Wir und das Hüsli – Seite 1

Das Glück von Stefan und Fabienne Krattiger ist jung, schneeweiß und steht auf einer grünen Wiese am Dorfrand von Ziefen. 1.600 Einwohner hat die Gemeinde im Baselbiet, seit Anfang Februar gehören auch die Krattigers zu ihnen. Vor drei Monaten haben sie hier ihr neues Einfamilienhaus bezogen.

Es ist ein Montagabend im April. Stefan Krattiger, 37, ein blonder, groß gewachsener Mann in Hemd, Jeans und Puma-Badelatschen, sitzt an seinem Stubentisch und sagt: "Es ist wunderschön. Es ist das, was ich mir immer gewünscht habe. Ich komme von der Arbeit heim, in mein Haus, zu meiner Familie." Dieser Wunsch, sagt er, sei "schon immer da gewesen". Neben Stefan Krattiger sitzt seine Frau Fabienne, 36, gegenüber türmt Tochter Emilia, 4, Spitzbuben vor sich auf. Während Sohn Robin, 2, mit einem Kinder-Hockeyschläger einen Plüsch-Puck durch die Stube dribbelt.

Was sich die Krattigers geleistet haben, danach strebt noch immer knapp die Hälfte aller Menschen in der Schweiz: nach einem eigenen Haus, möglichst auf dem Land, mit Garten und guter Aussicht. Und das, obschon in den vergangenen Jahren intensiv über die Zersiedelung des Landes diskutiert wurde. Darüber, dass jede Sekunde ein Quadratmeter Boden überbaut wird, darüber, dass immer mehr Menschen in der Schweiz leben und immer mehr Wohnfläche pro Kopf beanspruchen. Und dass selbst die kleinsten Dörfer immer besser an die Zentren angeschlossen sind: Aus der Kantonshauptstadt Liestal fährt jede Viertelstunde ein Bus nach Ziefen.

Stefan Krattiger ist in der Nachbargemeinde aufgewachsen, in Bubendorf, in einem Haus. Deshalb wünscht er sich das auch für seine Kinder. Seine Frau sagt, ja, sie habe eine sehr schöne Kindheit gehabt, in einer Wohnung in der Stadt Basel. Aber sie hoffe, dass ihre eigenen Kinder vielleicht noch "ein bisschen freier" als sie aufwachsen können.

Das Paar hat in den vergangenen zehn Jahren in einer Mietwohnung gelebt, hier in der Region. "Mit Garten", sagt Stefan Krattiger, "das war die Bedingung." Doch der Speditionskaufmann und seine Frau, die denselben Beruf wie er gelernt hat, haben immer wieder darüber gesprochen, wie es wäre, in einem eigenen Haus zu leben. "Aber der Traum war weit weg", sagt Fabienne Krattiger. "Wir dachten: Das schaffen wir eh nicht."

Wer in der Schweiz ein Haus bauen will, braucht dafür mindestens zwanzig Prozent Eigenkapital. Entweder als Ersparnis auf dem Konto oder als Geld, das in der Altersvorsorge steckt: in der zweiten oder dritten Säule. Gleichzeitig muss, wer die Bank um eine Hypothek bittet, nachweisen können, dass sein Einkommen genügend hoch ist, um die Kosten für Zins und Haus langfristig zu tragen.

Vor zwei Jahren haben sich Krattigers zum ersten Mal mit der Finanzierung eines eigenen Hauses beschäftigt, das war nach der Geburt ihres zweiten Kindes. "Wir haben uns überlegt: Sollen wir in eine größere Wohnung ziehen und unser Geld für mehr Miete und neue Möbel ausgeben – oder können wir doch noch bauen?", sagt Stefan Krattiger. Das Paar ging zur Bank. Der Berater rechnete mit einem Budget von einer Million für einen Neubau, 200.000 Franken hätten sie einbringen müssen. "Wir merkten, wir könnten es schaffen, wenn wir noch ein paar Jahre sparen. Also dachten wir: Go for it!", sagt Stefan Krattiger.

60 Prozent der Schweizer sind Mieter. Sie leben in einem Haus, das ihnen nicht gehört. Und die Mehrheit davon wünscht sich, dass sich das ändert. Deshalb sparen sie auf ein eigenes Haus.

