Es gibt eine Geschichte aus dem Vatikan, von der nicht wichtig ist, ob sie stimmt oder ob sie nur gut erfunden ist. Sie handelt vom ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation, der sich beim Papst über einen dogmatisch wankelmütigen Theologieprofessor beschwerte und dann darauf wartete, dass Franziskus ihm zur Seite springen und den abtrünnig gewordenen Denker zur Rechenschaft ziehen würde. "Trinken Sie doch einfach ein Bier mit dem Mann", riet Franziskus dem Kardinal. Offenbar kam es dazu nie, denn Gerhard Ludwig Müller ist schon länger nicht mehr im Amt. Vor ziemlich genau einem Jahr verlängerte Franziskus die Amtszeit des ehemaligen Bischofs von Regensburg nicht und machte stattdessen seinen Stellvertreter zum Chef.

Wenn die Geschichte stimmt, kennt auch Luis Ladaria, der heutige Präfekt der Glaubenskongregation, die Episode. Ihre Wahrhaftigkeit ist deshalb nicht von großer Bedeutung, weil sie die Art und Weise, wie Papst Franziskus zuweilen Konflikte beizulegen gedenkt, gut charakterisiert. Ladaria fand sich vor Tagen in einer unangenehmen Situation wieder, die das Modell der Konfliktlösung am Kneipentisch wieder in Erinnerung ruft. Ladaria und andere Stellen im Vatikan waren als Schlichter in einem Streit der deutschen Bischöfe angerufen worden. Fünf bayerische Bischöfe, der Bischof von Görlitz sowie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki als Wortführer wollten von ihm und anderen im Vatikan wissen, ob die Deutsche Bischofskonferenz wirklich die Kompetenz hat, die Teilnahme evangelischer Ehepartner an der Kommunion in Einzelfällen zuzulassen. So steht es in einem mit Zweidrittelmehrheit von den Bischöfen verabschiedeten Entwurf einer Handreichung, die bald veröffentlicht werden soll.

Der Fall ist an sich schon deshalb kurios, weil alle wissen und akzeptieren, dass die Interkommunion in der Praxis Alltag ist. Aber die katholische Kirche streitet gerne ums Grundsätzliche, auch wenn die Wirklichkeit die Theorie längst überholt hat. Der pflichtbewusste Jesuit Ladaria, berufen, den katholischen Glauben zu verteidigen, formulierte also einen Antwortbrief, dessen genauer Inhalt bis heute unbekannt ist. Der Brief wurde allerdings schnell zu einem Instrument, das Gegner sowie Befürworter der Interkommunion gegeneinander verwendeten. Die Handreichung sei vom Vatikan mit päpstlicher Zustimmung kassiert worden, behaupteten die einen. Von Ablehnung könne keine Rede sein, hieß es von anderer Seite, höchstens sei eine Nachbesserung gewünscht. Eine andere Version der Interpretation des ominösen Briefes aus Rom lautet, der Papst wünsche nicht, dass sich die deutschen Bischöfe schon zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Papier aus dem Fenster lehnen, auch wenn er eigentlich hinter ihrem Wunsch steht.

Sicher ist, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und der Kölner Kardinal Woelki zum Rapport nach Rom gerufen worden sind. Franziskus höchstpersönlich will die beiden Prälaten demnächst sprechen, auch der Bischof von Münster, Felix Genn, soll an der Unterredung teilnehmen, heißt es. Statt Bier wird es im vatikanischen Gästehaus Santa Marta wohl eher Leitungswasser geben. Die Hoffnung des Papstes dürfte aber dahin gehen, dass Marx und Woelki abends nach dem Acht-Augen-Gespräch ihren Frieden auch mithilfe alkoholhaltiger Getränken schließen werden, etwa im römischen Kneipenviertel Trastevere oder im gediegeneren und klerikaleren Borgo Pio. Franziskus ist nicht harmoniesüchtig, er hat zuweilen sogar sehr autoritäre Züge. Aber so skrupellos, zwei konkurrierende Bischöfe einzuladen und den einen im Angesicht des anderen abzukanzeln, ist Franziskus auch wieder nicht.

