Es gibt Tage, die will man geduckt verbringen und einsilbig, man umfährt jedes Gespräch, als nehme man an einem Wettstreit teil, dessen Ziel es ist, keine Worte zu verlieren. Man hofft auf roboterhafte Funktionalität aller Menschen. Erschrickt im Hotel schon bei der üblichen Rezeptionistenfrage, ob denn die Anfahrt angenehm gewesen sei und man alles auf Anhieb gefunden habe. Da kann man, nach allgemeinen Regeln der Höflichkeit, nicht nur mit "Ja" antworten, da muss man mehr als ein Wort verlieren.

Man antwortet also zivilisiert mit einer Nebensache, zum Beispiel, dass der Zug in Kassel ausgefallen ist wegen einer Weichenstörung. Darauf kann das Gegenüber problemlos eingehen mit einer kritischen Bemerkung zur Deutschen Bahn: Also, die können sich ja echt alles erlauben, das wird immer schlimmer. Und man selbst wiederum stimmt zu, erzählt eine zweite, kurze, ärgerliche Anekdote, neulich fünfundvierzig Minuten Verspätung auf der Fahrt nach Hannover, die das Gegenüber wiederum kommentieren kann und so weiter. Das wäre dann eine Plauderei. Plaudernd entsteht eine Verbindung zwischen Menschen. Jene Tage, an denen man Plaudereien mit aller Kraft auszuweichen versucht, sind nicht die glücklichsten, das habe ich für Sie ausprobiert.

Als ich neulich mit einem Freund ein Schnitzel aß, was jetzt schon eine verplauderte Einleitung ist, wir aßen übrigens nicht nur Schnitzel, sondern tranken auch bayerisches Bier, obwohl wir in Neukölln saßen, es war ein Augustiner, wenn ich mich recht entsinne, Augustiner ist ein wunderbares Bier – wenn es gut gekühlt ist, es muss gut gekühlt sein –, da erzählte ich ihm von meinen Gedanken über das Plaudern. Und da erinnerte er mich daran, dass es im Journalismus ein vernichtendes Urteil gibt über Texte, das lautet: "Der Text ist mir zu verplaudert." Was natürlich seltsam ist insofern, da man ja als Leser, zumindest glaube und hoffe ich das, keinen Quellcode will und keine Tabelle, kein Null-Eins-Null-Eins; das Erlebnis der Zeitungslektüre sollte sich unterscheiden von einem Besuch beim Statistischen Bundesamt. Wir beschlossen also, dass wir es von nun an als Lob begreifen würden, wenn man unseren Texten Verplaudertheit vorwirft. Dieser Text ist verplaudert? Oh, vielen Dank!

Ich will nicht gleich mit dem Krieg kommen – aber vielleicht doch. Im Krieg nämlich wird wenig geplaudert, der Befehl ist radikal plauderfreie Kommunikation – Kraftfahrer, Motor an! –, das Gespräch mit dem Feind ist ebenfalls zweckorientiert, denn Plaudern würde Menschlichkeit bedeuten, Entgegenkommen, Plaudern ist ein Akt kommunikativer Zärtlichkeit. Dem Feind gegenüber würde das deplatziert wirken oder wie die äußerste Form von Gemeinheit, verbale Vergewaltigung: Man erinnere sich an den SS-Oberst Hans Landa aus Inglourious Basterds, der es als Sadist genießt, mit seinen Opfern zu plaudern. Das Opfer ist gezwungen zu einer Antwort. Landa genießt die Pausen im Gespräch, er lässt die Brutalität noch ein paar Umwege gehen, bevor sie ankommt. Das ist die Perversion des Plauderns, eine Ausnahme.

Auch im Kleinkrieg wird selten geplaudert. Nachbarn, die über Jahrzehnte am Gartenzaun standen und über das Wetter sprachen oder den HSV, die sich über die Forsythien unterhielten, über günstige Flüge und die Müllabfuhr, stellen ihre zarten Gespräche ein, sobald ein Nachbarschaftsstreit über die Ausdehnung des Apfelbaums entbrennt. Dann sprechen die Anwälte in Briefen, kalt und garantiert plauderfrei. Und am Zaun herrscht nur noch Schweigen.

Paare, die neulich noch in der Küche standen und sich ziellos über ihren Tag ausfragten, über den Stau in der Innenstadt, den Lunch-Termin mit einem Kollegen, sind verbal brutal effektiv, sobald sie kein Paar mehr sind: "Hast du Interesse am Sofa?" – "Ja." – "Dann überweis mir bitte 300 Euro. Kontodaten anbei." Und wenn sie sich dann treffen, um noch mal zu reden, scheitern sie gnadenlos am Versuch, entspannt ein paar Nebensächlichkeiten auszutauschen. Es ist dann müdes Pingpong in Zeitlupe. "Und dir geht’s gut?" – "Ja. Dir auch? – "Ja." – "Schön, dich zu sehen." – "Ja. Find ich auch."

Plaudern ist eine Kunstform ohne Künstler, denn der Plaudernde will nichts erschaffen und nichts darstellen, sondern einfach mal ein bisschen plaudern. Die Kunst besteht darin, dass man sich von seinem Zeitgefühl löst und einem möglicherweise antrainierten Gespür für Timing und akzeptiert, dass man ein Gespräch nicht durch die erste Abfahrt verlässt, sondern die Abfahrten vorbeiziehen lässt, schweigt, noch mal nachhakt, das Gesagte wiederholt oder paraphrasiert und auch mal zugunsten einer Floskel oder einer Redensart radikal auf Inhalt verzichtet.

Dann sagt man zum Beispiel im herkömmlichen Sinn eher sinnfreie Sätze wie diesen: "Ja, nee, das ist immer so eine Sache, muss man dann einfach schauen, ne?" Und das Gegenüber antwortet: "Jo, kann man einfach nicht wissen, schwer zu sagen." Worauf man beispielsweise entgegnen kann: "Muss man auf sich zukommen lassen." Um dann, wenn eine Pause der vermeintlichen Ratlosigkeit entsteht, nicht etwa das Gespräch zu beenden, sondern geduldig zu warten, bis der andere sagt: "Steckt man nicht drinnen." Und dann setzt man noch einen drauf und entgegnet: "Wird schon schiefgehen, ne."

Schlägt man im Wörterbuch nach, so wird dort plaudern umschrieben als sich "gemütlich und zwanglos" unterhalten. Gemütlich ist eine Plauderei, weil sie ausgestattet ist mit einem Übermaß an Wörtern und Sätzen, Dialogfetzen, Raunen und Brummen, bequem also wie ein von Kissen übersätes Sofa, nie gerät jemand unter den Druck, besonders präzise sein zu müssen und schnell. Zwanglos ist sie wegen ihrer Ziellosigkeit, sie ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck.