Es kann nie schaden, als Musikerin sportlich zu sein. Man kann dann nämlich einen Halbmarathon mitlaufen, wenn es werbewirksam ist. Die Hamburger Rapperin Eunique hat genau das kürzlich getan, in Berlin, mit Schuhen, die sie sich nicht kaufen musste, weil sie einen Werbevertrag mit einem amerikanischen Sportkonzern hat. Bestimmt ist Eunique dabei an einigen der Plakate vorbeigekommen, mit denen der Konzern gerade halb Deutschland zutapeziert. Auf denen ist sie selbst, Eunique Codjo, im Trainingsoutfit zu sehen. Bedeutet das, dass Eunique ein Sportmodel ist, das auch rappt, oder rennt und sportelt diese Rapperin, weil sie ihr Debütalbum Gift bewerben will?

Beides. Denn im Rap gab es noch nie eine strikte Trennung zwischen Kunst und dem Eingebundensein in Markenwelten. Spätestens seit das Rap-Trio Run DMC im Hit My Adidas (1986) die Modelle einer deutschen Firma pries, gehören Werbedeals genauso zum Geschäft wie die schlau rhythmisierten Reime. Hinzu kommt, dass es in beiden Betätigungsfeldern – Sport und Rap – darum geht, sich mit Disziplin aus dem eigenen Schlamassel zu ziehen, sich fit für den harten Alltag zu machen. Passt also.

Aus welchem Schlamassel zieht sich nun Eunique, deren Name sich ausspricht wie das englische Wort für "einzigartig", also: unique? Sie hat mit sechs ihren Vater verloren, und weil ihre Mutter als berufstätige Alleinerziehende teils überfordert war, wuchs Eunique zwischenzeitlich bei einer Pflegefamilie in Poppenbüttel auf. Als schwarzes Kind einer Ghanaerin und eines Mannes aus Trinidad in Deutschland groß zu werden, allein das ist ja schon nicht so einfach. Euniques Botschaft lautet heute: durchhalten, stark sein, sich als Frau in der Männerwelt und sich als Schwarze in der Weißenwelt behaupten.

Auf Gift hört man stolze Empowerment-Raps, dargeboten zu düsteren Bässen und hubschraubermäßig darüber kreisenden Hi-Hat-Sounds. Der Sound wird in den USA "Trap" genannt, und Eunique schließt damit die Lücke zwischen den anderen beiden Hamburger Rapperinnen, die jüngst für Aufsehen sorgten: Sie klingt moderner als die sehr auf die Rap-Ästhetik der neunziger Jahre fixierte Ace Tee (Bist du down?). Und weil sie gut singen kann, klingt Eunique selbst dann, wenn ihre Stimme mit der Autotune-Software im Trap-Stil bearbeitet ist, harmonischer und weniger schrill als Haiyti (Ich war noch nie im Berghain). Besonders schön kommt all dies zusammen in 040, einer Trap-Hommage an Reeperbahn, Dammtor und Schietwetter: "Komm’ aus der Hansestadt Hamburg / Besser wenn du keine Fehler machst / Hinter mir steht ’ne ganze Stadt, Hansestadt Hamburg".

Eunique könnte also wirklich eine ganz Große werden. Auf YouTube dokumentiert sie in der Webserie Becoming Eunique ihren Weg zum Star. Außerdem hält sie sich – ähnlich wie Lady Gaga mit ihren "Little Monsters" oder Taylor Swift mit ihren "Swifties" – schon eine eigene Fangemeinde, die sie "Kobra Militär" nennt. Als Truppenmitglied kann man eine Eunique-Sturmhaube in Camouflage-Optik tragen.

Wirkt martialisch? Ist auch so gedacht. Auf dem Album treten Schwergewichte des deutschen Raps auf. Allen voran Xatar aus Bonn, der schon im Gefängnis saß, aber eigentlich ein netter Kerl ist. In seinen Gast-Raps im Stück Check fällt das Wort "Homos", und sofort bekommt man Angst. Man ist ja, im Zuge der Debatte um die antisemitischen, homophoben und sexistischen Texte der rappenden Echo-Preisträger Kollegah und Farid Bang, nun auf das Schlimmste gefasst. Doch Entwarnung, die ganze Zeile lautet: "Mit Logos von Homos aus Rom und so (ja ja)". Xatar gibt hier also nur ein bisschen damit an, dass er sich in teuerste italienische Mode kleiden kann, und er macht sich gleichzeitig darüber lustig, dass homophobe Rapper genau dieselbe Mode von schwulen italienischen Designern tragen. Ein Meta-Witzchen über deutsche Rap-Heuchelei – puh!

Es ist nicht die einzige positive Überraschung auf Gift. Zu den anderen gehört, dass im Bonus-Material, auf der harten Boss- EP, ein paar andere Gastrapper mit sehr bösen, undruckbaren Worten für Frauen und ihre Geschlechtsteile jonglieren, dass Eunique aber auch hier der Boss bleibt und die Sprüche pariert: "Bruder, ich hab kein Kopf für dein Palaver, bla-bla-bla-bla".

Wurden Männer im deutschen Rap schon einmal so lässig von einer fitteren Frau zurechtgewiesen?

Eunique: Gift. 5 Tonträger, Chapter One/Universal Music; 39,99 €