"Mit nur einem Einkommen ist es heute aber fast nicht mehr möglich, ein Haus zu bauen", sagt Stefan Krattiger. Da sei es hilfreich gewesen, dass Fabienne nach dem Mutterschaftsurlaub ohnehin wieder Teilzeit arbeiten wollte. Die Familie verzichtete auf teure Ferien und täglichen Luxus: keine großen Auslandreisen, kein neues Sofa, Auto oder Velo. "Und ich ging halt mal zu einem günstigeren Coiffeur", sagt Fabienne.

Während Stefan und Fabienne Krattiger sparten, begannen sie, im Internet nach Bauprojekten zu suchen. Sie entdeckten ein erstes Objekt, das ihnen gefiel. Dann ein zweites, das ihnen noch besser zusagte. Das Haus in Ziefen. Es kostete 900.000 Franken. "Wir gingen wieder zur Bank", sagt Stefan Krattiger. Doch es fehlte ihnen noch immer Eigenkapital.

Kein Hausbau ohne Pannen

Inzwischen hatten sie ihrem Umfeld von ihrem Projekt, ein Haus zu bauen, erzählt. "Alle haben sehr positiv reagiert, uns Tipps gegeben oder sogar finanzielle Hilfe angeboten, wenn unser Erspartes nicht reichen sollte", sagt Stefan Krattiger. Deshalb entschied sich das Paar, seine Familien um Geld zu bitten. "Es hat viel Überwindung gekostet", sagt Fabienne. "Stefan hat einen Ordner angelegt mit allen Unterlagen zum Projekt und unseren Finanzen."

Mit dem Ordner ging er zu den Eltern und einigen engen Familienangehörigen. Sie alle hätten gesagt: Baut das Haus jetzt, wenn die Kinder noch klein sind, dafür helfen wir gerne. Das Paar nahm die Unterstützung dankend an. Stefan Krattiger setzte Darlehensverträge auf und einigte sich auf Erbvorbezüge. Die beiden besprachen das Vorhaben in der Familie, Stefan informierte seinen Bruder. "Wir wollten sehr offen und transparent sein. Niemand sollte sich hintergangen fühlen und unser Haus keinen Konflikt stiften", sagt er. Ihnen sei auch wichtig gewesen, die Unterstützung in vier kleinere Beträge aufzuteilen, die sie rasch wieder zurückzahlen könnten. "So sind wir weniger abhängig."

Nachdem das Geld zusammen war, im Herbst 2016, sei alles "Schlag auf Schlag" gegangen, sagt Fabienne Krattiger. Sie reservierten ihr Haus und kauften das Grundstück. "Das war ein spezielles Gefühl, plötzlich waren wir Landbesitzer."

Der Grundriss ihres Doppeleinfamilienhauses war vom Architekten vorgegeben, die Innenausstattung konnte das Paar selbst auswählen. Sie bekamen Pläne und überlegten sich, wie ihr Heim einst aussehen soll. Wände, Böden, Platten, für alles war ein Budget vorgegeben.

"Mir war zum Beispiel wichtig, dass wir genügend Haken haben im Badezimmer, um die Tücher aufzuhängen", sagt Fabienne Krattiger. "Und ich wollte unbedingt eine Regenbrause in der Dusche", sagt Stefan. "Und ich eine Badewanne, weil ich so gerne bade", sagt Fabienne. "Dafür ist mir das Kochen nicht so wichtig, aber dir schon. Deshalb wolltest du auch diese Kochinsel." Fabienne deutet zur offenen Küche. Auf einen der Barhocker hat sich inzwischen Emilia gesetzt, sie schaut einen Pingu- Film auf dem iPad. "Ich finde es schön, wenn ich zu meinen Kindern schauen kann, wenn ich am Herd stehe", sagt Stefan.

Manchmal, erzählen die beiden, hätten sie Dinge aussuchen müssen, von denen sie keine Ahnung gehabt hätten. "Von denen wir zuvor nicht einmal wussten, dass es sie gibt", sagt Stefan Krattiger. Er steht auf und geht zum Fenster in der Küche. "Zum Beispiel diese Fensterscharniere." Sie seien zum Glück meistens einer Meinung gewesen und gut beraten worden von ihrem Bauleiter und dem Architekten.

Aber kein Hausbau ohne Pannen. Der Küchenbauer ging pleite, der Bau verzögerte sich wegen Schnee um einige Wochen, und kurz vor dem Einzug bohrte der Bodenleger in eine Wasserleitung. "Das alles hat uns aber nicht aus der Ruhe gebracht", sagt Fabienne Krattiger, "es gibt Schlimmeres."

