Diesem Regisseur macht es Spaß, jedes Drama auf etwas Mechanisches zu reduzieren – bis hinter den Bewegungen der Figuren die Scharniere des Grundsätzlichen zu erkennen sind. Michael Thalheimer behandelt die Stücke, die er inszeniert, gerade so, wie Marina Abramović in einer berühmten Anti-Kriegs-Performance mit den Rinderknochen umgeht, die sie zärtlich im Arm hält: er schabt ihnen das letzte Fleisch weg.

Auch sein langjähriger Bühnenbildner Olaf Altmann ist ein Meister in der Kunst, das Komplexe einfach, manchmal auch erbärmlich erscheinen zu lassen: Seine Bühnen übersetzen den Stoff eines Stücks ins Räumliche – auf eine Weise, die an Heinrich Zilles Spruch "Man kann einen Menschen mit einer Wohnung genauso töten wie mit einer Axt" denken lässt. Fast immer nämlich haben Altmanns Räume etwas Lebensfeindliches, womit das Ensemble fertigwerden muss.

Das Theater des Duos Thalheimer & Altmann funktioniert nach den Regeln einer Treibjagd: Regisseur und Bühnenbildner treiben gemeinsam die Figuren eines Dramas in die Enge; dort werden sie in ihrer Panik kenntlich. Wo schon die Bühne etwas Gegnerisches und nicht Besiegbares ist, eine Falle eigentlich, da sind auch die Wesen, die sich darin bewegen, einander feindlich gesinnt: Wenn ein Thalheimer-Schauspieler erstmals die Bühne betritt, wirkt es so, als beträte ein Dompteur einen Käfig, worin schon die Bestien warten. Jeder hält sich selbst für den Dompteur und die anderen für die Tiere, die es zu dressieren und durch den Feuerreifen springen zu lassen gilt. Thalheimers Spiele sind Dominanzspiele.

Jetzt haben Thalheimer & Altmann Tennessee Williams’ Stück Endstation Sehnsucht aus dem Jahr 1947 auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht, das Drama einer im Niedergang begriffenen amerikanischen Südstaatenfamilie und vor allem das Drama einer alternden, verzweifelnden, einsamen Frau, Blanche DuBois. Wir erinnern uns: Blanche hat allen Besitz verloren und reist zu ihrer Schwester Stella in die Stadt, um bei ihr und ihrem animalischen Proletarier-Ehemann Stanley einzuziehen. Das geht nicht gut: Blanche wird von Stanley vergewaltigt – und endet in der Psychiatrie.

Das Stichwort Niedergang hat dem Bühnenbildner schon genügt: Er hat in eine kupferne Bühnenwand einen schrägen Stollen getrieben, in dem die Figuren des Stückes sich nun bewegen. Alle rutschen in den Schacht hinab wie in einen Menschen-Müllschlucker, mitsamt ihren Habseligkeiten. Aus dem Abgrund dröhnen Mietskasernenstimmen, und der Tiefpunktskönig des Viertels ist Stanley Kowalski, gespielt von Andreas Döhler: Wenn er unten brüllt, scheppern noch im (unsichtbaren) sechsten Stock die Fenster. Das Ganze hat Züge einer Bestialitätenschau, und Thalheimer deutet an, dass wir alle "da unten" enden werden und dass es der Mühe eigentlich nicht wert ist, sich aus dem Abgrund herauszuarbeiten. Seine Darsteller versuchen es aber doch immer wieder, Sisyphosse ohne Fels, ihr Fleisch nach oben wuchtend, von wo es erneut in die Tiefe rutscht.

Die Frauen rammen, wenn sie den Stollen emporklimmen, ihre hochhackigen Schuhe wie Steigeisen in die Schräge. Die Männer fallen, wenn sie betrunken sind, polternd hinab. Und doch: Wer für einen Moment oben steht, vergisst, dass er gleich wieder abstürzen wird und genießt seine Macht: ganz so, als stünde er am richtigen Ende eines Geschützlaufes und sähe im Fadenkreuz sein Opfer.

Auf dem Grund des Stollens liegen Blanches falsche Pelze. Ihr Schwager Stanley hat die Mäntel zu Beginn aus Blanches Koffer gerissen, sie fielen in die Tiefe und bleiben dort, den Boden auspolsternd, liegen. Sie geben Wolken von Staub ab, wenn einer auf sie fällt oder sie – Gott bewahre – sogar überzieht. Die Pelze sind Blanches letzter Besitz.

Das übermächtige Vorbild jeder Endstation Sehnsucht- Inszenierung ist Elia Kazans überhitzte Verfilmung mit Marlon Brando und Vivian Leigh (1951), und dass Thalheimers Aufführung diesem Film irgendwie Paroli bieten kann, liegt an der Darstellerin Cordelia Wege in der Rolle der Blanche.

Immer wieder hat Thalheimer vor allem die Frauenfiguren der Dramenliteratur in ihrer Größe erstarren lassen – Wedekinds Lulu, Schillers heilige Johanna, Euripides’ Medea und so weiter. Etwas Gefangenes haben eigentlich alle Thalheimer-Wesen – wie Skulpturen, die von ihrem Bildhauer nicht vollständig aus dem Stein gehauen worden sind: Alle scheinen ihren eigenen Sockel mit sich zu schleifen. Seine Blanche hingegen hat eine verhandlungsbereite Sinnlichkeit, die nur zu Beginn statuenhaft wirkt. Cordelia Wege wirft den verdammten Thalheimer-Sockel weit von sich. Sie entwickelt in ihrer Rolle eine verzweifelte Verführungskraft. Wenn in früheren Zeiten zwischen einem Mann und einer Frau erotisches Interesse aufflammte, sagten Zeugen des Vorgangs: Zwischen denen hat’s gefunkt. Diese Blanche nun ist eine Frau, die immerzu prüft, ob es noch funkt zwischen ihr und der alten Welt – jeder Blick ist der Versuch, einen Existenzfunken herzustellen. Am Ende sitzt sie auf dem Grund des Stollens, versunken in falschen Pelzen – eine Königin auf dem Thron ihrer Fetzen.

Cordelia Wege ist noch in einem anderen Sinn die Königin des Abends: Sie hat über die Methode Thalheimer & Altmann triumphiert. Blanche hat diese Inszenierung überlebt.