Der Mann, der gerade für solche Empörung sorgt, ist gelernter Maurer. Wenn er durchs Land fährt, sieht er manchmal die Brücken, die er in Brandenburg mit gebaut hat, er ist stolz darauf. Nur dass er mittlerweile in einer Dienstlimousine sitzt, nicht mehr im Maurer-Auto. Ingo Senftleben, 43, ist Partei- und Fraktionschef der CDU in Brandenburg. Und die Brücken, die er jetzt bauen möchte, sind ein bisschen gefährlicher: Er hat angekündigt, nach der Landtagswahl 2019 auch mit AfD und Linken sprechen zu wollen. "Wenn wir stärkste Kraft werden, dann rede ich mit allen Parteien", sagt er der ZEIT.

Das gab Aufregung in der Union, sogar Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer distanzierte sich – stellt Senftleben doch damit gleich zwei eherne CDU-Grundsätze infrage: Wir reden nicht mit der AfD! Und wir koalieren nicht mit den "Kommunisten"! Will Senftleben das ändern? Oder will er zündeln? Sucht er am Ende nur die Aufmerksamkeit, die jede empörte Debatte mit sich bringt?

So ist es nicht, sagt Senftleben, wenn man ihn fragt. Er flirte nicht mit der AfD. Er hält sich für keinen Provokateur, sondern für einen absoluten Realisten. Wer ihn besser kenne, werde das verstehen. Also gut.

Um zu zeigen, wie er wurde, was er ist, bittet Ingo Senftleben, dass man in seinen Dienstwagen steigen möge. Es geht in eine Kleinstadt namens Ortrand, im Süden Brandenburgs. Dort, auf einem Hof, auf dem eine Deutschlandfahne flattert, sagt er: "Da wären wir." Er klingelt. Es öffnen seine Wahlkampfmanager von einst: Diethard und Hannelore Senftleben, 72 und 70 Jahre alt. Seine Eltern. Verkäuferin und – wie der Sohn – Maurer. Die Mutter schmiert gleich Brötchen mit Eiersalat und Schinken, der Vater rückt im Wohnzimmer das Goldrandgeschirr zurecht. "Dass Ingo mal Politiker wird", sagt Hannelore Senftleben, "auf so etwas wären wir ja nie gekommen." Der Sohn sagt: "Hier habe ich mit der Politik angefangen."

Senftleben hat dunkle Knopfaugen und fast immer ein Lächeln im Gesicht. Er schaut aus wie der Typ Handwerker, den man jederzeit um Hilfe bitten kann. Er wirkt jedenfalls nicht wie einer, der imstande wäre, die Merkel-CDU nach rechts zu rücken.

"Das will ich ja auch nicht", sagt er.

1998, Senftleben hatte es schon zum Vorarbeiter einer Maurerfirma gebracht, beschloss er, in die Politik zu gehen. "Ein Freund unserer Familie sagte damals zu mir, ich solle nicht nur klug über Politik reden – ich solle auch etwas machen." Wegen Helmut Kohl trat er der CDU bei, obwohl dessen Kanzlerschaft damals gerade endete. Weil Brandenburg ein SPD-Land ist, ein CDU-Kandidat also ohnehin kaum Chancen auf ein Direktmandat hat, bekam Senftleben gleich seine Gelegenheit: Mit 25 Jahren, nur wenige Monate nach Eintritt in die Partei, kandidierte er in der Lausitz für den Landtag. Sein Vater schnitt in der Garage die Wahlplakate zurecht. "Die haben wir dann alleine aufgehängt", sagt der Vater. Ingo Senftleben fuhr von Gartenzaun zu Gartenzaun, stellte sich den Wählern vor, inszenierte sich als nahbarer Kümmerer. "Ich konnte am Wahlabend dann gerade noch so die Schnittchen und das Bier bezahlen", sagt Senftleben. "Danach war mein Erspartes aufgebraucht". 12.000 Mark habe ihn der Wahlkampf gekostet. Sie waren gut investiert: denn Senftleben gelang die Sensation, er zog direkt in den Landtag ein. Die Lokalzeitung nannte ihn den "Senkrechtstarter aus dem Süden".

Dass Senftleben das alles erzählt, hat wohl diesen einfachen Grund: Er will demonstrieren, dass ihm zu trauen ist. Dass er sich von Politikern unterscheidet, deren Karriere mit 16 in der Jungen Union beginnt, deren Glück und Erfolg von Parteifreunden abhängt. "Ich habe nicht darauf hingearbeitet, Landeschef zu werden", sagt er. "Und ich bin auch nicht darauf angewiesen, es unter allen Umständen zu bleiben." Er ist frei – das will er wohl sagen. Um alles zu riskieren. Um im kommenden Jahr Ministerpräsident zu werden. Eines kann man prognostizieren: Das wird kompliziert.

Eigentlich ist Brandenburg die einzige SPD-Hochburg, die es überhaupt noch gibt. Nie seit 1990 verloren die Sozialdemokraten hier eine Landtagswahl. Aber nun schwächelt die SPD, Senftlebens CDU hat sie in Umfragen eingeholt, beide liegen bei 23 Prozent. Nur: Wer soll wie koalieren? Kein einziges Zweierbündnis wäre rechnerisch derzeit realisierbar. Grüne und FDP würden an der Fünfprozenthürde kratzen. Es blieben zwei andere Bündnispartner: AfD und Linke.

Und mit denen will er also wirklich reden?