Vor der Tür steht ein Jeep von Bentley, und ich frage mich, ob der Jeep nicht die Oversize-Version eines normalen Autos ist und dieser Bentley nicht die XXL-Version eines Jeeps.

An diesem Abend denke ich viel über Größenverhältnisse und Umfänge nach. Ich selbst zum Beispiel bin eher schmal, aber die Bauchregion: Wachstumszone. Der Körper kann ohne Probleme verschiedene Erscheinungsbilder kombinieren; ich bin ein schmal-dicklicher Mensch, was immer dann sichtbar wird, wenn ich Krawatte trage. Der Schlips liegt auf der Bauchdecke auf und weist vom Körper weg, ein Vektor aus Stoff. Für nachtblinde Menschen könnte es leuchtende Krawatten geben, dann wüssten sie, wo es langgeht nach Einbruch der Dämmerung. So denke ich vor mich hin, während die Leute hereinkommen: Michael Michalsky, Designer und Juror bei Germany’s Next Topmodel, präsentiert eine Kollektion für Dicke im Heizwerk.

Man darf das sagen – Mode für Dicke –, das hat mir das Model Christine Müdder erklärt. Im Netz firmiert sie als Christine Jones, auf Instagram heißt sie christine.pocahontas.

Sie steht vor mir, 1,81 Meter groß, Kleidergröße 46/XXL, Typ Priscilla Presley mit einem Hauch Heidi Klum, wenn Klum ein wenig entspannter wäre. Sie sagt: "Manchmal kriege ich zu hören: 'Wie kannst du behaupten, dass du dick bist!' – 'Na, weil ich dick bin!', sage ich dann. Ich sage ja nicht, dass ich hässlich bin oder dumm. Sondern dick."

Dick heißt jetzt curvy, kurvig, das finde ich sympathisch. Und es stimmt ja auch: Wer sich die Pfunde nicht herunterschnitzt, um auszusehen wie eine Giacometti-Figur, der kriegt unter Umständen Kurven.

"Deshalb ist es so schade, dass viele Modemacher immer noch denken, dass man Plus-Size verhüllen muss", sagt Maria Rennemeier, auch eine Bloggerin für Curvy-Mode, 36 Jahre, 1,86 Meter groß, Instagram-Name: mrs.phenomenal. "Und das denken ja auch andere. Wie oft meine Mutter gesagt hat: 'Kind, das Shirt ist zu eng. Die Hose ist zu kurz. Eine ärmellose Bluse? Muss das sein?'"

Die Zeiten ändern sich langsam, aber deutlich. Es gibt demnächst das Magazin Curvy am Kiosk (im Netz ist der Titel schon länger erfolgreich), und die Designer reagieren ebenfalls. Die Happy-Size-Kollektion von Michalsky kaschiert die Körperfülle nicht, sondern nutzt sie. Blusen im Stil von Basketball-Shirts, wadenhohe Seventies-Hosen, Kurzmäntel im Trainingsanzug-Look, Stiefeletten mit hohen Absätzen – das sieht alles selbstbewusst aus, lässig und sexy.

Die Männersachen wirken allerdings ein bisschen plump. Skinny-Jeans und Dicksein passen nicht wirklich zusammen. Und Hosen mit Bündchen finde ich verwirrend. Bündchen gehören an einen Ärmel. Aber vielleicht ist auch das nur ein Vorurteil.