Dreißig Minuten Autofahrt liegen hinter uns, als der Jeep endlich von der schmalen Straße abbiegt und auf einen Hof fährt. An den Seiten stehen zwei Fachwerkhäuser, niemand scheint hier zu sein, Handynetz gibt es auch keines – bei Sonnenschein ist dieser Ort bestimmt eine Idylle. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangt man nicht in die Einöde hinter Waren an der Müritz, was eine Garantie ist für absolute Einsamkeit einerseits und die Erlaubnis, laut zu sein, andererseits. Das Stegreif-Orchester ist mit gutem Grund zur Probenwoche ausgerechnet hierher gekommen.

Die Musiker sitzen an diesem trüben Frühjahrs-Mittwoch auf dem Dachboden eines der beiden Häuser, einer großen Scheune, in Schneidersitz oder Hocke, manche haben sich auf den Rücken gelegt und die Augen geschlossen. Die an der Decke hängenden Heizstrahler summen, einzelne Regentropfen ticken gegen die kleinen Fenster, sonst ist es still. Bevor sie ihre Instrumente stimmen und sich auf die erste Stelle einigen, die sie proben wollen, bevor sie sich in der nächsten Improvisation unter Umständen wieder zu Lautstärken versteigen, die sie zwingen, sich die Ohren zuzuhalten – vor alldem herrscht erst einmal Ruhe. Das sieht der Probenplan so vor. Kollektives Runterkommen.

Eine heterogenere Zuhörerschaft

Seit 2015 arbeiten die Stegreif-Mitglieder an dem Ziel, die Aufführungspraxis klassischer Musik zu reformieren. Ihre Musik soll im Konzert vor allem spontan und flexibel sein, wie "aus dem Stegreif": fähig, jederzeit mit dem Steigbügel auf das Pferd auf- und von ihm wieder abzuspringen, wie es auf der Facebook-Seite heißt. Sie spielen leger gekleidet, ohne Stühle, ohne Dirigent und auswendig. Die zwei Projekte, mit denen sich das Ensemble bisher einen Namen machte, heißen #freebeethoven und #freeschubert. Um diese zwei Giganten der Musikgeschichte zu "befreien", beließen es die Interpreten aber nicht dabei, deren Werke einfach nur neu zu spielen: Sie griffen – und das mag ein Sakrileg sein – in die Komposition ein, bearbeiteten und reorchestrierten sie, mischten die Klänge mit Einflüssen aus anderen Genres, improvisierten, bewegten sich dabei durch den Raum. Interpretation "aus dem Stegreif" wird bei ihnen zum wilden Ritt durch die Musikrichtungen, auf dem Rücken eines großen Namens, der am Ende alle überrascht haben wird. Zu den Konzerten kamen vor allem junge Menschen und solche, die eher nicht zum Standard-Philharmonie-Publikum gehören. Ihr Beifall glich einem Jubelsturm.

Auf dem Dachboden der Scheune bereitete das Orchester diesen März das nächste große Projekt vor, das vergangenen Samstag seine Premiere feierte: #freebrahms, mit der wundervoll schwermütigen 3. Sinfonie von Johannes Brahms im Mittelpunkt – jenem Werk, über dessen unendliche Linien und betörende Harmonien schon Antonín Dvořák das Herz aufging. Dass es diese Sinfonie sein sollte, "war irgendwie klar", sagt Juri de Marco, Gründer des Ensembles, viele Mitglieder hätten sie schon gespielt und sich buchstäblich "in die Musik verliebt". Jetzt brachten sie ihre Version des Werks zur Aufführung, eine Art choreografierte Performance. Erste Tatorte: das Konzerthaus Berlin und der Hamburger Resonanzraum. Brahms, erweitert durch minimalistische, jazzige, elektronische Passagen und wilde Improvisationen, die Melodien verwandelt in rockige Hooklines und unterfüttert mit Beats.

Braucht es eine solche Radikalität, ja Brutalität, um klassische Musik einem neuen Publikum nahezubringen?

"Brutal?" De Marco denkt kurz nach. "Wir waren noch nie so sensibel. Wir haben noch nie so sehr versucht, den Komponisten, den wir verändern, zu verstehen und ihm gerecht zu werden." Die Musik, sagt er, sei für ihn ein "immens wichtiges Kulturgut", das es zu pflegen gelte "und das nicht museal werden darf". Deshalb funktioniere für ihn ein Werk wie Brahms’ Dritte "selbstverständlich" auch im Original. De Marco denkt an klassische Streichquartette und größere Orchester (wie die in ihrer Brahms-Interpretation ebenfalls vor Leben strotzende Deutsche Kammerphilharmonie Bremen). Nicht weniger innovativ sind Projekte wie das Hamburger Ensemble Resonanz oder das Ensemble Mini aus Berlin, auch sie zeigen, dass das viel beschworene Problem eines alternden Publikums in der Klassik nicht an der Klassik selbst liegt: Beide Ensembles reduzieren die Besetzung und kombinieren die ältere mit zeitgenössischer Musik, spielen sie an ungewohnten Orten und öffnen ihre Probenräume. Damit erreichen sie eine deutlich heterogenere Zuhörerschaft als viele Konzerthäuser.