Alle Macht den Räten? Nicht ganz. Jedenfalls nicht in Hamburg. Im November 1918, als überall in Norddeutschland aufständische Soldaten, Matrosen und Arbeiter in den Wirren nach Kriegsende "Arbeiter- und Soldatenräte" bildeten und die Macht übernahmen, fand man in Hamburg eine Art Gentlemen’s Agreement. Man habe eine Kommission aus Vertretern des Arbeiter- und Soldatenrats und Senatsmitgliedern gebildet, so ein Flugblatt vom 13. November 1918, "zwecks Überleitung in die neuen Verhältnisse". Und um klarzustellen, dass die Verhältnisse nicht ganz so neu ausfallen sollten: "Das Publikum hat sich wie bisher an die zuständigen Behörden zu wenden. Die Gesetze bleiben in Kraft. Das Eigentum wird geschützt. Verträge und gesetzliche Verpflichtungen sind zu erfüllen. Alle Steuern sind zu entrichten."

Die sogenannte Novemberrevolution von 1918/19 ist ein mythisches Ereignis – für den späteren KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann war sie die "Geburtsstunde der deutschen Revolution". Die ehemalige DDR behauptete von sich, sie habe "das Vermächtnis der Novemberrevolution verwirklicht". Die Kuratoren im Museum für Hamburgische Geschichte dagegen haben ein Fragezeichen hinter den Aufstand gesetzt. Revolution! Revolution? ist der Titel ihrer Ausstellung, die bis zum Februar 2019 zu sehen sein wird. Wie revolutionär war Hamburg während der Novemberrevolution? Der Arbeiter- und Soldatenrat habe Ende November 1918 heftig diskutiert, wie die neue Demokratie aussehen soll, sagt Ortwin Pelc, einer der Kuratoren. "Auch die Räterepublik war eine Option, aber dann hat man sich doch entschlossen, Wahlen zu einer neuen Nationalversammlung durchzusetzen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen."

Während die SPD auf nationaler Ebene auf 37,9 Prozent kam, erreichte sie in Hamburg die absolute Mehrheit. Ihre linke Abspaltung USPD, deren Anführer während der Aufstände eine wichtige Rolle gespielt hatten, erreichte gerade mal 6,8 Prozent. Die SPD hätte den Ersten Bürgermeister stellen können, verzichtete aber zugunsten des Rechtsanwalts und bisherigen Bürgermeisters Werner von Melle darauf, weil sie sich so den "Rückhalt der bürgerlichen Familien" in Hamburg sichern wollte, sagt Christina Ewald, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums. "Das Modell war ja auch relativ erfolgreich – bis auf wenige Jahre ist die SPD seither in Hamburg an der Macht", so Ewald. War die SPD in Hamburg also schon immer konservativer als in anderen Landesteilen? "Nicht nur das, vor allem war das Hamburger Bürgertum auch kompromissbereiter als anderswo", sagt Ewald. "In Hamburg ist alles darauf ausgerichtet, Handel und Wirtschaft zu erhalten, das war damals nicht anders als heute."

Die Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte will mehr sein als eine politische Chronik. Sie widmet sich intensiv dem sozialen und kulturellen Leben, das es während der Aufstandswirren eben auch gab. Während sich das Proletariat mit roten Fahnen auf dem Heiligengeistfeld versammelte, ging das Bürgertum zu Hagenbeck in den Zoo oder ins Stadttheater an der Dammtorstraße, um sich den Tannhäuser anzusehen – oder es zumindest zu versuchen: In einem Viola-Notenauszug, den die Oper bis heute verwendet, fanden die Forscher eine Notiz, die vom Abbruch der Aufführung durch den Arbeiter- und Soldatenrat berichtet. Am Mittwoch, den 6. November 1918 sei "während des Gebetes der Elisabeth" die Vorstellung "abgebrochen und das Publikum zum Verlassen des Theaters" aufgefordert worden, notierte der Bratschist feinsäuberlich mit Bleistift am unteren Rand des Notenblattes.