Nach einem Jahr war das Haus fertig. "Der Moment, als uns der Architekt den Schlüssel übergab und uns alles Gute wünsche, das war für mich der schönste", sagt Fabienne. Hier einzuziehen, mit ihrer Familie, "das war für mich wie ankommen im Leben".

© ZEIT-Grafik

Hatten sie nie Angst davor, sich festzulegen? "Nein, das wollte ich ja genau", sagt Stefan Krattiger. Am Wochenende übe er mit seinen Kindern vor dem Haus das Velofahren, er erledige die Rechnungen in seinem Büro, das jetzt endlich nicht mehr im Schlafzimmer sei, seine Eishockey-Ausrüstung könne er im Keller verräumen, es gebe genug Platz.

Krattigers sind stolz, auf ihr Haus und darauf, dass sie es gemeinsam geschafft haben, sich ihren Traum zu erfüllen. Stefan sagt: "Wenn man sich kennenlernt, fragt man ja nicht gleich: Willst du mit mir ein Haus in der Pampa bauen?" Umso schöner, wenn beide merken würden, dass der andere das auch möchte.

"Unsere Vision war ein Pionierprojekt"

Eveline Müller: Ich bin Raumplanerin. Deshalb ist es für mich schon ein gewisser Widerspruch, dass wir hier zu zweit ein großes Haus bauen. Bezüglich Flächenverbrauch sind wir kein gutes Vorbild. Damit habe ich am meisten zu kämpfen. Aber das Land ist schon eingezont. Wir überbauen es einfach.

Pascal Ziegler: Ich bin beruflich für die Immobilien beim Campus Sursee verantwortlich, einem großen Weiterbildungs- und Seminarzentrum. Das hat mich inspiriert, etwas Eigenes zu bauen: Unsere Vision war ein Pionierprojekt, architektonisch und energetisch.

Müller: Wir versuchen, ein möglichst kompaktes Haus zu bauen. Gleichzeitig müssen wir die minimale Nutzungsziffer einhalten.

Ziegler: Wir wollen ein schönes Eigenheim, in dem wir uns wohlfühlen und unsere Privatsphäre haben. Wir wollen selbstbestimmt und unabhängig leben. Ich stehe schon für verdichtetes Bauen. Aber ich sehe in großen Überbauungen einfach einen Dichtestress, der entsteht.

Müller: Ich bin in einem Reiheneinfamilienhaus aufgewachsen. In meiner Studienzeit in Bern habe ich in WGs gewohnt. Am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, mich an einen Waschplan zu halten. Heute kann ich über Nacht waschen und die Wäsche eine Woche lang hängen lassen, ohne dass ich jemanden störe. Pascal und ich wohnen jetzt schon in einem Haus, nicht weit von hier. Wir haben es vor zehn Jahren gekauft.

Ziegler: Unser Haus wurde 1930 gebaut. Als wir es übernommen hatten, renovierten wir die Küche und das Badezimmer. Im neuen Haus können wir von Anfang an alles so gestalten, wie wir wollen.

Müller: Wir kennen unsere Bedürfnisse jetzt. Diesen soll das neue Haus entsprechen.

Ziegler: Unser jetziges Haus braucht viel zu viel Energie. Das neue soll autark sein. Wir planen ein Smarthome. Es soll zum Beispiel nur dann geheizt werden und richtig warm sein, wenn wir wirklich zu Hause sind. Alles wird elektronisch gesteuert sein: die Heizung, die Lüftung, das Licht, die Fenster, das Zutrittssystem, die Videoüberwachung. Auf das System kann ich mit dem Computer oder dem Smartphone zugreifen. Wenn wir vom Skifahren kommen, kann ich schon von unterwegs unsere Sauna einschalten.

Müller: Es wird sicher ein fortschrittliches Haus. Das zweite Minergie-P-Haus im Kanton Uri. Darauf sind wir stolz.

Ziegler: Ich will einfach den Beweis erbringen, dass wir ein nachhaltiges Haus bauen können ...

Müller: ... das dazu gut aussieht. Meistens haben die Leute das Gefühl, Minergiehäuser hätten kleine Fenster und dicke Wände. Für mich ist auch die Raumeinteilung wichtig. In unserem Haus ist jetzt die Küche zuoberst. Wenn wir draußen essen wollen, müssen wir immer alles nach unten tragen. Das ist umständlich. Nachher ist die Küche im Parterre.

Ziegler: Wir haben ein Raumprogramm gemacht. Wir haben überlegt, was wir brauchen, und dann einen kleinen Wettbewerb veranstaltet und drei Architekten beauftragt, uns ein Haus zu zeichnen. Zuvor haben wir natürlich die Parzelle gesucht. Wann war das?

