DIE ZEIT: Ihre Behandlungserfolge erklärten Sie vor allem durch das besondere Gespür Ihrer Hände. Mit ihnen könnten Sie "sehen". Wenn Sie erlauben, wollen wir gern einen Blick auf sie werfen.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Ich weiß nicht, ob das lohnt. Meine Finger sind krumm und meine Gelenke arthrotisch. Sie haben Schwerstarbeit verrichtet. Bei den Untersuchungen dringen sie manchmal tief in die Muskulatur ein – sie haben gelitten.

ZEIT: Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Ihre Hände Radar-Fähigkeiten haben?

Müller-Wohlfahrt: Während des Medizinstudiums habe ich Massagekurse belegt. Dabei habe ich die Muskulatur besser verstanden und jeden einzelnen Muskel zu identifizieren gelernt. Ich habe damals übrigens auch gelernt, Hemmungen abzulegen, den menschlichen Körper zu ertasten.

ZEIT: Wie fühlt sich eigentlich ein verletzter Muskel an?

Müller-Wohlfahrt: Folgende Gedanken vorweg: Ein gesunder Muskel hat einen bestimmten Tonus, eine bestimmte Spannkraft oder auch eine Grundspannung. Die muss ich kennen, deshalb gehe ich meist zuerst auf die gesunde Seite, um mich zu orientieren. Dann wechsele ich auf die Seite mit der Verletzung und untersuche den Muskel oder das geschädigte Muskelbündel. In der Verletzungsregion ist der Tonus in aller Regel erhöht – darin sehe ich einen die Verletzung schützenden Mechanismus der Natur. Das ermöglicht eine erste Orientierung. Hier suche ich dann nach einer Unregelmäßigkeit an den Muskelfasern, um herauszufinden, ob es sich um eine strukturelle Muskelverletzung (zum Beispiel Muskelfaserriss) oder um eine funktionelle Muskelverletzung handelt (zum Beispiel Übersteuerung eines Muskels mit dann schmerzhaftem, hohem Tonus aufgrund einer Nervenwurzelirritation an der Wirbelsäule).

Der Sportmediziner, der die Abkürzung "Mull" oder "Doc" gerne hört, hat als Ort für das Gespräch München vorgeschlagen, seine Praxis im Alten Hof hinter dem Rathaus. Einst residierte hier König Ludwig, heute sorgt Mull für den Glanz. Weiße Empfangstresen mit Klavierlack-Anmutung verbreiten Lounge-Atmosphäre. Ganz hinten links, am Ende des Gangs, liegt das Zimmer des Chefs. Kleine Sitzgruppe, schmale Behandlungsliege. Keine Uhr, kein Spiegel, kein Telefon – nur Konzentration auf den Schmerz. Für Farbe sorgen die Dankesgaben im Regal, gelbe Sprintschuhe von Usain Bolt, rote Boxhandschuhe von Wladimir Klitschko.

ZEIT: Unter Ihren Patienten finden sich besonders viele Fußballprofis. Ist die Belastung, der junge Spieler ausgesetzt sind, medizinisch eigentlich zu vertreten?

Müller-Wohlfahrt: Ich habe das Glück, jetzt mit einem Trainer wie Jupp Heynckes zu arbeiten. Mit ihm und dem medizinischen Betreuerstab sowie Reha- und Fitnesstrainern des FC Bayern arbeite ich eng zusammen. Wir treffen und besprechen uns jeden Morgen, danach lässt Heynckes sich von uns beraten, und uns allen ist es entscheidend wichtig, die Gesundheit der Spieler nicht zu gefährden. Bei Bundestrainer Jogi Löw ist es ebenso.

ZEIT: Sie entscheiden also, wer spielt, wer besser einmal aussetzt?

Müller-Wohlfahrt: Wir finden immer eine gemeinsame Lösung.

ZEIT: Das war mit Pep Guardiola anders, in Ihrem Buch Mit den Händen sehen beschreiben Sie den Konflikt ausführlich. Haben Sie die Rückendeckung des Vereins damals vermisst?

Müller-Wohlfahrt: Ja!

ZEIT: Sind Narben geblieben?

Müller-Wohlfahrt: Nein.

ZEIT: Wirklich nicht?

Müller-Wohlfahrt: Es waren Enttäuschungen, schwere Enttäuschungen. Aber ich habe das alles verarbeitet. Das Ende kann ein neuer Anfang sein. Die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit nach über zwei Jahren setzt auf beiden Seiten Einsicht und Erkenntnis voraus. Das war ein Prozess, bei dem Uli Hoeneß wichtig war.

"Es war eine unselige Zeit"

ZEIT: Kann es sein, dass im Streit mit Guardiola zwei Koryphäen aufeinandergestoßen sind, von denen keine nachgeben wollte?

Müller-Wohlfahrt: Sie müssen sich mal in meine Lage versetzen. Ich war 38 Jahre bei den Bayern, habe ohne Beanstandungen gearbeitet. Und plötzlich kommt ein Trainer, der 44 Jahre alt ist, also nicht viel länger auf der Welt ist, als ich bei den Bayern Mannschaftsarzt war. Jemand, der alles besser weiß, der plötzlich Druck macht und mir vorwirft, dass eine Verletzungspause nach einer schweren Bandverletzung eines Spielers sechs bis sieben Wochen dauert und nicht vier Wochen wie in Spanien.

ZEIT: Hat sich damals beim FC Bayern eine Art Kulturwandel vollzogen? Wurden Spieler mehr und mehr als Spielermaterial gesehen?

Müller-Wohlfahrt: Das kann ich nicht beantworten. Es war jedenfalls eine unselige Zeit. Wenn ich damals Angestellter bei den Bayern gewesen wäre, hätte das in einer Katastrophe geendet. Aber ich war frei.

ZEIT: Auch finanziell unabhängig?

Müller-Wohlfahrt: Auch finanziell bin ich durch meine gut gehende Praxis frei, ja.

ZEIT: Uli Hoeneß stand damals als Gesprächspartner und Ratgeber nicht zur Verfügung ...

Müller-Wohlfahrt: ... ich habe ihn damals besucht, aber nicht mit ihm über meine Situation gesprochen. Das passte nicht.

ZEIT: War Ihr Rücktritt nach dem Champions-League-Spiel in Porto im April 2015 die dramatischste Entscheidung Ihres Lebens?

Müller-Wohlfahrt: Das kann man so sagen.

ZEIT: Gibt es in Spanien, Guardiola deutete es offenbar an, bessere Ärzte, effizientere Therapiemethoden? Was machen die Kollegen dort, haben sie Turbomittel im Schrank?

Müller-Wohlfahrt: Ich habe keinen Einblick in ihre Arbeit. Einmal kam Thiago nach vier Wochen scheinbar gesund aus Spanien zurück. Als ich ihn untersucht hatte, sagte ich: Halt, die Verletzung ist nicht ausgeheilt, auch wenn du schmerzfrei bist. Guardiola hat ihn trotzdem trainieren lassen. Thiago verletzte sich erneut und fiel dann schwer verletzt für ein Jahr aus.

ZEIT: Ist Ihnen in Ihrer Laufbahn das Thema Doping untergekommen?

Müller-Wohlfahrt: Nein, bei den Bayern nicht und bei der Nationalmannschaft auch nicht.

ZEIT: Einer Ihrer prominentesten Patienten ist Usain Bolt, der jamaikanische Weltrekordler über 100 Meter. Viele betrachten seine Fabelzeiten mit Skepsis, Sie auch?

Müller-Wohlfahrt: Usain ist ein absoluter Ausnahmesprinter, wie es keinen zuvor gegeben hat ...

ZEIT: ... der sauber ist?

Müller-Wohlfahrt: Absolut.

ZEIT: Dafür würden Sie Ihre rechte Hand hergeben ...

Müller-Wohlfahrt: ... beide Hände!

"Die Patienten geben mir Kraft"

ZEIT: Haben Sie bei Fußballern Verdacht geschöpft?

Müller-Wohlfahrt: Nein, es würde ihnen auch nichts bringen, Muskelmassen anzutrainieren, denn dann würden sie zu schwer werden. Die Elastizität ginge verloren, wie auch die Flexibilität und die Leichtigkeit. Wenn ein Spieler Stimulanzien nimmt, dann ist der Akku anschließend leer, und er erleidet im nächsten Spiel einen Leistungsabfall. Im Fußball, soweit ich das übersehe, gibt es kein Doping. Im Übrigen gibt es sehr viele Kontrollen. Bei den Bayern zum Beispiel kommen die unabhängigen Kontrolleure, um sechs oder acht Spieler gleichzeitig zu testen, auch manchmal morgens um sechs Uhr zu ihnen nach Hause. Wie wir es immer wieder erleben, gibt es auch weiterhin Doping in verschiedenen Sportarten, daher lege ich meine Hände nicht für alle Sportler ins Feuer.

