Ferkel werden so kastriert: Das Tier wird in ein Gestell gespannt oder an den Hinterläufen gepackt. Dann setzt man an den Genitalien an, quetscht mit einer Zange den Samenstrang ab und schneidet mit dem Skalpell die Hoden heraus. Das junge Tier wird in der Regel nicht betäubt. Es erlebt die Tortur bei vollem Bewusstsein.

Etwa 20 Millionen männliche Ferkel werden so behandelt. Jedes Jahr. Kaum dass sie auf der Welt sind. Durch die Prozedur werden ein paar Euro gespart.

Eigentlich darf in Deutschland kein Tier geschunden werden, jedenfalls nicht grundlos. So steht es im Gesetz. Deswegen hat sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigt und befand schon vor sechs Jahren, dass es keinen "vernünftigen Grund" gebe, den Ferkeln "Schmerzen zuzufügen", man habe Alternativen. Das Parlament änderte das Tierschutzgesetz. Es verbot die "betäubungslose Ferkelkastration", gewährte den Züchtern aber eine lange Frist. Damit die schmerzfreie Methoden testen können. Niemand sollte noch behaupten, die Sache gehe nur brutal. Ab Anfang kommenden Jahres gilt das Verbot.

Doch nun tritt jemand auf den Plan, dem offensichtlich selbst das zu früh ist. Christina Schulze Föcking (CDU), die Landwirtschaftsministerin der schwarz-gelben Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Sie hat für die Agrarministerkonferenz dieser Woche einen vertraulichen "Beschlussvorschlag" schreiben lassen, der der ZEIT vorliegt. Darin heißt es: Für einen Ausstieg aus der "betäubungslosen Kastration von Eberferkeln zum 1. Januar 2019" stünden "keine praktikablen Alternativen für eine flächendeckende Anwendung zur Verfügung". Deswegen solle die Sache verschoben werden, "bis die entsprechenden Ergebnisse vorliegen".

So ein Beschlussvorschlag könnte ein Fall von landesministerieller Anfängerignoranz sein, Schulze Föcking ist erst ein Jahr im Amt. Da kann man noch nicht alles wissen. Doch seit fünf Jahren, also seit das Gesetz beschlossen wurde, sind Untersuchungen erschienen, die zumindest ihre Mitarbeiter kennen müssten. Beispielsweise jenes Papier des Bundeslandwirtschaftsministeriums, jenes Hauses, das nicht gerade als geborener Gegner der billigen Massentierhaltung bekannt ist. Das schrieb im Dezember 2016 den "Bericht der Bundesregierung über den Stand der Entwicklung alternativer Verfahren und Methoden zur betäubungslosen Ferkelkastration". In dem steht, was es an Alternativen gibt: Die Ferkel können vor der Prozedur betäubt werden. Das Wachstum ihrer Hoden kann durch Hormone unterdrückt werden. Oder sie wachsen einfach als Eber auf.

In anderen Ländern ist das längst üblich. Oder es gelten dort Gesetze, die eine Betäubung der Tiere verlangen, wie etwa in der Schweiz oder in Schweden. Rund fünf Euro kostet so eine Narkose. Noch tierfreundlicher wären größere Ställe. Die braucht man, wenn die Ferkel einfach zu Ebern heranwachsen, sie sind dann wilder, und wenn sie sich nicht gegenseitig verletzen sollen, brauchen sie mehr Platz – was allerdings den anderen Schweinen auch nicht schaden würde.

Deutschland schien sich das bisschen Mehr an Tierschutz ebenfalls leisten zu wollen. Seit die Massentierzucht unter einem schlechten Image leidet, traute sich kaum noch ein Fleischproduzent, offensiv gegen Tierschutz zu protestieren. Erst Schulze Föcking stellt das Tierschutzgesetz nun wieder infrage.

Ursprünglich hatte die Ministerin das Thema ganz offiziell auf die Tagesordnung der Agrarministerkonferenz gesetzt – damit die einen Beschluss fasst, den wiederum die Bundesregierung kaum ignorieren kann. Als "TOP 28" tauchte der NRW-Vorschlag zum "Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration" in einer frühen Version auf. Doch dann griff in Schulze Föckings Ministerium offensichtlich Angst um sich, dass der Vorstoß so zu früh bekannt und dann verhindert werden könnte. Also zog die Ministerin, angeblich auf Bitten des Bundes, den Punkt zurück und vertagte das Thema auf den "Kaminabend".

Das hat einen großen Vorteil: Beim Kaminabend reden die Minister informell. Da wird kein Protokoll geführt. Und damit wächst die Chance, dass die Bürger gar nicht oder zu spät erfahren, was hier abgesprochen wird. In ihrer ursprünglichen Beschlussvorlage wollte Schulz Föcking die Kollegen dafür gewinnen, dass das Kastrationsverbot am besten von der Bundesregierung "per Rechtsverordnung" verschoben wird.

Seit Dienstagnachmittag geht es nun auch darum angeblich nicht mehr. Nachdem die ZEIT in der NRW-Landesregierung wiederholt nachgefragt hatte, soll jetzt über eine bessere Praxis der Betäubung gesprochen werden. Möglicherweise sogar im offiziellen Teil der Konferenz. Warum aber stand dieser Vorschlag dann ursprünglich nicht so im Programm?

Schulze Föcking kennt die Schweinezucht aus nächster Nähe. Bis vor Kurzem leitete sie einen Mastbetrieb mit hunderten Schweinen; er wird jetzt von ihrem Mann geführt. Kurz nach ihrem Amtsantritt veröffentlichten Tierschutzaktivisten Filmaufnahmen mit schwer verletzten Tieren aus den Ställen der Familie. Da waren Schweine mit angefressenen Ringelschwänzen zu sehen. Andere humpelten mit entzündeten Gelenken.

Die Aufsichtsbehörden haben die Ermittlungen eingestellt und keinen Verstoß festgestellt.

Schulze Föcking sagte dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt einst, sie wolle sich den Umgang mit ihren Tieren nicht erklären lassen.

Wohl dem, der schon alles weiß.

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