Es ist aus der päpstlichen Perspektive eher traurig, dass zwei hochrangige Katholiken und mit ihnen Teile derselben Bischofskonferenz darüber in Streit geraten, dass einer anderen christlichen Glaubensgemeinschaft, nämlich den Protestanten, theoretische Hürden bei dem Versuch aus dem Weg geräumt werden sollen, gemeinsam möglichst nahe bei Gott zu sein. Denn darum geht es ja, wenn man es recht verstanden hat, bei der Eucharistie. Auch das Reformationsgedenkjahr bekommt nachträglich einen skurrilen Beigeschmack: Es gab keine konkreten Fortschritte bei der Einigung der christlichen Kirchen, stattdessen fingen die katholischen Bischöfe untereinander zu streiten an. Wenn nicht alles täuscht, steht Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, derzeit wesentlich näher als seinem katholischen Kollegen aus Köln.

Was wird Franziskus den Streithähnen also mitteilen wollen? Es gibt weltweit etwa 20 vergleichbare Handreichungen, von denen einige sogar weiter gefasst sein sollen als der mit Zweidrittelmehrheit verabschiedete Entwurf der deutschen Bischöfe. Auch die von den sieben aufgeworfenen Fragen hat der Papst indirekt längst beantwortet. "Seht selbst!", riet er im November 2014 in der lutherischen Christuskirche von Rom Protestanten, die mit ihren katholischen Ehepartnern gemeinsam die Eucharistie feiern möchten, sich aber mit dem theoretischen Verbot konfrontiert sehen. Nichts anderes ist im Grunde der Zweck der Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz, mit der die Gewissensentscheidung im Einzelfall legalisiert werden soll. Auch die Frage, ob Bischofskonferenzen verbindliche Richtlinien für derartige Themen aufstellen können, hat Franziskus schon lange beantwortet. In seiner Programmschrift "Evangelii gaudium" schreibt der Papst von "heilsamer Dezentralisierung" und wünscht sich eine "gewisse authentische Lehrautorität" der Bischofskonferenzen.

Woelki und Co. wissen zwar nicht den Papst, aber dafür das Kirchenrecht auf ihrer Seite. In Artikel 844 des Codex Iuris Canonici ist explizit von einer "schweren Notlage" die Rede als Voraussetzung dafür, dass ein Protestant die Kommunion von einem katholischen Priester empfangen kann. Dieses Kriterium wurde bislang eng ausgelegt, wie es einer Notlage eben entspricht. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe versucht nun im Windschatten des Papstes von Schwarz-Weiß-Denken geprägte Sichtweisen und strenge Definitionen zu weiten. Das ist kompliziert, wenn ein System seine Identität sehr lange aus Verboten, Abgrenzungen und eisernen Regeln bezogen hat. In "Amoris laetitia" redet Franziskus der Lösung im Einzelfall geradezu das Wort, wenn er schreibt, "dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen". Man vergisst leicht, dass das auch für Bischofskonferenzen gelten kann, wenn diese quasi-lehramtliche Kompetenzen für sich beanspruchen. Es bedarf nicht immer und um jeden Preis einer Entscheidung, schon gar nicht, wenn deren Preis Unfrieden ist.

Es sind außerdem die Öffentlichkeit des Streites und seine Signalwirkung, die dem Papst nicht gelegen kommen. Die Frage, wann ein Thema auf die Tagesordnung gehoben wird, ist zentral in diesem Pontifikat der schwelenden Debatten. Am Anfang stand die Diskussion um die wiederverheirateten Geschiedenen, demnächst steuert die Kirche auf die Zulassung verheirateter Männer als Spender der Sakramente zu, ein heikles Thema. Auch die Frage der Rolle von Frauen in der Kirche schwelt latent im Hintergrund. Gerade hat Franziskus die chilenischen Bischöfe zum Rapport nach Rom beordert, um ein paar grundsätzliche Dinge über sexuellen Missbrauch im Klerus zu besprechen. Aus römischer Sicht ist es verständlich, wenn dem Papst das vom Reformationsjubiläum 2017 beflügelte ökumenische Bedürfnis der großen Mehrheit der deutschen Bischöfe, die die Interkommunion legalisieren wollen, derzeit ein bisschen zu viel ist. Wenn man das alles gemeinsam bei einem Bier in Trastevere oder im Borgo Pio lösen könnte, wäre es Franziskus jedenfalls wesentlich lieber.