ZEIT: Sie sind ein berühmter Arzt geworden, war Ihnen das Geldverdienen wichtig?

Müller-Wohlfahrt: Wissen Sie, wie meine Einstellung immer war? Ich arbeite so viel, da würde ich bei vernünftiger, solider Lebensführung genug verdienen, ich muss das nicht kontrollieren.

ZEIT: Wer kümmert sich um die Finanzen?

Müller-Wohlfahrt: Anfangs hat meine Frau versucht, neben ihrem Beruf die Buchhaltung zu machen. Dann hat das mein Schwiegervater übernommen, mit ihm hat es viele Jahre gut funktioniert. Vor Jahren schon haben wir dann aber einen Steuerberater hinzugezogen. Ich habe ihm leider blind vertraut.

ZEIT: Uli Hoeneß sagt über Sie: "Mull lebt in seiner medizinischen Welt, er geht in seinem Beruf voll und ganz auf. In anderen Bereichen ist er anfällig für sogenannte Ratgeber." Was meint er damit?

Müller-Wohlfahrt: Dass der Doc nicht immer auf dieser Welt lebt! Denn seine Gedanken kreisen ausschließlich um seine Patienten und um die Sportorthopädie.

ZEIT: Gab es sogenannte Ratgeber in Ihrem Leben, denen Sie auf den Leim gegangen sind?

Müller-Wohlfahrt: Ja, ich war zu gutgläubig. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand nicht das Wohl des anderen im Sinne hat, obwohl man sich vertraut hat und freundschaftlich verbunden war.

ZEIT: Es heißt, es gebe einen Berater, von dem Sie sich finanziell übervorteilt fühlten.

Müller-Wohlfahrt: Es tut mir leid, dabei handelt es sich um ein laufendes Verfahren. Dazu kann ich nichts sagen.

ZEIT: Warum interessieren Sie sich nicht für Geld?

Müller-Wohlfahrt: So bin ich erzogen worden. Mein Vater war Pfarrer. Er war dagegen, dass ich Medizin studiere. Er akzeptierte nicht, dass man mit der Krankheit anderer viel Geld verdient.

ZEIT: Patienten kommen in Ihre Praxis, wünschen sich Aufmerksamkeit und Fürsorge. Bei wem docken Sie an, um Kraft zu tanken?

Müller-Wohlfahrt: Die Patienten geben mir Kraft, und ich freue mich, wenn sie ein paar Wochen nach der ersten Behandlung zu mir kommen und sagen: "Sie haben mir so sehr geholfen!" Aber auch meine Familie, meine Kollegen und meine Mitarbeiterinnen unterstützen mich sehr. Darüber hinaus fühle ich mich geistig und körperlich gut und kann zwölf und, wenn es sein muss, auch vierzehn Stunden arbeiten. Ich bin das gewohnt und lebe für meinen Beruf.

ZEIT: Trotzdem, erwischt Sie gelegentlich ein Gedanke ans Alter?

Müller-Wohlfahrt: Nein! Wenn ich joggen gehe, frage ich mich zwar manchmal: Wie lange geht das noch so gut? Wenn ich abends aus der Praxis gehe, bin ich häufig der Letzte. Und dann gibt es sogar den Gedanken: Eigentlich wäre noch mehr gegangen.

"Ich hatte einen 15 Kilometer langen Schulweg"

ZEIT: Das erinnert an eine Passage in Ihrem Buch, die beschreibt, dass Sie während Ihrer Zeit bei der Bundeswehr die Härte der langen Märsche genossen haben. Sie dachten häufig, noch ein paar Kilometer mehr schaffen zu können.

Müller-Wohlfahrt: Ja, ich gehe gerne an meine Leistungsgrenzen, neige aber im Training zur Übertreibung, verlange wohl manchmal zu viel von mir. Aber so bin ich. Ich kann nicht verlieren. Wenn ich jogge und es überholt mich jemand, dann ist das fast wie eine Niederlage für mich. Einmal, beim Laufen im Central Park in New York, überholte mich eine Läuferin mit einem Jogger-Dreirad-Kinderwagen. Ich konnte es nicht fassen.

