Frage: Herr Schüller, was halten Sie vom Brief der sieben deutschen Bischöfe nach Rom?

Thomas Schüller: Die Briefeschreiber stellen berechtigte Fragen. Die wichtigste ist vielleicht: Wem spendet man gültig die Sakramente?

Frage: Wem spendet man gültig die Sakramente?

Schüller: Die Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz, die ja gerade in Besprechung ist, rekurriert deutlich auf das Gewissen. Heißt: Wenn ich mich als Protestant, der in einer gemischtkonfessionellen Ehe lebt, geprüft habe, meine Absicht lauter ist und ich auch verstanden habe, was die katholische Eucharistielehre besagt, und daran glaube, dann darf ich die katholische Hostie empfangen – auch wenn ich kein Katholik bin.

Frage: Das sind hohe Hürden.

Schüller: Ja, vor allen Dingen kann man sich da fragen: Welcher deutsche Katholik kann die überspringen? Wenn man diese Maßstäbe an Katholiken anlegt, dann dürften 90 Prozent aber nicht zur Kommunion gehen. Dann müssten wir das geschwundene Glaubenswissen der Katholiken prüfen und auch, ob sie gebeichtet haben, wenn sie sich schwerer Sünden bewusst sind. Diese Erfordernisse sind nur noch den wenigsten Katholiken vetraut.

Frage: Wenn man als Protestant zur katholischen Eucharistielehre Ja sagt, kann man dann nicht direkt konvertieren?

Schüller: Das habe ich lange Zeit auch gedacht. Ich habe gedacht: Wer nach dem Hochgebet "Amen" sagt, der sagt zur ganzen katholischen Lehre "Amen, ich glaube es". Aber dann haben mir überzeugte Lutheraner in meiner seelsorgerlichen Arbeit versichert, dass dem nicht so sein muss. Dass man durchaus zur ganzen katholischen Transsubstantiationslehre Ja sagen kann, ohne an den Jurisdiktionsprimat des Papstes zu glauben oder an das katholische Amtsverständnis. Ich rate hier zu ökumenischer Sensibilität und warne vor faktischen Zwangskonversionen.

Frage: Der Papst hat die nationalen Bischofskonferenzen immer wieder ermuntert, eigene, lokale Regelungen für das Problem der sogenannten Interkommunion, der katholischen Eucharistie für Anhänger anderer christliche Konfessionen, zu finden. Genau das hat die Deutsche Bischofskonferenz mit ihrer Handreichung versucht. Warum torpedieren die sieben Bischöfe, unter ihnen der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki, das Dokument?

Schüller: Weil das Dokument sich in einer rechtlichen Grauzone befindet. Generelle Fragen die Interkommunion betreffend muss Rom schon selbst klären. Der Papst hat dazu viel gesagt, aber den Worten müssen auch Taten folgen, dazu versuchen die sieben Bischöfe Rom jetzt zu befragen. Bisher darf man evangelischen Christen die Sakramente nur spenden, wenn Todesgefahr besteht, da ist man großherzig, oder wenn eine schwere Notlage vorliegt. Das ist kanonisches Recht. Aber was ist eine schwere Notlage? Ist das geistliche Bedürfnis in einer konfessionsverschiedenen Ehe schon von der rechtlichen Qualität, dass es mit einer Todesgefahr vergleichbar ist? Das muss man jetzt klären.

Frage: Hat es denn ausgerechnet ein Brief sein müssen, konnte man das nicht weniger auffällig klären?

Schüller: Jeder hat das Recht, sich mit so einem Brief an Rom zu wenden. Das ist ein normales Verfahren, man prüft das Anliegen dann dort und gibt eine verbindliche Antwort. Mich beunruhigt vielmehr, dass die Öffentlichkeit von diesem Vorgang schon Kenntnis hat.

Frage: Warum?

Schüller: Weil das dienstliche Schweigegebot in der römischen Kurie ja offenbar nichts mehr gilt. Da wird man eigentlich hart drauf verpflichtet. Dennoch werden immer wieder Dinge – wie jetzt dieser Brief – an die Presse durchgestochen. Ich glaube, so wird versucht, Druck auf Papst Franziskus aufzubauen.

Frage: Welche Rolle hat der Papst in der ganzen Brief-Intrige?