Das Wort Integration ist abgeleitet vom lateinischen integrare, das "erneuern", "ergänzen" oder "geistig auffrischen" meint. Im Lexikon findet man zwei Hauptdefinitionen. Erstens: Integration ist, wenn man bewusst dafür sorgt, dass ein Einzelner Teil einer Gruppe wird. Zweitens: Integration ist die Herstellung einer Einheit.

In beiden Erklärungen sieht man schon die Fallstricke, über die eine Gesellschaft bei der Integration stolpern kann. Erstens: Was genau muss man tun, damit die Aufnahme in die Gruppe gelingt? Zweitens: Worauf beruht die Einheit? Auf einem Verfassungspatriotismus? Oder auf einer "Leitkultur", an die alle sich anpassen? Davor warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan schon im Mai 2010 in Köln: "Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen."

Der Begriff "Leitkultur" stammt aus dem Jahr 1996. Damals forderte der Politologe Bassam Tibi eine europäische Leitkultur, beruhend auf westlich-liberalen Werten. Später präzisierte er: "Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen, und sie heißen: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft." Inzwischen wurde der Begriff gekapert. Er dient der neuen Rechten als Steilvorlage gegen Vielfalt und Multikulti; konservative Politiker dehnen ihn aus auf Christentum und Nation. Die politische Linke und Teile der Medien dagegen kritisieren, dass "Leitkultur" die Überlegenheit einer Kultur impliziere. Der Kerngedanke Tibis von einer europäischen Identität ging in der hysterischen Debatte verloren.

Doch wenn wir selbst nicht wissen, wofür wir stehen (und was wir meinen, wenn wir von Integration sprechen), wie soll da Integration gelingen?

Heute wird die Integrationsdebatte dominiert vom Streit über eine Gruppe und befeuert von Bildern bärtiger Muslime oder verschleierter Musliminnen – obwohl die meisten Migranten keine Muslime sind, obwohl die meisten muslimischen Frauen in Deutschland kein Kopftuch tragen. Wir hatten eine Islamkonferenz, aber keine Buddhisten- oder Atheistenkonferenz. Wenn es heute Streit an Schulen gibt über Gebetsräume, Essen, Sport, Schwimm- und Religionsunterricht, geht es fast immer um Muslime. Warum hören wir nur selten von Schülern mit griechischen, vietnamesischen oder portugiesischen Wurzeln? Spricht daraus ein Generalverdacht gegen alle Muslime?

Integration wird immer dort zum Thema, wo sie fehlt. Millionen von Migranten haben sich durch eigene Kraft und ohne staatliche Maßnahmen in dieses Land integriert. Auch Muslime! Gelungen ist aber nur ihr individuelles Ankommen, gescheitert der Versuch, Muslime als Kollektiv zu integrieren. Konservative Kräfte bestimmen heute das Bild vom Islam. Der Staat, indem er die Islamverbände förderte, hat Integrationsgegner zu Wächtern des Integrationsprozesses gemacht – und so das Glaubenskollektiv gestärkt, nicht den Einzelnen. Hat man ein Problem mit muslimischen Schülern, die ihre Lehrerin nicht respektieren, so holt man Lehrerinnen mit Migrationshintergrund. Hat man ein Problem mit arabisch- und türkischstämmigen Straftätern, so engagiert man mehr Polizisten mit arabischem und türkischem Hintergrund. Hat man ein Problem mit Flüchtlingen aus muslimischen Ländern, überlässt man sie Islamverbänden und Moscheevereinen.

Leider sind der politische Islam und die Kultur des Patriarchats in Deutschland gut integriert, dank staatlicher und kirchlicher Unterstützung. Nun kommt es darauf an, dass der einzelne Migrant sich aus dem Würgegriff des Kollektivs befreit und seinen Weg in die freie Gesellschaft beschreitet. Sonst bleibt es dabei, dass unsere Integration gescheitert ist. Immens sind die Defizite vor allem muslimischer Migranten bei der Teilhabe an Bildung und Arbeit, Sprache und Kultur, zu wenig eingebunden sind sie in deutsche Freundeskreise und Familien, zu schwach ist die Identifikation mit Land und Demokratie.

Wer das nicht glaubt, sehe sich die Zahlen an: 43 Prozent aller Arbeitslosen haben einen Migrationshintergrund, die Frauenhäuser beherbergen überdurchschnittlich viele Migrantinnen, die Zahl der Salafisten in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt, die Zahl der Gefährder hat sich in den letzten drei Jahren verdreifacht.

Trotzdem krankt die Integrationsdebatte weiter an Maulkörben. Politik und Wirtschaft wollen arabische Investoren nicht verärgern. Demagogie von links und rechts verhindern fairen Streit über den Islam. Viele Muslime halten kritische Töne für Rassismus und Islamophobie. Die Mehrheitsgesellschaft dagegen hat nach wie vor Probleme, Migranten mit einem deutschen Pass als Deutsche zu betrachten. Alltagsdiskriminierung zeigt sich vor allem im Beruf: Bei Bewerbungen wird eine "Sandra Bauer" in 18,8 Prozent der Fälle eingeladen, eine "Meyrem Öztürk" nur in 13,5 Prozent, und trägt "Meyrem" auf dem Foto Kopftuch, sinkt die Erfolgsrate auf 4,2 Prozent.

Integration ist keine Einbahnstraße, beide Seiten müssen etwas dafür tun – und beide müssen es wollen. Aufseiten der Migranten setzt Integration Widerstand voraus. Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Wer sich in eine freie Gesellschaft integrieren will, muss sich weigern, Teil von unfreien Strukturen zu bleiben. Dazu braucht er Entscheidungsfreiheit. Eine patriarchale Kultur, die auf Ehre und Gehorsam setzt, räumt dem Einzelnen keine Freiheit ein. Die Mainstream-Theologie des Islams zwingt Muslime, sich entweder als Muslime oder als Europäer zu definieren. Deutschland muss sich endlich gegen diese Theologie und dieses Patriarchat abgrenzen. Zwischen Freiheit und Unfreiheit gibt es keinen Mittelweg.

Auch ich musste das erst lernen. Als ich 1995 zum Studieren nach Deutschland kam, der Sohn eines ägyptischen Imams, war es nicht leicht, aber leichter als heute. In den Schlagzeilen waren Verpackungsverordnungen, Mülltrennung und Ladenöffnungszeiten. Heute geht es um Terrorabwehr und IS-Heimkehrer, Flüchtlinge und Obergrenzen, Kopftuch an Schulen und schweinefleischfreie Kantinen. Zweihundert Jahre nach Voltaire streiten wir, ob man sein Theaterstück Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète zeigen darf.