Mehrmals haben antisemitische und antiisraelische Vorfälle in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht. In Berlin schlug ein arabisch sprechender Jugendlicher mit einem Gürtel auf einen Mann mit Kippa ein. Auch die israelfreundliche Hamburger Kneipe Karo Ecke wird immer wieder angefeindet, zuletzt am Freitagabend. Ein Gespräch mit der Wirtin Luka R., die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, über die Angriffe und die Reaktionen der Gäste.

DIE ZEIT: Was haben Sie am vergangenen Freitag hier erlebt?

Luka R.: Ein vielleicht 19-Jähriger wollte in meinem Laden auf die Toilette. Ich habe hier im Viertel Probleme mit stark alkoholisierten Kids, deswegen gucke ich mir die Leute genauer an, bevor ich sie auf meine Toilette lasse. Bei ihm habe ich mich dagegen entschieden. Er schien mental nicht ganz auf der Höhe, er hatte aufgeritzte Arme. Er pöbelte ein wenig rum und sah beim Rausgehen die Israel-Fahne an der Wand. Dann schrie er immer wieder: "Ich ficke Israel wie eine Frau" und drohte damit, seinen Dödel auszupacken, halb auf Arabisch, halb auf Deutsch. Wahnsinnig hasserfüllt und aggressiv.

ZEIT: Sie haben hebräische Schriftzeichen an der Tür, israelische Flaggen an der Wand. Was ist Ihr Bezug zu Israel?

Luka R.: Ich finde es einfach wichtig, den Leuten, die sich das Recht herausnehmen, Israel zu kritisieren, etwas entgegenzusetzen. Ich bin der Meinung, dass Israel ein Existenzrecht hat. In meinem Laden habe ich die Möglichkeit, meiner Haltung Ausdruck zu verleihen. Hier herrschen meine Bedingungen, wem das nicht passt, der kann gehen. Ich kann Leuten Hausverbot erteilen, das kann man im Alltag auf der Straße nicht.

ZEIT: Wie oft kommt es vor, dass sich jemand an den Flaggen und Schriftzügen stört?

Luka R.: Israel ist eine Projektionsfläche. Solche Reaktionen kommen natürlich, schließlich mache ich schon mit den hebräischen Schriftzeichen an der Tür klar: Wenn ihr hier reinkommt, seid ihr in einem israelfreundlichen Laden. Ich nehme in Kauf, dass mir Hakenkreuze an die Wand geschmiert werden . Dass hier rumgepöbelt wird, ist leider unser Alltag. Gerade wenn Dom auf dem gegenüberliegenden Heiligengeistfeld ist, bin ich umzingelt von testosterongesteuerten Jugendlichen, die aus allen möglichen Ländern kommen, die sich aber in einer Sache absolut einig sind: dass Israel ein Scheißland ist.

ZEIT: Wie zeigt sich diese Haltung?

Luka R.: Mal zischt einer im Vorbeigehen, mal ätzt eine arabische Familie, die die hebräischen Schriftzeichen sieht: "Guck mal, das sind Juden", mal brüllt jemand über den Platz: "Allahu Akbar!" Das passiert zu oft, und es reicht mir.

ZEIT: Dabei wohnen auf St. Pauli und gerade bei Ihnen im Karoviertel viele Menschen mit unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung.

Luka R.: Das heißt aber nicht, dass es toleranter ist. Auf St. Pauli mischt sich eine unheilige Dreifaltigkeit: ein bis heute tief verwurzelter und nie aufgearbeiteter deutscher Antisemitismus; eine islamische Radikalisierung von Menschen, die aus dem Nahen Osten hierherkommen, und von hier lebenden Türken; und der Antizionismus der Linken. Ich habe Stammkundinnen, die meinem israelischen Kollegen vorhalten, dass er zu einer Besatzungsmacht gehöre. Das kommt oft vor, vielleicht einmal im Monat.

ZEIT: Sie führen den Laden seit 13 Jahren. Gab es schon immer antiisraelische Reaktionen?

Luka R.: Ich habe das Gefühl, solche Sprüche nehmen zu. Die allgemeine Stimmung wird immer feindlicher gegenüber Israel.

ZEIT: Am vergangenen Freitag haben kaum Gäste auf den brüllenden Mann reagiert, nur eine Frau rief: "Du bist hier nicht willkommen." Wie ist das sonst?

Luka R.: Manchmal stehen Leute tatsächlich auf und helfen mir, sagen "Verpiss dich". Oft sind sie aber auch völlig geplättet von der Wut, dem Hass, der Wucht. Ich stand am Freitag auch hinterm Tresen und habe ihn ausbrüllen lassen, weil es keinen Sinn gemacht hätte zu intervenieren. Da kann man nur hoffen, dass es vorbeigeht. Es gibt auch Momente, wo ich eskaliere. Aber der Mann mit den aufgeritzten Armen vom Freitag hätte womöglich noch eine Rasierklinge rausgeholt und damit herumgefuchtelt.

ZEIT: Sie wirken nicht verängstigt.

Luka R.: Mich schockt hier gar nichts mehr. Mir ist klar, dass man weder in Berlin, noch in Hamburg noch auf St. Pauli mit einer Kippa auf dem Kopf rumlaufen sollte. Vor der jüdischen Schule und der Synagoge steht stets die Polizei, vor einigen Jahren sind Juden auf dem Weg zur Synagoge in Eimsbüttel angegriffen worden.

ZEIT: Haben Sie je darüber nachgedacht, die Flaggen und die Schriftzüge zu entfernen?

Luka R.: Es ist ja noch nichts wirklich Schlimmes passiert. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn hier Menschen angegriffen würden. Darüber will ich nicht nachdenken. Ich habe das Gefühl, was hier passiert, ist erst der Anfang. Und ich weiß nicht, was man dagegen tun kann. Es wird ja immer gesagt: Wären bei den Nazis mehr Leute aufgestanden und hätten Nein gesagt, wäre das alles nicht passiert. Ich fürchte, das stimmt nicht. Es können Leute aufstehen, sie können versuchen, andere dazu zu bringen, zu schauen, was wirklich hinter diesem Hass steckt. Aber man wird es nie schaffen, eine ganze Gesellschaft umzukrempeln. Mir ist über die Jahre klar geworden, wie machtlos man gegen diese Ressentiments ist. In Berlin hat die Jüdische Gemeinde eine Solidaritätsaktion gestartet, bei der Nichtjuden Kippa trugen. Hätte das nicht von christlichen Gemeinden oder der Regierung ausgehen müssen? Wenn mehr Leute Haltung zeigen würden, die nicht direkt betroffen sind, wäre das ein Anfang.