Da stehen wir nun also zwischen Ficus-, Bambus-, Farn- und Philodendrongrün, Tamarindengrün, Lotusblättergrün, Algengrün und Froschgrün, so was wie Gurken- und Kiwi- und Limonengrün, auch Kackgrün irgendwie und Bananenblattgrün sowieso. Keine Ahnung, was noch, aber damit sind längst nicht alle Grünfarben aufgezählt, die ich hier sehe. Kaum eine Halbtagesreise von der Südwestküste Sri Lankas entfernt, wo wir tagelang vor allem das Meer in all seinen Blaufarben vor uns hatten, in all seiner Klarheit und doch zu jeder Tageszeit eine Farbnuance anders – und laut, wie der Indische Ozean eben ist, wenn ihm über Tausende von Kilometern nichts im Weg steht. Grüner gehts nicht, denke ich, und dass ich kürzlich mal eine Studie gelesen habe, in der stand, dass Menschen, die nahe an Wäldern und Parks leben, glücklicher sind. Tiere bestimmt! Im Gebüsch neben mir knuspert es, über uns raschelt und huscht es durch die Baumwipfel. Es sind turnende Affen, rasant kletternde Streifenhörnchen und ziemlich fette asiatische Riesenhörnchen, die oben auf Ästen hocken, sie sind fast so groß wie Waschbären. Wenn nicht gerade ein Tier ruft, ist es still. Zweiunddreißig Grad, über achtzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich sehe nichts als Dschungel.

Ich habe mir diesen Platz selbst ausgesucht. Wir haben ein Haus im Bayerischen Wald, der in manchen Gegenden auch eine Art Urwald ist. Aber ich wollte es exotisch. Beim virtuellen Blättern durch die Seiten von Regenwald- und Urwaldhotels sah ich das Foto eines kleinen Hauses zwischen Bambuspflanzen mit einem halbrunden Dach aus Glas. In dem will ich schlafen, sagte ich zum Mann, und in den grünen Himmel schauen.

Nun sind wir also für zwei Tage hier – in Diyabubula, einer winzigen bewohnbaren Dschungelblase in Sri Lankas Mitte, und beziehen unser Quartier. Leider nicht die Bambusvilla mit dem Glasdach, die Affen haben sie beim Spielen beschädigt. Stattdessen eine von drei Wasservillen. Die Häuser sind vor allem aus gebrauchtem Holz und Bambus auf Stelzen über einem zenartigen Wassergarten gebaut, einfach, aber mit ästhetischem Gespür. Auch ein sogenanntes Baumhaus gibt es noch. Und egal in welches der Gebäude man sich einmietet, auf allen Wegen und in allen Räumen begegnen einem Kunstwerke: Figuren und Objekte aus Holz, aus Metall, mal tierisch, mal ganz abstrakt, und Gemälde, die häufig erzählerisch und sehr an der Natur orientiert sind. Sie stammen vom Schöpfer dieses Ortes: Laki Senanayake, Architekt und Künstler.

Seit vier Jahren kann man sich hier einmieten. Es gibt nur Platz für zehn Personen. Aber ausgebucht ist eigentlich nie, die Besitzer machen keine kommerzielle Werbung, jede Buchung geschieht auf Empfehlung. Diyabubula liegt nahe Dambulla, wo sich Sri Lankas berühmte buddhistische Tempel-Höhlen befinden, mitten im Kulturdreieck des Landes, dessen Eckpunkte die alten Königsstädte Anuradhapura, Polonnaruwa und Kandy bilden. Auch deshalb sind wir hier. Und verlassen unsere Dschungelblase auch gleich noch einmal, um den nur etwa zwanzig Minuten entfernten Sigiriya-Felsen zu erklimmen, ein Stück Unesco-Weltkulturerbe, besonders gut für Schwindelfreie geeignet. König Kassapa I. ließ auf dem Felsen im Jahr 473 seinen Palast errichten sowie auf dem Weg hinauf Lustgärten für seine 400 Konkubinen, sagt unser Führer. Außerdem Springbrunnen, eine Klosteranlage und ein sehr ausgeklügeltes Zisternensystem. Die Überreste der ganzen Anlage sind noch zu sehen, auch Teile wunderschöner Fresken.

Als wir zurückkommen, liegt über dem ganzen Stück Dschungel experimenteller Jazz. Wie ein Open-Air-Konzert nur für den Wald, denke ich, und ein Kinderlied aus den Fünfzigern fällt mir wieder ein: "Die Affen rasen durch den Wald, der eine macht den andern kalt ... " Aber wir hören hier Avantgarde. Was ist das, frage ich den Mann, weil der sich gut auskennt mit Musik und außerdem so eine App auf dem Handy hat, Shazam, mit der man in Sekundenschnelle herausfinden kann, was gerade gespielt wird. Die Tiere und wir hören Enrico Intra, einen italienischen Komponisten, Le Case de Berio.

Nur, wo kommt die Musik her? Wir finden es heraus, als wir jenseits des kleinen Speisehauses in einen abgeschirmten Teil des Grundstücks vorstoßen. Laki Senanayake bespielt den Dschungel über Lautsprecher. Er sitzt mit nacktem Oberkörper und Sarong bekleidet auf seinem Atelier-Plateau über dem Wasser. Er ist schätzungsweise achtzig Jahre alt, wirkt aber lebendig, neugierig und strahlend wie ein Junge. Er macht die Musik aus, wir trinken mit ihm Tee, essen Ingwerkekse und lassen uns erzählen, wie Lakis Bruder, ein Anwalt, vor über dreißig Jahren von einem Klienten nicht mit Geld, sondern mit diesem Stück Land bezahlt wurde. Laki kaufte es seinem Bruder ab, baute zuerst nur Gemüse darauf an zwischen den bereits vorhandenen Bananenstauden – bis er begann, das ehemalige Ackerland in seinen privaten Urwald zu verwandeln.

Er entdeckte eine murmelnde Quelle auf dem Grundstück, nach der der Ort heute benannt ist, Diyabubula. Er pflanzte Bäume, die auf diesem fruchtbaren Land schnell wachsen, legte Teiche an, baute sich ein Atelier und ein kleines Wohnhaus. Und begann, alle Kunstwerke, die hier entstanden, ins Gelände einzubeziehen. Er zeigt auf einen Bischof aus Holz, der neben einem der Teiche im Gebüsch sitzt und nicht lächelt. "Er ist halt so geworden", sagt er fast entschuldigend, weil ihn einmal jemand gefragt habe, warum dieser Kerl so streng schaut. "Ich weiß nie, was herauskommt, wenn ich etwas anfange, ich will es auch gar nicht wissen. Wüsste ich es vorher, würde ich nur Kunsthandwerk machen." Plötzlich platscht es dramatisch zwischen den Lotuspflanzen und Seerosen. Ein Krokodil? Gespannt stehe ich auf, um übers Geländer zu schauen. Wie gern würde ich mal ein Krokodil sehen! Aber nein, es sind nur Warane, immerhin auch dunkle, große Echsen, die nicht gerade vertrauenserweckend ausschauen. "My guys", sagt Laki, "sie sind zu siebt, sie streiten oder sie spielen." Und dann sitzt er mit uns still, als kennten wir uns schon lange. Aber nur kurz, bis er beginnt, abwechselnd auf iPod und iPhone zu tippen. Am liebsten höre er sich über YouTube neue Musik an. Sagt er und grinst verschmitzt. Er liebe Karlheinz Stockhausen, aber den könne leider niemand außer ihm ertragen hier auf dem Grundstück.