Wer die Pflichterfüllung retten will in die neue Zeit, wer zeigen möchte, welch Trost von ihr ausgehen kann im modernen Kapitalismus, der muss erst einmal von all dem reden, was Pflichterfüllung nicht ist und sein kann. Pflichterfüllung hat, das sei allen karrieregeilen Millennials an dieser Stelle gesagt, nichts mit dem Pimpen des Lebenslaufs zur persönlichen Bereicherung zu tun. Wie traurig wäre es auch, wenn Geld der einzige Sinn wäre der Arbeit. Nichts weiter wäre das Leben dann als ein großes Fressen und Gefressenwerden. Es gäbe keinen Himmel, keine Hoffnung, nur Mägen, die gefüllt, und Rechnungen, die bezahlt werden müssen, egal wie. Nur die Angst vor Strafe würde uns in dem Fall abhalten davon, nach der Arbeit das Reihenhaus des Nachbarn zu plündern und ihn und die Seinen totzupeitschen mit dem Gartenschlauch. Wölfe wären wir, schlimmer als das: Wölfe verspeisen einander nur, wenn es sonst nichts mehr zu beißen gibt.

Pflichterfüllung hat auch nichts mit Streben nach Glück gemein. Glück wird eh überschätzt. Glück ist die synthetische Droge der schönen neuen Arbeitswelt. Irgendein blasser Computer-Nerd rührte sie zu Beginn des Digitalzeitalters zusammen in einer Start-up-Garage im Silicon Valley. Seitdem wollen sie alle. Die Idee war ja auch genial. Sie vereinte die Effizienz organisierter Ausbeutung mit dem Charme einer Hippiekommune aus den Siebzigern: Die Privatsphäre wurde abgeschafft, der Feierabend überflüssig und ersetzt durch Bürositzbälle, Kickertische und die süße Verheißung der Work-Life-Balance.

Seitdem gibt es keine Arbeit mehr, es gibt nur Arbeit am Ich. Und die muss schon deshalb begeistern und erfüllen, weil alles andere Charakterschwäche wäre und Versagen. Doch was, wenn trotz Sitzbällen der hirntötende Bürojob partout nicht zur Persönlichkeitsverlängerung werden will? Was hält einen dann ab, das Reihenhäuschen anzuzünden, sich selbst zu suchen und sein Vermögen einer Sekte in den Rachen zu schmeißen, die einem auch nur dasselbe sagt wie der Nerd: "Du willst gerettet werden? Arbeite an dir!"?

Wahre Pflichterfüllung sollte man aber auch nicht verwechseln mit dem Hang mancher Großväter, die Gegenwart zu messen mit den Werten einer diskreditierten Vergangenheit. Schließlich gehört Pflichterfüllung mit Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit zum Kernbestand des preußisch-deutschen Tugendkanons. Und dass unsere Gegenwart mit diesen Tugenden ein Problem hat, wurde 1982 deutlich, als Oskar Lafontaine zum Entsetzen Helmut Schmidts die deutschen Tugenden als sekundär abtat und behauptete, mit ihnen lasse sich eine Demokratie genauso gut betreiben wie ein Konzentrationslager.

Recht hatten beide: Schmidt, der Wehrmachtsoffizier, mit seinem Entsetzen über Lafontaine und dessen Versuch, die Pflichterfüllung per se schlechtzumachen als Moralmäntelchen für nackte Grausamkeit. Und Lafontaine, der damalige Jung-Linke, mit dem Entsetzen über die reale Verherrlichung der Pflicht im NS-Staat und wie mit ihr Leichenberge kleingeredet wurden.

Schon gar nicht sollte man die Pflichterfüllung deshalb denen überlassen, die sie gerade vorbehaltlos von rechts rehabilitieren wollen. Und das versuchen einige aus dieser Ecke, die AfD und Björn Höcke vorneweg. Letzterer schwadronierte vor einiger Zeit in Dresden nicht nur über das "Denkmal der Schande", das sich das deutsche Volk angeblich ins Herz der Hauptstadt "pflanzte". Er forderte die Deutschen zudem dazu auf, "neue Preußen" zu werden und sich "im Dienste" zu "verzehren". Was uns zum nächsten Punkt bringt, der mit wahrer Pflichterfüllung wenig zu tun hat bis nichts: Preußen.

In Preußen bedeutete Pflichterfüllung nämlich, dass jeder Soldat ist und in Treu und Redlichkeit dem Staat ergeben. Wer seine Pflicht tut, so lehrte man dort, der gehorcht der Stärke, der ist hart gegen sich und andere, brutal und unerbittlich. Noch heute gilt Friedrich der Große als erster Diener dieses Staates. Er war ein würdiger Vertreter der preußischen also falschen Pflichterfüllung. Weil er kein Vertrauen hatte in Menschen, war er überzeugt, in allen wesentlichen Lebensbereichen (Philosophieren, Sümpfe trockenlegen, Angriffskriege führen) könne ihm eh kein Sterblicher das Wasser reichen.

Eben darum sollte man die preußische Pflichterfüllung auch nicht mit Altruismus verwechseln und Bescheidenheit. Nur weil der erste Diener dieses Staates keine Vorliebe hatte für Pomp, macht ihn das nicht zum deutschen Vorzeige-Asketen. Nur weil sich Friedrich mit Voltaire einen aufgeklärten Philosophen als Domestiken hielt, der ihm nie so ganz gehorchen wollte, war er nicht automatisch Philanthrop. Die preußische Pflichterfüllung ist deshalb trostlos und letztlich ungenießbar, weil sie despotisch ist und ohne Mitgefühl. Und mit Despotie kann sich nur im Digitalzeitalter den Arbeitsalltag erfüllender gestalten, wer eh meint, es gehöre zum Kapitalismus naturgemäß dazu, die Menschen zu knechten, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Nur wer sich heimlich sehnt, Untertan zu sein, findet in Preußens Tugendabsolutismus Halt.

Nein, wahre Pflichterfüllung ist älter als Preußens Glanz und Gloria. Sie ist gütig, sie ist groß und kann einen jeden Tag davor bewahren, depressiv zu werden oder zynisch ob des Stumpfsinns in der Welt. Gemeint ist natürlich die Pflichterfüllung der protestantischen Arbeitsethik. Sie ist gerade deshalb groß und gütig, weil sie dem Christen hilft, sich im Stumpfsinn häuslich einzurichten. Der Mensch, lautet sinngemäß ihr Credo, ist verloren – blöd gelaufen, nichts zu machen! Gut für ihn, dass zumindest Gott ihn rettet im finalen Gnadenakt. Aber im Gegenzug muss der Mensch Gott die Gnade zahlen, indem er von der Wiege bis zu Bahre schuftet in Dankbarkeit und Demut.