Auch hier seien die Revolutionäre "nicht etwa aus antibürgerlicher Kunstfeindlichkeit" vorgegangen, so kommentiert der Katalog zur Ausstellung, "sondern um die Ordnung einzuhalten, denn der Arbeiter- und Soldatenrat hatte verfügt, dass die Straßen der Hansestadt um 18 Uhr geräumt zu sein hatten, weil Schießereien zu befürchten waren". Die Kulturszene Hamburgs interessierte sich wenig für die neue Demokratie. Während in München Ernst Toller und Erich Mühsam für die Räterepublik kämpften, forderte der Hamburger Dichter Richard Dehmel die Revolutionäre auf, den Krieg fortzusetzen und sich nicht der "knechtschaffenden Friedensmacherei" zu ergeben – eine völlige Verkennung der Lage.

Auch in Hamburg gab es Tote und Hungeraufstände, am 27. Dezember etwa stürmten Arbeitslose das Hotel Atlantic und den Alsterpavillon, um die Vorratskammern auszuräumen. Um die ungeheure Not nachvollziehbar zu machen, die in den letzten Kriegsjahren die Bevölkerung plagte, hängen Rezepte für damalige Notgerichte an den Wänden des Museums. Eine Hagebuttensuppe gefällig? Dafür reichen 50 Gramm Haferflocken und 30 Gramm getrocknete Hagebutten. "Steckrüben mit Milchsauce" klingt fast nach zeitgenössisch-regionaler Hipsterküche. "Gebackene Kalbsfüße" dagegen ist ein Euphemismus, eigentlich ging es nämlich darum, die Hufe so lange zu kochen, bis sich die Haut von den Knochen löst. "Die abgelöste Haut legt man aufeinander, so daß sie zusammenklebt, und beschwert sie etwas", empfiehlt das Rezept. "Erkaltet schneidet man diese in Stücke, die in Eierkuchenteig gewendet und in Fett gebacken werden." Appetit bekommen? Ein "Ausschuss für Volksernährung" lud zu "Kriegs-Kochvorführungen", um "die veränderte Kochweise an einigen Speisen zu zeigen".

Die Lage der Bevölkerung war elend, trotzdem prägte die Angst vor sowjetischen Verhältnissen das politische Klima. Überall bildeten sich Räte nach russischem Vorbild – dass diese allerdings einen Umsturz wie die Oktoberrevolution herbeiführen wollten, dementierten linke Arbeiterführer eifrig. Die "politische Methode der Bolschewisten" lehne man ab, versicherte Heinrich Laufenberg, der für die sogenannten Linksradikalen im Arbeiter- und Soldatenrat saß und den die bürgerliche Presse "roter Diktator" schimpfte.

Revolution hin oder her – für Frauen bedeuteten die neuen Verhältnisse nicht unbedingt einen Fortschritt. Ein großformatig aufgezogenes Foto einer Frau, die als Bahnschaffnerin Dienst tat, zeigt, worum es geht: Als die Männer im Krieg waren, übernahmen häufig Frauen ihre Arbeit. Die Novemberrevolution sorgte formell für politische Gleichberechtigung. Frauen durften in die Arbeiter- und Soldatenräte gewählt werden, dem Hamburger Rat gehörten kurzzeitig auch zwei Frauen an. Doch als die Männer zurückkamen, drängten sie die Frauen aus den Betrieben zurück ins Heim und an den Herd. Der Vorsitzende des Deutschen Kellner-Bundes etwa verlangte, weibliche Bedienungen zu verbieten, um die "Wiederherstellung gesunder Verhältnisse zum Aufbau eines starken deutschen Vaterlandes" zu garantieren.

Immerhin, die Ereignisse von 1918/19 verhalfen dem jahrelangen Kampf für das Frauenwahlrecht endlich zum Erfolg. Nicht nur das Frauen-, sondern überhaupt das allgemeine Wahlrecht konnten die Räte durchsetzen. Zuvor war es in Hamburg nur männlichen Bürgern ab einem Monatseinkommen von 1.200 Reichsmark erlaubt, wählen zu gehen.

Also, war es nicht doch eine Revolution? Der Kurator antwortet salomonisch. "Wie definiert man Revolution? Muss es Tote geben?", sagt Ortwin Pelc. "Es gab Errungenschaften, und wir haben einen demokratischen Umbruch erlebt."

Revolution! Revolution? Hamburg 1918/19. Museum für Hamburgische Geschichte, vom 25. 4. 2018 bis 25. 2. 2019, ein umfangreiches Begleitprogramm unter www.hamburg-18-19.de