Nein, so wie das Humboldt Forum derzeit geplant wird, kann es nicht weitergehen. Trotz aller gegenteiliger Bemühungen der vergangenen Jahre, an denen ich selbst konzeptionell maßgeblich beteiligt war, wird letztendlich doch wieder der europäische Blick entscheiden: darüber, welche der 500.000 Kunst- und Kulturstücke aus aller Welt die wichtigsten sind und wie sie ausgestellt werden. Die Zeit solcher Inszenierungen ist in meinen Augen vorbei. Nur ein anderer, radikaler Ansatz kann das Humboldt Forum zu dem machen, was es sein soll: zu "einer internationalen Dialogplattform für globale kulturelle Ideen", wie es im Koalitionsvertrag heißt.

Bislang ist geplant, gerade mal zwei Prozent der großartigen Sammlungen zu zeigen, der riesige Rest soll im Depot bleiben. Dabei ist gerade die schiere Menge dazu geeignet, die überfälligen Debatten anzustoßen. Ich plädiere für einen Dschungel, in dem die Objekte ungefiltert und ehrlich auf die Besucher einrücken und sie mental, fast physisch ergreifen. Es wäre eine bewusste Provokation: Bedrängt und fasziniert von den überquellenden Regalen, könnte das Publikum den vielen wichtigen Fragen, die das Humboldt Forum aufwirft, nicht entkommen. Bislang hatten nur ausgewählte Gruppen das Privileg, sich durch die Depots der Sammlungen führen zu lassen, beeindruckt waren sie alle. Nun dürfen alle beeindruckt sein.

Die ethnografischen Sammlungen irritieren uns durch ihre schiere Größe und stellen die richtigen Fragen: Warum bloß ist das alles hier? Woher rührte die Sammelwut? Wissenschaftliche Neugier, Dokumentationszwang, Erkenntnisgewinn über den Ursprung und die Entwicklung der Menschheit oder schlicht die Angst vor der zerstörerischen Kraft der eigenen Kultur? Und: Was für einen Sinn hat das alles heute?

Das Humboldt Forum könnte eine Geschichte von Aneignung und Austausch erzählen, von Nehmen und Geben, eine Geschichte voller Gewalt, aber auch eine, in der man sich aufeinander einließ und vieles ausgehandelt wurde. Im Schloss der Hohenzollern, in der Kunstkammer, nahm diese Geschichte einst ihren Anfang. Wie andere barocke Fürsten im kleinteiligen Deutschen Reich brüsteten sich auch die Preußen neuer Weltläufigkeit, mit exotischen Requisiten aus aller Welt und von jeglicher Disziplin. Die Kunstkammern bezeugen den Beginn der Aneignung des Globus durch die Europäer.

Im 19. Jahrhundert schwollen die Sammlungen rasant an, die neu gegründeten Nationalstaaten waren auf der Suche nach Ressourcen und Welterklärung. Ihr Eroberungsdrang führte zu Vertreibung, Umsiedlung, künstlichen Grenzziehungen. Autochthone Kulturen wurden unterdrückt, riesige Mengen ihrer Kunst- und Kulturobjekte zusammengerafft. Zwischen den 1880ern und 1930ern erreichten ganze Schiffsladungen mit teils überdimensionierten Objekten wie Booten und Häusern europäische Ziele, wo für ihre adäquate Unterbringung die Museen erst noch gebaut werden mussten.

An all das muss das Humboldt Forum erinnern, doch geht es nicht um eine Reduzierung auf Schuldfragen, das Schloss ist kein "Tränenpalast". Es geht vielmehr um Aufklärung und Bewusstseinsschärfung. Deshalb müssten mitten hinein in den Dschungel des Humboldt Forums einige Schneisen gebrochen werden, Flächen, auf denen Provenienz- und andere Forscher aktuelle Ergebnisse präsentieren, Angehörige der Herkunftsgesellschaften ihre Geschichten zu den Objekten erzählen, Künstler mit neuen Interpretationen aufwarten. Mit den Jahren würde der Wald der Objekte sich lichten, es entstünden Lücken, die auf reisende oder restituierte Objekte verweisen, Objekte, die außerhalb Berlins, dort, wo sie einst herkamen, effektiver erforscht und genutzt werden können.

Es wäre ein Zeichen, wenn die politisch Verantwortlichen sich dazu durchrängen, den gesamten Bestand zurückzugeben. Zugleich sollten sie eine fachgerechte Aufbewahrung als Dauerleihgabe anbieten. Es wäre ein zunächst symbolischer Akt der Erinnerung an den Beginn einer kontroversen, aber gemeinsamen Geschichte, die vor knapp 500 Jahren in den Barockschlössern Europas begann. In welchem Umfang Rückgaben sinnvoll sind, bliebe das Thema zukünftiger Debatten. Unbestritten ist, dass die Objekte unter ungleichen Machtverhältnissen und zuweilen unter Anwendung von Gewalt nach Berlin gelangten. Zugleich, das sollte nicht vergessen werden, haben die Sammlungen – gerade in einer radikalen Darbietung – einen großen Wert auch für westliche Gesellschaften: Sie verkörpern "den Wert der kulturellen Vielfalt und den Respekt vor anderen Lebensentwürfen", wie es der Ethnologe Christian Feest formulierte.