Müller: Ich weiß es nicht mehr.

Ziegler: Vielleicht 2014. Da habe ich die zwei Parzellen hier gefunden. Eine war aber zu groß für uns. Deshalb haben wir sie mit jener daneben zusammengelegt und daraus zwei unterschiedlich große Parzellen gemacht. Unser Nachbar, der hier eine Sanitär-Bude eröffnet, nimmt jetzt den größeren Teil, wir den Rest. Wir nutzen auch Synergien, es gibt zum Beispiel nur eine Einfahrt für die Autos.

Müller: Beim Projekt des Architekten, den wir gewählt haben, hat mich vor allem das Optische überzeugt. Das Haus ist ansprechend und kompakt. So haben wir eine größere Grünfläche ums Haus.

Ziegler: Das Haus kostet uns knapp zwei Millionen Franken. Wir finanzieren es mit Eigenmitteln und mit einem Kredit der Bank.

"Ich habe das Geld lieber im Boden als auf der Bank"

Müller: Ein Haus, das ist doch ein großer Wunsch vieler Schweizer, nicht?

Ziegler: Es bedeutet mir etwas, ein Grundstück zu besitzen. Ich habe das Geld lieber im Boden als auf der Bank. Boden kann einem in der Schweiz eigentlich niemand wegnehmen. Es ist ein sicheres Gut.

Müller: Mir ist vor allem das Haus wichtig. Streit deswegen hatten wir nie bisher. Ein paar Meinungsverschiedenheiten, das schon.

Ziegler: Hatten wir das?

Müller: Du wolltest immer diesen Luftraum.

Ziegler: Wir haben eine Galerie. Im Wohnbereich ist das Haus zweistöckig. Das sorgt für Weite und Aussicht. Das Alpenpanorama haben wir herrlich im Blick, das ist uns etwas wert. Du warst finanziell zurückhaltender als ich.

Müller: Ich dachte: Können wir uns das leisten? Ist es uns das wert? Und: Wird es dann zu heiß da im Sommer? Ich zweifle schneller. Du sagst: Das machen wir jetzt einfach.

Ziegler: Wenn ich etwas im Kopf habe, geht es nur langsam wieder raus. Aber wir sind sehr harmonisch.

Müller: Wenn wir im Internet eine Küche anschauen, springen wir meistens auf die gleichen Bilder an und sagen: So möchten wir es haben. Das hilft.

Ziegler: Wir haben schon das Heizsystem ausgewählt, die Beleuchtung, die Wände, die Armaturen im Badezimmer. Beim Boden wird es auf Parkett rauslaufen, das finden wir schön. Die Raumeinteilung kennen wir natürlich auch. Wir wünschen uns beide eine Familie. Wir hätten drei Kinderzimmer, die wir vorerst auch als Fitnessraum oder Musikzimmer nutzen können. Ich bin selbst in einem Haus aufgewachsen. Die Idee eines Hauses hatte ich immer.

Müller: Ich freue mich sehr auf den Garten und auf das Rasenmähen. Das mache ich gerne.

Ziegler: Wir haben manchmal fast einen Kampf darum. Normalerweise ist das ja Männerarbeit. Aber bei uns machen es beide gerne.

Müller: Das Haus ist aber nicht ein Projekt für die Ewigkeit. Es stimmt für den Moment.

Ziegler: Das finde ich auch. Es ist nicht forever, sondern für den jetzigen Lebensabschnitt. Vielleicht dauert der zwanzig Jahre. Ich glaube nicht, dass uns das Haus verleidet. Es ist genau so, wie wir es uns wünschen. Aber vielleicht verkaufen wir es eines Tages wieder und gehen doch noch in ein Mehrfamilienhaus.

Müller: Das würde ich im Alter nicht ausschließen: Nach der Pension in ein kleineres Objekt zu ziehen.

Ziegler: Wahrscheinlich kommt das automatisch. Das Haus hat drei Stockwerke, mit 70 oder 80 haben wir vielleicht nicht mehr so viel Freude und Energie. Jetzt muss es aber zuerst einmal losgehen mit dem Aushub, und dann geht’s nach oben.

Müller: Ich nehme an, dass uns die Bauphase noch einige Nerven kosten wird. Aber ich freue mich jetzt schon auf das Einziehen.

Ziegler: Ich auch. Und auch darauf zu sehen, wie das Haus wächst und all unsere Pläne sichtbar werden.