ZEIT: Woher kommt dieser Ehrgeiz?

Müller-Wohlfahrt: Aus meinem protestantischen Elternhaus. Meinem Vater war es wichtig, dass seine Söhne fürs Leben abgehärtet werden. Ich hatte einen 15 Kilometer langen Schulweg in Ostfriesland – egal, ob es geschneit oder gestürmt hat, mein Vater hat meine Brüder und mich nie mit dem Auto zur Schule gefahren. Wir mussten es ohne fremde Hilfe schaffen.

ZEIT: Haben Sie diese Härte auch in der Erziehung Ihrer Kinder angewendet?

Müller-Wohlfahrt: Für die Erziehung habe ich mir leider nicht viel Zeit genommen, meine Frau aber hat das hervorragend gemacht.

ZEIT: Haben Sie einen hohen Preis dafür bezahlt, dass Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder weitestgehend abwesend waren?

Müller-Wohlfahrt: Meine Frau hat immer wieder Gesprächsrunden mit den Kindern einberufen, und wir haben besprochen, ob ich so weitermachen kann. Und die Kinder haben gesagt: Der Papa soll weitermachen, der braucht das. Sie haben ebenso wie meine Frau immer sehr viel Verständnis gezeigt. Auf der anderen Seite habe ich viel gegeben, ich habe bewusst keine Hobbys gepflegt wie Golfen oder Tennis zum Beispiel. An den Sonntagen habe ich die Zeit mit den Kindern sinnvoll verbracht. Bei Kindergeburtstagen habe ich mir freigenommen, an Festtagen sind wir in die Berge gefahren. Ich habe versucht, zu geben, was möglich ist. Meine Tochter hat heute eine glückliche Familie mit vier Kindern, mein Sohn hat nach gründlicher Überlegung beschlossen, Medizin zu studieren. Er wird im nächsten Jahr unserer Praxisgemeinschaft beitreten.

ZEIT: Beten Sie bei Tisch?

Müller-Wohlfahrt: Ich für mich. Es mit meiner Frau und den beiden Kindern zusammen zu tun, habe ich nicht eingeführt. Das können Sie vielleicht nicht verstehen. Aber ich wollte nicht so pastoral rüberkommen wie mein Vater, ich wollte ihnen die Freiheit lassen, selbst zu entscheiden. Unsere Kinder sind im christlichen Sinne erzogen worden.

ZEIT: In Wahrheit sind Sie ein Doktor-Pastor?

Müller-Wohlfahrt: Das ist gar nicht anders möglich, wenn Sie zwanzig Jahre in einem Pfarrhaus gelebt haben, dann sind Sie geprägt fürs Leben.

ZEIT: Sie schöpfen Kraft daraus, Gott zu dienen?

Müller-Wohlfahrt: Ich bin auf die Welt gekommen, um zu helfen. Das ist meine Berufung. Dafür habe ich eine Begabung mitbekommen. Ich war ja auch immer irgendwie ein Pionier. In einer Zeit, in der so gut wie niemand die Wirbelsäule mit Spritzen behandelt hat, habe ich meine Behandlungsmethode entwickelt, immer mit dem Grundsatz, nicht zu schaden: Nil nocere. Ich hatte immer das Gefühl: Ich muss das machen, dahinter steht ein größerer Plan.

ZEIT: Wir müssen noch über Ihre Frisur sprechen.

Müller-Wohlfahrt: Ich kann mir mich nicht vorstellen mit kurzen Haaren. Zuletzt hatte ich kurze Haare bei der Bundeswehr. Ich habe dann in den Sechzigern während des Studiums die Haare wachsen lassen. Meine Frau würde sie lieber kürzer sehen, aber ich bin da stur.

ZEIT: Kein Reporter vergisst zu erwähnen, wie Ihre Haare wehen, wenn Sie zum Einsatzort im Stadion rennen. Ärgern Sie solche Bemerkungen?

Müller-Wohlfahrt: Ich möchte vor den Patienten so dastehen, dass sie denken: Das passt alles, die Kleidung, das ganze Erscheinungsbild. Ich pflege mich, brauche aber keinen Spiegel. Schauen Sie sich um in dieser Praxis, hier gibt es nirgendwo einen.

 Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: "Mit den Händen sehen". Insel-Verlag, Berlin; 320 S., 22,95 €