Emmanuel Macron wird nicht Intendant des Humboldt Forums. Dabei hatte sich der französische Staatspräsident dem irrlichternden Großprojekt mit einem einzigen Satz für diese Position empfohlen. In einer Rede an der Universität von Ouagadougou sagt Macron am 27. November 2017: "Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika geschaffen werden."

Ein Satz, der Museumsdirektoren in aller Welt zusammenzucken lässt. So auch Hermann Parzinger, einen der Gründungsintendanten des Forums, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), deren außereuropäische Sammlungen das Herzstück des Forums bilden. Während andernorts die Ungeheuerlichkeit dieser Ansage ("Revolution") schnell erkannt wird, wiegelt Parzinger in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Januar ab. Man müsse sich fragen, "ob Afrika nicht drängendere Probleme habe", er verweist auf "vielfältige Lösungswege", die zu beschreiten "in nationalen Alleingängen" wenig Sinne mache.

Dabei wäre das genau das Thema gewesen, das dem Humboldt Forum als große Überschrift fehlt. Doch statt diesen inhaltlichen Ball aufzunehmen, gibt Kulturstaatsministerin Monika Grütters bekannt: Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, soll Intendant des Humboldt Forums werden. In den kommenden Wochen soll er vom Stiftungsrat gewählt werden, am 1. Juli dann sein Amt antreten. Dorgerloh? Kurze Recherche, einhellige Meinung: erfahrener Museumsmann, angenehm im Umgang, verwaltungserprobt, gut vernetzt, kann Geld besorgen, glänzender Moderator, bitte nicht unterschätzen! Lange Zeit hatten alle auf einen Intendanten gehofft, der die große thematische Herausforderung, den Umgang mit kolonialem Raubgut, durch seine Person verkörpert. Angesichts dieses Anspruchs wirkte die Personalie Dorgerloh – zumindest auf den ersten Blick – provinziell.

Große Namen nach Berlin

Denn Grütters hatte ja gezeigt, dass sie in der Lage ist, groß zu denken und große Namen nach Berlin zu holen. Mit der Verpflichtung Neil MacGregors als Gründungsintendant im Mai 2015 gelang ihr ein echter Coup. MacGregor, eine Art Pep Guardiola der Weltmuseumsszene, detailversessen, blendend vernetzt, machtbewusst und Hierarchiefan, sollte bis zur Eröffnung 2019 dem alten Schloss neuen Geist einhauchen und auch einen namhaften Nachfolger finden. Ihm zur Seite standen, als Mitglieder der Gründungsintendanz, der SPK-Chef Parzinger und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp. MacGregors Auftrag war so selbstverständlich wie klar formuliert: ein Gesamtkonzept für alle Bereiche des Hauses zu finden, für die Ausstellungsflächen der SPK, der Humboldt-Universität und des Landes Berlin.

Genau daran hat sich MacGregor die Zähne ausgebissen: Mit einer verabredeten Anwesenheitszeit von zehn (!) Tagen im Monat stürzte sich der frühere Leiter des British Museum ins Dickicht des deutschen Kulturföderalismus – und wäre um ein Haar darin verloren gegangen. Schnell war ihm klar: Die Vielzahl der Interessen der künftigen Schlossbewohner erfordert klare Hierarchien, die einem künftigen Generalintendanten unmittelbaren Zugriff auf Programm, Budget und alle Ausstellungsflächen gewähren würden. Doch für MacGregors Forderung nach klaren Hierarchien hätten andere Macht abgeben müssen. Dazu war keiner bereit. MacGregor war ein König ohne Land.

Er forderte ultimativ Klarheit über seinen Auftrag. So kam es in der ersten Dezemberwoche im Büro der Kulturstaatsministerin zu einer eilends einberufenen sechsstündigen Sitzung, an der neben den drei Gründungsintendanten unter anderem auch Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) und wichtigster Mitarbeiter Parzingers, teilnahm. Hauptstreitpunkt: die Rolle der SPK-Museen im Gesamtkonstrukt, vor allem aber die Möglichkeit des künftigen Intendanten, auf die Flächen der von den SMB bespielten Orte des Forums, insbesondere die Fläche der "Dauerausstellung" zugreifen zu können. Hauptproblem: die Doppelfunktion von Hermann Parzinger. Als Chef der Preußenstiftung ist er für die Interessen der größten Schloss-Fraktion zuständig, als Gründungsintendant für die Belange aller Schloss-Parteien. Eine irre Konstruktion.

Wortführer in dieser Sitzung war Museumsmann Eissenhauer. Er führte Klage darüber, dass MacGregor die SMB-Kuratoren übergehen wolle, und konnte sich dabei auf die Statuten "für die Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz" berufen. Dort heißt es: "Die einzelnen Museen und Institute werden von Direktorinnen/Direktoren selbstständig geleitet." Selbstständig. Hört man sich bei kundigen Deutern der Statuten um, heißt es unisono: Klare Sache – im Zweifel haben die Museumsdirektoren (und letztlich die Kuratoren) das letzte Wort. Eissenhauer hatte Parzingers Dilemma vor versammelter Mannschaft zu seinen Gunsten entschieden. Parzinger, der SPK-Chef, der zuvor monatelang um Kompromisse gerungen hatte, ließ ihn gewähren. Parzinger, der Gründungsintendant, ließ MacGregor im Stich: Das Humboldt Forum wurde auf dem Altar der SPK geopfert.

Monika Grütters wird in diesem Augenblick bewusst geworden sein, dass Parzingers Doppelfunktion im Widerspruch stand zu ihren Bemühungen, das Humboldt Forum groß zu denken – und einen entsprechenden Intendanten zu finden. Und Neil MacGregor hatte den Beweis dafür, dass sein Auftrag schlicht nicht zu erfüllen war.