss ich mich deutlich unterscheiden von einer rechtsradikalen Partei, die Politik durch Verrohung der Sprache betreibt.

Bekanntlich ist die Linke kein einig Volk von Brüdern. Dehm zählt zum Flügel Wagenknecht/Lafontaine. Sein "Parteifreund", der Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger, nannte den Maas-Vergleich "unter der Gürtellinie". Berlins linker Kultursenator Klaus Lederer ätzte, die Äußerung "des in die Tage gekommenen Möchtegern-Gigolos und Möchtegern-Popstars" sei "gewohnt peinlich im Stil". Dehm zeigte Einsicht, süffisant. Per FAZ ließ er wissen, er hätte Maas wohl besser Nato-Strichmännchen genannt. Via Junge Welt entschuldigte er sich "bei jeder Sexarbeiterin und jedem Sexarbeiter, die alle eine edlere Motivation haben als willfährige Nato-Politiker". Unklar ist, wie viele dieser Adressaten Dehm erreichte. Das gilt auch für jene Verzeihung, um die er das griechische Volk bat, weil sein Vater als Panzerfahrer der Wehrmacht Partisanen getötet hatte.

Ich würde mich auch bei Heiko Maas entschuldigen, sagt Dehm. Wenn er in Bezug auf Russland ungedeckte Vorverurteilungen und Nato-Drohungen zurücknimmt. Es war ein absoluter Fehlgriff der SPD, aus niederen Machtinterna Gabriel abzuschieben.

Wir reden in Fulda. Diether Dehm ist hörbar Hesse, 1950 geboren in Frankfurt am Main, als Kind rechter Sozialdemokraten. Schon sein Vater, der Schlosser Otto Dehm, war prominent; er fußballerte beim FSV und bei Kickers Offenbach. Der Sohn studierte Soziologie und Pädagogik. Beizeiten wurde er zum linken Kulturnetzwerker. Geprägt habe ihn die Abscheu vor altnazistischen Lehrern. Er organisierte Konzerte gegen Nachrüstung, gegen Atomenergie, Rock gegen Rechts. Eigentlich wollte Dehm als Barde brillieren, unter dem Pseudonym Lerryn. Warum diese Karriere misslang, vermittelt das Borat-ähnliche YouTube-Video Der Sänger mit den besseren Liedern. Lerryn blieb Diether und schrieb fortan sozialfühlige Hits für andere – Monopoli und 1000-mal berührt für Klaus Lage, Was wollen wir trinken für die Bots, für seine SPD die Parteihymne Das weiche Wasser bricht den Stein. Er managte Wolf Biermann und Katarina Witt. Er textete für Fernsehgrößen wie Kulenkampff, Gottschalk, Jauch. Er schuf die TV-Puppenshow Hurra Deutschland. Dehm ist Unternehmer, also Kapitalist. Er selbst nennt sich marxistischer Sozialdemokrat.

Warum sind Sie 1998 zur PDS gewechselt?

Wegen der rot-grünen Beteiligung am Jugoslawien-Krieg. Ausgerechnet die Grünen, die immer pazifistisch getönt hatten, wollten bombardieren.

Sind Sie Pazifist?

Nein, Antimilitarist, Antiterrorist. Und glauben Sie mir, ich leide mit jedem Prozent, das die SPD verliert.

Können Sie verstehen, was an Ihrer Rhetorik abstößt?

Meine Äußerung war eine sprachliche Form des zivilen Ungehorsams. Ich war schon in der SPD jemand, der auch mal konfliktorisch eine Inszenierung vornahm. Was halt über die brave Presseerklärung hinausgeht.

Diether Dehm ist ein egobedachter Aktivist von umgarnender Freundlichkeit. Der Klabautermann der Linken. Mal klingt er wohlerwogen, dann wieder verstiegen. Wir eilen von Brechts Mutter zu #MeToo, von Napoleons Code civil über Alfred Dregger zum RAF-Terroristen Christian Klar, den der Bundestagsabgeordnete Dehm als Webmaster beschäftigt. Auch Klar habe, nach 26 Jahren Haft, ein Recht auf vollgültige Mitwirkung in der Gesellschaft. Angela Merkels Flüchtlingsentscheidung 2015? Sei zunächst eine mutige, spontan humane Regung gewesen. Allerdings ließen sich nicht sämtliche Probleme von Krieg, Freihandelsterror und ungerechter Weltwirtschaftsordnung durch Fluchtaufnahme in Europa lösen. Und schon gar nicht, erklärt Dehm, durch Zerstörung nationalstaatlicher Grenzen.

Wie passt das zu Dehms Gefängnisbesuch beim katalanischen Flüchtling Carles Puigdemont in Neumünster? Ein Tondokument dieser Visite findet sich gleichfalls bei YouTube. Dehm behauptet, Puigdemont sei kein Separatist, sondern ein Antifaschist, ein von Francos Erben mit Gewalt bedrohter und kompromissfähiger Unabhängigkeitspolitiker.

Seinen Rauswurf aus der Linkspartei scheint Diether Dehm nicht zu fürchten. Schon als SPD-Genosse überlebte er etliche Ausschlussverfahren. Auch die Linke ist politisch polyphon. Dehm kalkuliert genau, wie er die Tonart wechselt, und mahnt: Wir müssen den bürgerlich-demokratischen Rechtsstaat in den marxistischen Katechismus aufnehmen.