Frauen haben es im Staatsexamen schwerer. Ein Gespräch mit dem Juristen Emanuel Towfigh

DIE ZEIT: Herr Towfigh, Sie haben mit dem Psychologen Andreas Glöckner und dem Ökonomen Christian Traxler für eine Studie über 18.000 Jura-Staatsexamen aus Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Das Ergebnis hat es in sich: Die Juristenausbildung ist ziemlich ungerecht. Warum?

Emanuel V. Towfigh: Es ist ein Problem der gesamten Ausbildung, vom Kindergarten angefangen – das sich schließlich in den Prüfungsergebnissen manifestiert. Die schriftlichen Examen werden anonymisiert korrigiert, die finale Note aber wird nach der mündlichen Prüfung von einer Kommission vergeben. Diese Kommission kennt die schriftlichen Ergebnisse. Und es zeigt sich, dass deutschstämmige junge Männer bei den mündlichen Abschlussprüfungen oft überdurchschnittlich gut abschneiden, während Frauen und Migranten es genau hier schwerer haben. Die Kommission entscheidet also gleichsam, dass sie Männer häufiger für Prädikatsjuristen hält als Frauen.

ZEIT: Ein Prädikatsjurist ist ein Absolvent, der eine Abschlussnote von neun Punkten oder mehr hat. Eine magische Grenze, um Richter zu werden, Ministerialbeamter oder Anwalt in einer großen Kanzlei.

Towfigh: Es gibt insgesamt 18 Punkte. Nur gut rund 15 Prozent aller Studierenden schaffen es, überhaupt mehr als neun zu erzielen.

ZEIT: Wie sind Sie in der Studie methodisch vorgegangen?

Towfigh: Wir vergleichen Kandidatinnen und Kandidaten mit identischen schriftlichen Prüfungsergebnissen, die sich nur in ihrem Geschlecht unterscheiden oder durch einen Migrationshintergrund. Und da sieht man: Mit hoher Wahrscheinlichkeit schnitten Frauen und Prüflinge mit Migrationshintergrund bei der abschließenden mündlichen Prüfung schlechter ab.

ZEIT: Haben die Kommissionen unbewusste Vorurteile, oder sind sie offen sexistisch oder rassistisch?

Towfigh: Wir können mit diesen Daten natürlich nur beschränkt Ursachenforschung betreiben, zeigen aber auf, dass diese Effekte zwischen 2006 und 2016 relativ konstant geblieben sind. Nach meiner Erfahrung sind es eher unbewusste Vorurteile. Zudem gibt es sich selbst verstärkende Effekte: Wenn eine Frau oder jemand, der erst als Kind zum Beispiel aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist, vor einer Kommission sitzt, die nur aus älteren deutschen Herren besteht, dann ist es nachvollziehbar, dass sie oder er in der Leistung gehemmt ist, weil die ganze Zeit der Versuch unternommen wird, dieses "Manko" auszugleichen, und das bindet kognitive Ressourcen.

ZEIT: Ihr eigenes Examen fiel in den Untersuchungszeitraum. Haben Sie noch Erinnerungen daran?

Towfigh: Ja, die Vorbereitungszeit und Prüfungsphase war unglaublich anspruchsvoll und stressig. Ich hatte aber das Gefühl, gerecht behandelt worden zu sein.

ZEIT: Wie müsste sich das Prüfungswesen der Juristen verändern, wenn man die Ergebnisse Ihrer Studie ernst nimmt?

Towfigh: Die Daten zeigen klar, wann Frauen nicht schlechter abschneiden: wenn eine einzige Frau mit in der Kommission sitzt! Man kann den Prüfungsämtern deshalb nur empfehlen: besser in jeder Kommission eine Frau als in jeder zweiten zwei. Noch besser wäre, die Kommissionsmitglieder der mündlichen Prüfung würden die Noten aus den schriftlichen Examina nicht kennen. Dann wären sie dem Prüfling gegenüber unvoreingenommener.

ZEIT: Inwiefern?

Towfigh: Eigentlich würde man erwarten, dass die Noten an den Schwellen relativ gleichmäßig verteilt sind. Stattdessen gibt es eine Diskontinuität. Direkt unter der Notenschwelle von neun Punkten – also etwa bei 8,9 Punkten – bleibt fast niemand. Die Prüfer lassen eher jemanden bei 8,8 verhungern oder heben ihn auf die 9,0. Da ist eine menschliche Komponente jenseits der Mathematik am Werk. Bei einer blinden Notenvergabe, an deren Ende schriftliche und mündliche Prüfungsergebnisse addiert würden, wäre das anders – und gerechter. Im Land NRW steht man solchen Überlegungen prinzipiell offen gegenüber. Jetzt müssen nur noch alle anderen Bundesländer auf der Justizministerkonferenz davon überzeugt werden, die Prüfungsordnungen zu ändern.

Die vollständige Studie ist erschienen in: Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft 2018, Heft 2, S. 115-144.