Es gibt Fragen, die sind nur sehr schwer oder gar nicht zu beantworten. Solche Fragen werden in einer Gesellschaft dann möglichst überhaupt nicht gestellt. Oder nur sehr selten oder sehr leise oder sehr indirekt.

Zu diesen unerwünschten Fragen gehört beispielsweise folgende: Warum darf man Tiere, die Schmerz empfinden können, töten? Es gibt durchaus anspruchsvolle Antworten darauf, es sind aber nicht die, die einem als Erstes einfallen. Denn der Mensch muss schon lange keine Tiere mehr töten, um selbst zu leben. Und dass er ein höheres Geschöpf als das Tier sein soll, legitimiert ihn dazu, im Zweikampf mit einem Löwen den Revolver zu ziehen. Mehr aber auch nicht.

Die Wahrheit über das Töten von Tieren lautet also: Wir tun es, weil es schmeckt.

Daran schließt sich eine weitere unerwünschte Frage an: Warum dann so irritierend viel? 60 Kilo Fleisch sind es in Deutschland pro Kopf und Jahr, Babys, Veganer und Vegetarier mitgerechnet. Zig Millionen Tiere werden dafür jährlich getötet. Es ist, als sollte das Normative in Normalität ersäuft werden nach dem Motto: Was so häufig und so alltäglich passiert und von so vielen geteilt wird, das kann einfach nicht falsch sein.

Krebsrisiko - Wir und das Fleisch Fleisch ist in Deutschland ein wichtiges Lebensmittel, die deutsche Wurst ein global bekanntes Kulturgut. Doch wie viel Fleisch essen wir eigentlich und welches schmeckt uns am besten? Und ginge es denn wirklich auch ohne?

Und dann ist da noch die Frage aller Fragen: Wenn man schon glaubt, Tiere töten zu dürfen, auch unfassbar viele davon, warum darf man sie dann auch noch zu Lebzeiten quälen, mit anderen Worten: Warum muss Fleisch so spottbillig sein? (Nun komme hier bloß niemand mit den Bio-Schweinen, deren Anteil liegt bei lächerlichen 0,4 Prozent.)

Die Antwort, die üblicherweise darauf gegeben wird, lautet: Weil sonst nur die Wohlhabenden täglich Fleisch essen können. Ein erstaunlicher Gedanke in einer Marktwirtschaft, die ja gerade darauf beruht, dass sich nicht alle alles leisten können. Man kann derlei Ungleichheit falsch finden, aber warum dann gerade beim Fleisch und nicht, sagen wir, bei der Zahnbehandlung? Dahinter liegt noch eine andere, inzwischen überholte Grundannahme: dass nämlich die Gefahr bestünde, die nicht ganz so wohlhabenden Menschen hätten womöglich zu wenig Fleisch auf ihrem Speiseplan. Das Gegenteil ist natürlich der Fall, die Hausärzte würden ihnen allen empfehlen, weniger Fleisch zu essen. Viel weniger.

Die Legitimationsdecke für die Massentierhaltung ist also sehr, sehr dünn – eine andauernde Konfrontation mit der Wirklichkeit geschundener Tiere verträgt sie keinesfalls. Niemand kann mit dem Blick in einen gewöhnlichen deutschen Stall sagen: Hauptsache, lecker! Wer also ein Interesse daran hat, diese völlig unverhältnismäßig gewordene Genuss-Qual-Proportion aufrechtzuerhalten, der muss vor allem eines tun: die Tiere zum Verschwinden bringen beziehungsweise sie erst wieder in Erscheinung treten lassen, wenn sie portioniert und verpackt im Kühlregal liegen.

Das gelingt in Deutschland recht gut. Den meisten der 80 Millionen Deutschen ist nicht bewusst, dass sie mit 27 Millionen Schweinen zusammenleben, dass in Deutschland Tag für Tag 150.000 Schweine geschlachtet werden. Sie wissen auch nicht oder wollen nicht so gern wissen, wie es diesen Schweinen geht. Die Ställe liegen meist abseits der Straßen, sie sind verschlossen, die Menschen, die jeden Tag das massenweise Schlachten besorgen, sind oft schlecht integrierte Migranten, unterbezahlt und aus dem Fokus unserer Gesellschaft verdrängt wie die Tiere, die sie töten und zerteilen müssen.

Als das politische Ressort dieser Zeitung am Dienstag gemeinsam mit der Art-Direktion Fotos zur Bebilderung dieser beiden Seiten aussuchte, legte sich Beklommenheit auf die Runde. Dann Staunen, dass es in vielen Ställen wirklich so aussieht, schließlich die Gewissheit: Diese Normalität können wir so nicht zeigen, sie ist zu skandalös, zu grausam, zu schockierend.

In den Dienst dieser gewaltigen gesellschaftlichen Verdrängungsleistung stellt sich üblicherweise auch die Politik; sie versucht die öffentliche Aufmerksamkeit zu zerstreuen, und da, wo diese doch erregt wird, simuliert sie Maßnahmen, deren zentraler Zweck darin besteht, materiell möglichst wenig möglichst spät zu ändern.

Die Folgen dieser Politik für die Tiere sind offenkundig, wenn man denn hinzusehen vermag. Die andere Frage ist: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn sie einen so gewaltigen Aufwand treiben muss, um die Folgen des eigenen Ess- und Kaufverhaltens zu verunsichtbaren? Wie viele Millionen Gespräche bei Tisch müssen Umwege gehen, um das auf der Hand Liegende wegzureden? Wie sehr muss die gängige Grausamkeit gegen "Nutztiere" durch die fanatische Liebe zu Haustieren überkompensiert werden? Wann verliert eine Gesellschaft den Respekt vor sich selbst, in der auf der einen Seite 13 Millionen Schweine pro Jahr vor der Mast-Reife verenden und auf der anderen Seite eine Volksbewegung zur Rettung eines Kampfhundes namens Chico entsteht, der Menschen getötet hat?

Womöglich macht uns dieser unablässige Versuch, Tier zu essen, ohne Tier zu denken, mehr oder weniger neurotisch, gewiss trägt er zur Selbstentfremdung und zum Selbstekel dieser Gesellschaft bei. Keine Sorge, es geht hier nicht um Veganismus, es geht nicht einmal um die Schweine, sondern nur um eine einzige Frage: Braucht dieses Land nicht einen Umgang mit Tieren, dessen Anblick es auch ertragen kann?