Manuela Schwesig steht im Wohnzimmer, einer laut Eigenwerbung "Szenebar und Vintage Lounge" im Zentrum von Wiesbaden, und hat Krawalllaune. Es geht, am Vorabend des SPD-Parteitages, um die Kritik des neuen deutschen Außenministers an Russland. "Maas hat doch recht", sagt einer aus der Runde – und schon bezieht er jene verbale Prügel von der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, die Heiko Maas nur deshalb nicht einstecken muss, weil er für den Familienzoff im Wohnzimmer gerade keine Zeit hat. Er ist in Toronto.

In den Attackemodus hatte Schwesig schon nachmittags geschaltet, als sie im SPD-Präsidium, dem engsten Führungszirkel der Genossen, den neuen Außenminister abwatschte. So gehe das nicht, die brüske Tonlage, die Rhetorik der Ausgrenzung, der ganze Kurswechsel gegenüber Russland. Maas müsse weg von der Konfrontation und zurück zu einer Politik, wie sie seine Vorgänger Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel betrieben hätten – auf Ausgleich angelegt. Schwesigs Vizevorsitz-Kollege Ralf Stegner und Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, fielen so lange in die Maas-Abwatsche mit ein, bis das Führungsduo Nahles/Scholz, sichtlich überrascht, das Ganze beendete. Die Diskussion über den Russland-Kurs sei wichtig und richtig, solle aber erst in einer der nächsten Vorstandssitzungen weitergeführt werden. Dann, wenn auch Maas wieder dabei sei. Und sich wehren könne.

Doch der Versuch, den Streit durch Vertagen zu entschärfen, misslingt. Am Tag danach veröffentlicht die Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung einen "Aufruf zu gemeinsam angewandter Vernunft", der eine "Entspannung" mit Russland anmahnt. Einer der Unterzeichner: Ex-Außenminister Sigmar Gabriel. Entspannung ist ein Codewort im sozialdemokratischen Kosmos, auf das jeder Genosse sofort anspringt: Willy Brandt, Egon Bahr, die Ostpolitik, Wandel durch Annäherung. Dass Gabriel seinem Nachfolger, zwar ein wenig versteckt, aber doch öffentlich, eins mitgibt, hat noch kein Ex-Außenminister zuvor gewagt. Schon gar nicht nach so kurzer Zeit außer Dienst.

Die Frage "Wie halten wir’s mit Russland?" spaltet die SPD gleich in dreierlei Hinsicht: politisch-pragmatisch, in ihrer parteistrategischen Ausrichtung und im ideologischen Selbstbild. In der ersten geht es darum, mit welcher Grundhaltung die SPD Russlands autokratischem Herrscher Wladimir Putin gegenübertreten soll. In der zweiten um die Frage, welche Russland-Politik das eigene Profil schärft. Und in dritter Hinsicht darum, ob die viel beschworene Ostpolitik der SPD nicht etwas ganz anderes war als diejenigen denken, die sie heute andauernd beschwören.

Im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages hat der Außenpolitik-Novize Maas unlängst begründet, warum er mit Amtsantritt die Tonlage der Regierung gegenüber Russland so demonstrativ verschärft hat: Er will den politischen Spielraum gegenüber den eigenen Verbündeten vergrößern.

In Europa und in den USA ist die Meinung weit verbreitet, die Deutschen seien zu zahm, zu unterwürfig gegenüber Russland. Steinmeier musste sich den bösen Vorwurf, Appeasement-Politik zu betreiben, gleich mehrfach anhören. Maas zog daraus Konsequenzen: Er warf Russland vor, es definiere sich selbst "in Gegnerschaft zum Westen". Er kritisierte die Blockadehaltung Moskaus im UN-Sicherheitsrat nach dem Giftgaseinsatz in Syrien. Er rechtfertigte die Ausweisung von vier Diplomaten aus Großbritannien infolge des Anschlags auf einen russischen Ex-Agenten und dessen Tochter. Als "notwendig und angemessen" bezeichnete er die Maßnahme.

Mit neuem Vertrauen seitens der Verbündeten im Rücken will Maas sich dann wieder Moskau zuwenden. Erst wenn der Westen nicht mehr an die eingebaute Russlandfreundlichkeit der Deutschen glaubt, kann Deutschland mit Aussicht auf Erfolg wieder russlandfreundlich sein. So in etwa lautet der erste Teil des Maas’schen Ansatzes. Im Auswärtigen Ausschuss überzeugte er damit längst nicht jeden.

Es gibt noch einen anderen Grund für die harsche Tonart von Deutschlands oberstem Diplomaten. Heiko Maas ist davon überzeugt, dass man sich einem autoritären Herrscher nicht nähern sollte, indem man gleich mal die weiße Fahne auspackt und ihm dann munter entgegenwedelt. "Immer nur Dialogbereitschaft zu signalisieren, das hat uns doch dahin gebracht, wo wir heute stehen", sagt ein Maas-Vertrauter. "Nichts bewegt sich."