Ein altes Schwarz-Weiß-Foto: Zehn Frauen stehen in der Abflughalle des Dubliner Flughafens, in den Händen halten sie Plakate, auf denen sie Gründe für den Flug nach England zu einer Abtreibungsklinik aufgeschrieben haben. Eine der Frauen war Anne O’Leary, sie ist die Nummer zehn. "Gründe gab es genug", sagte sie. "Eine hatte Angst um ihren Job, die andere war nach einer Vergewaltigung schwanger geworden, die Dritte hatte schon sechs Kinder." Auf O’Learys Plakat stand der, wie sie später sagte, "ungeschickt formulierte" Satz: "Weil meine Eltern mich umbringen würden."

Das Foto ist 1983 während der Kampagne gegen die Aufnahme des Abtreibungsverbots in die irische Verfassung entstanden. Die Kampagne scheiterte, und seitdem ist Irland eines der wenigen Länder der Welt, in denen ein Schwangerschaftsabbruch per Verfassung verboten ist. Das soll sich nun ändern. Am 25. Mai entscheiden die Irinnen und Iren durch ein Referendum, ob der 1983 eingefügte 8. Zusatzparagraf, der dem Fötus dasselbe Lebensrecht wie der Schwangeren zugesteht, wieder aus der Verfassung gestrichen wird.

O’Leary wird das nicht mehr erleben. Sie starb 2004 mit nur 51 Jahren an Nierenversagen. Eine Abtreibung hatte sie nie. Carol Murphy dagegen, die damals ebenfalls gegen das konstitutionelle Abtreibungsverbot demonstrierte, ist in den achtziger Jahren in eine Klinik nach Liverpool gefahren. "In den Zügen nach Dún Laoghaire, wo die Fähre nach Großbritannien ablegt, saßen immer Nonnen", sagt sie im Gespräch mit Christ&Welt. "Die hielten nach jungen, allein reisenden Frauen Ausschau, weil sie ahnten, was die vorhatten. Irgendwie hatten die Nonnen ein Gespür dafür und nahmen diese Frauen im wahrsten Sinne des Wortes ins Gebet."

Ob sie tatsächlich jemanden zur Umkehr bewegen konnten, weiß man nicht. Schließlich waren die Frauen verzweifelt genug, diese Reise überhaupt anzutreten. Irland hat das Problem bislang exportiert. Täglich reisen bis zu zehn irische Frauen zur Abtreibung nach England. Die genaue Zahl kennt niemand, denn viele Irinnen geben in der Klinik die englische Adresse einer Freundin oder Verwandten an. Aufgrund des größeren logistischen Aufwands und der höheren Kosten für eine Reise nach England liegt der Prozentsatz der Irinnen, die nach der 20. Woche abtreiben, viel höher als bei Britinnen.

Irlands konservativer Premierminister Leo Varadkar sagte, mit dem Referendum bitte man die Öffentlichkeit, den Frauen zu vertrauen. "Außerdem beinhaltet es die Frage", sagte er, "ob man unseren Ärzten vertraut, im späteren Stadium der Schwangerschaft zu bestimmen, ob eine Abtreibung medizinisch vertretbar ist."

Ginge es nur um die Streichung des Paragrafen, würden die meisten mit Ja stimmen. Aber die Regierung will sich durch den Volksentscheid gleichzeitig das Recht sichern, entsprechende Gesetze zu verabschieden.

Sie hatte sich voriges Jahr an die Bürgerversammlung gewandt, deren 99 Mitglieder einen Querschnitt der Bevölkerung repräsentieren. Die Versammlung schlug vor, Abtreibungen bis zur 12. Schwangerschaftswoche auf Verlangen zu erlauben. Bei Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren sowie bei fötalen Missbildungen könne die Schwangerschaft auch später abgebrochen werden, wenn die Ärzte zustimmen, hieß es. Der Vorschlag war zwar nicht bindend, aber die Regierung übernahm ihn.

Das Gesetz ist höchst umstritten, weder die Regierungspartei Fine Gael ("Stamm der Gälen") noch die großen Oppositionsparteien Fianna Fáil ("Soldaten des Schicksals") und Sinn Féin ("Wir selbst") sind offiziell für diese Regelung. So hängt es von den einzelnen Abgeordneten ab, ob das Gesetz verabschiedet wird. Einen Fraktionszwang soll es nicht geben.