Vielleicht verhält es sich einfach so, dass die vorgebliche Hochkultur mit der vorgeblichen Prollkultur mehr gemein hat, als beiden lieb ist. Der Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang jedenfalls zieht Kreise – und das mit Recht. Nach dem Pianisten Igor Levit und den Dirigenten Enoch zu Guttenberg, Mariss Jansons und Christian Thielemann hat nun auch Daniel Barenboim seine Echo-Klassik-Preise zurückgegeben, drei an der Zahl, darunter der fürs Lebenswerk. Barenboims Erklärung, Fragen der Menschenwürde dürften nicht von Verkaufszahlen bestimmt werden, hat Gewicht: weil sich seine gesellschaftspolitischen Interventionen nie nur auf Israel und den Nahen Osten beschränkt haben. Und weil er einen Sohn hat (David alias KD-Supier alias neuerdings Sollario), der selbst erfolgreich im Rap-Business tätig war, als Produzent unter anderem von KIZ und RAF Camora. Nach Aussage seiner Mutter, der Pianistin Elena Baschkirowa, hat KD-Supier allerdings "die Ratten früh gerochen" und ging auf Distanz. Dass Frauenhass, Homosexuellenhetze und Antisemitismus in der Gangsta- und Battle- Rap-Szene durchaus wörtlich verstanden werden (sollen) und keineswegs nur Folien sind, auf denen ergraute Poptheoretiker ihre Coolness erproben oder das Feuilleton seine Diskurspirouetten dreht, kann eine gespenstische Erkenntnis sein.

Die Dialektik ist gnadenlos. Die öffentliche Debatte um den Echo nobilitiert zwei wenig ernst zu nehmende Rapper, die die Werte ebendieser Öffentlichkeit mit Füßen treten, indem sie sich am Tabu des Holocausts vergreifen. Plötzlich verfängt, was mit "bitchmotherfucking" und dergleichen nicht zu erzielen war (schon weil das Schlimmseinwollen um jeden Preis nicht einer gewissen Blaustrümpfigkeit entbehrt): Und endlich liegt der deutsche Rap für alle sichtbar mit der Nase im reaktionären Dreck. Endlich wird er als jene Gegen-Kultur angesehen, die er immer sein wollte. Sollte es je in der Absicht der Echo-Verantwortlichen gelegen haben, die toxischen Kräfte von Kollegah und Co. durch den Preis zu binden, hat genau das nicht funktioniert. Menschenverachtung lässt sich nicht per Handstreich neutralisieren. Das kann man sogar tröstlich finden.

Ist der Protest von Künstlern wie Daniel Barenboim nun wohlfeil, gar verlogen, weil auch der Echo Klassik weniger der Kunst als dem Kommerz huldigt (in der Jury sitzen zur Hälfte Repräsentanten der großen Plattenlabels, die sich gegenseitig die Preise zuschieben)? Nein. Der Echo mag spartenweise reformiert oder abgeschafft werden und der deutsche Rap fortan zur Zahnlosigkeit verdammt sein: Was bleibt, ist die Verantwortung der Konsumenten. Sie machen den Erfolg und haben auch eine Würde zu verteidigen.